HOME

Vierter Jahrestag des Fukushima-Gaus: "Selten hatte ich bei einer Recherche solche Angst"

Vor vier Jahren erschütterte das Fukushima-Unglück Japan. stern-Korrespondent Janis Vougioukas war kurz danach vor Ort und erinnert sich an eine der schlimmsten Tragödien, die er je erlebte.

Die Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima im März 2011: "Sollte der Reaktor explodieren, sucht Schutz in einem Betongebäude."

Die Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima im März 2011: "Sollte der Reaktor explodieren, sucht Schutz in einem Betongebäude."

In Fukushima habe ich wieder angefangen zu Rauchen, nach dem Erdbeben vor vier Jahren. Ich brauchte das Nikotin. Das Zigaretten gesundheitsschädlich sind, schien angesichts der Atomkatastrophe nicht mehr wichtig.

Am Morgen nach dem Erdbeben war ich in Japan gelandet. Ich war gekommen, um über eine Naturkatastrophe zu berichten. Doch schnell wurde klar, dass der havarierte Reaktor das wichtigere Thema war. Ich verbrachte die erste Nacht in Tokio. Noch immer bebte die Erde alle paar Stunden in krampfartigen Nachbeben. Wir hatten einen Kleinwagen gemietet. Am nächsten Morgen fuhren der Fotograf Paolo Patrizi, der Übersetzer und ich Richtung Norden, nach Fukushima.

"Welche Atemmasken sind die besten?“

Als das Atomunglück von Tschernobyl passierte, war ich gerade zehn Jahre alt. Ich konnte mich noch dunkel erinnern: Man durfte keine Pilze essen, auch mit Milch musste man vorsichtig sein. Und aus dem Fernsehen hatte ich Bilder von Männern mit Gasmasken in Erinnerung. Irgendwann sahen wir einen Baumarkt und machten Halt. Der Übersetzer fragte: "Welche Atemmasken sind die besten?“ Wir kauften die blauen. Auf der Packung stand: "Besonders für Arbeiten mit Asbest geeignet.“

So ausgestattet fuhren wir zur Sperrzone um den Reaktor. Selten habe ich mich so unvorbereitet gefühlt. Von der Redaktion in Hamburg kamen besorgte Ratschläge: "Sollte der Reaktor explodieren, sucht Schutz in der Mitte eines soliden Betongebäudes.“ Und: "Besorgt euch Jodtabletten.“ Wir hatten nicht einmal Trinkwasser dabei, da selbst in Tokio die Supermarktregale völlig leer und ausverkauft waren.

"Oft standen mir die Tränen in den Augen"

Selten hatte ich bei einer Recherche solche Angst. Immer wieder kehrten wir um, und fuhren schließlich doch weiter, ständig schrien wir uns an, durch die Gasmasken hindurch – aus Stress, Angst und Adrenalin.

Wir verbrachten die erste Nacht vor Ort auf dem Fußboden des Rathauses von Fukushima. Von da fuhren wir weiter nach Sendai, nördlich von Fukushima, wo der Tsunami kilometerbreite Vorortsiedlungen völlig zertrümmert hatte. Oft standen mir bei meinen Interviews in den kommenden Tagen und Wochen die Tränen in den Augen.

Im Jahr nach der Katastrophe bin ich immer wieder nach Japan gefahren und habe viele Monate vor Ort verbracht. Kein anderes Thema und kein anderer Katastropheneinsatz ist mir seitdem so nahegegangen.

Das Unbegreifliche an der Katastrophe war wohl, dass ein Land, so modern und hoch entwickelt wie Japan, plötzlich zum Notstandsgebiet geworden war. Wenn nicht einmal Japan die Atomkraft kontrollieren kann, dann schafft das niemand. Ganz Deutschland hatte offenbar diesen Eindruck, die Katastrophe von Fukushima wurde schließlich zum Anlass für den deutschen Atomausstieg.

"Alles verloren und teilten ihr Essen mit uns"

Besonders berührend war für mich die große Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme der Japaner. Im ganzen Nordosten des Landes begegneten wir immer wieder Menschen, die alles verloren hatten und trotzdem ihre letzten Lebensmittel mit uns teilten. Wir schliefen in Restaurants, in Flüchtlingszentren und auf Wohnzimmerfußböden von völlig fremden Menschen. So viel unvoreingenommene Herzlichkeit und Freundlichkeit ist mir seitdem nie wieder begegnet.

Ich denke oft an die Monate in Japan zurück. Die dreifache Katastrophe aus Atomunglück, Tsunami und Erdbeben war eine der schlimmsten Tragödien, die ich je erlebt habe und wahrscheinlich je erleben werde. Trotzdem hat mir Japan auch immer das Vertrauen gegeben, dass die Menschen ihre Probleme gemeinsam lösen können und sich dabei gegenseitig helfen.

"Wir standen am Rande des Abgrunds": Ein Gespräch mit Japans damaligem Premier über die Katastrophe vor vier Jahren ...

... lesen Sie im neuen stern, der am Mittwoch ab 18 Uhr als E-Mag und ab Donnerstag am Kiosk erhältlich ist.

Von Janis Vougioukas