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Wall-Street-Proteste: Amerikas Linke beendet ihre Depression

Das rechte Lager verunglimpft die Aktivisten der Occupy-Bewegung als "stinkende Hippies". Doch die Proteste treffen einen Kollektiv-Nerv. Amerikas Linke träumt von einer Renaissance.

Von Nora Schmitt-Sausen, Washington

Direkt gegenüber von dem Platz, auf dem die Protestler in Washington ihre Zelte aufgeschlagen haben, liegt ein schlafender Obdachloser auf dem Gehweg. Trotz warmer Temperaturen hat er eine schwarze Wollmütze tief in die Stirn gezogen. Seine schäbige Hose ist verdreckt, die Schuhe sind verschlissen. Der heimatlose Mann hat um sich herum versammelt, was ihm von seinem Leben noch geblieben ist: einen zerfletterten Schlafsack, eine Plastiktüte, aus der die Fransen einer Wolldecke herausragen, einen Pappbecher, um von Passanten ein paar Pennys zu erbetteln. Er ist einer von vielen, die in den USA am Ende der Gesellschaft angekommen sind. Sein Kampf ist verloren. Der Kampf der Protestler um ihn herum hat dagegen gerade erst begonnen. Autofahrer hupen wohlwollend, wenn sie an der Gruppe vorbeifahren, Spaziergänger und Touristen stoppen für ein Gespräch. Die Protestbewegung frisst sich immer tiefer in das Bewusstsein der Amerikaner. Die linke Elite des Landes begrüßt die Dynamik, auch die demokratische Partei reagiert.

Tea Party, Glenn Beck, Sarah Palin: Wenn es nach Van Jones geht sind die Zeiten, in denen Amerikas Rechte die Schlagzeilen bestimmt haben, vorbei. "Drei Jahre lang hat uns die Krise hart getroffen. Nun fangen die Menschen an aufzustehen. Sie haben begriffen, dass wir uns selber helfen müssen", sagte der Senior Fellow der linken Denkfabrik Center for American Progress unlängst auf einer Veranstaltung in Washington. All jene, die 2008 für Obama und den Wandel in den USA gestimmt hätten, fänden gerade wieder zueinander.

Demokratische Partei knüpft Bande mit den Protestlern

Nicht erst seit der Besetzung der Wall Street ist Amerikas Linke in Bewegung. Im Februar sorgten Bürgerproteste in Wisconsin für Schlagzeilen. Protestler besetzten fast drei Wochen lang das Regierungsgebäude in der Hauptstadt Madison, um gegen die radikale Politik des republikanischen Gouverneurs Scott Walker zu demonstrieren. Mobilisiert über das Internet versammelten sich innerhalb kürzester Zeit bis zu 30.000 Menschen zum Protest. Nicht nur die Bürgerbewegung sorgte für Aufsehen. Die 14 demokratischen Senatoren von Wisconsin sympathisierten offen mit den Demonstranten und wählten drastische Mittel, um das zu zeigen: Sie verließen den Bundesstaat für zwei Wochen, um Abstimmungen im Parlament mangels Anwesenheit unmöglich zu machen.

Vier Wochen nach Beginn der Wall Street-Proteste mehren sich auch in Washington die Anzeichen, dass die demokratische Partei erste Bande mit den Protestlern knüpft. Das mächtige Democratic Congressional Campaign Committee, der Kampagnenarm der Demokraten im Repräsentantenhaus, will 100.000 Unterstützer finden, die sich via Online-Petition öffentlich hinter die Bewegung stellen. Mehr noch: Selbst die Strategen des Präsidenten ziehen offenbar in Erwägung, die aktuelle Proteststimmung in die Kampagne zu Obamas Wiederwahl einzubeziehen. Der Präsident hatte öffentlich Sympathien für die Bewegung geäußert: "Ich denke, sie drückt die Frustration der amerikanischen Bevölkerung aus." Die Protestler verliehen vielen Enttäuschten eine Stimme.

Die Occupy-Bewegungen in Amerikas Städten sind inzwischen immer besser organisiert. In New York informieren die Demonstranten gar mit Hilfe einer eigenen Zeitung. Das "Occupied Wall Street Journal" erscheint in einer Auflage von mehreren zehntausend Stück. Kleinere Bewegungen, wie die in Washington DC, haben Internetseiten erstellt, um ihre Vernetzungsmöglichkeiten zu verstärken. Mit Blick auf die Mobilisierung von weiteren Anhängern könnte die junge Bewegung von etablierten Organisationen lernen. So zählt die schlagkräftige links-liberale Polit-Bewegung MoveOn.org inzwischen zu den Unterstützern der Protestbewegung. Sie hat landesweit fünf Millionen Mitglieder. MoveOn.org weiß, wie man Proteste erfolgreich macht. Die Organisation mischte im Februar bei den Demonstrationen in Wisconsin kräftig mit.

Grummeln an der linken Basis

Für MoveOn.org kommt das laute Grummeln an der linken Basis genau zur richtigen Zeit: Zusammen mit Jones, der ein ehemaliger Mitarbeiter Obamas ist, stampft die Organisation derzeit eine weitere Bürger-Bewegung aus dem Boden: das "American Dream Movement". Unter dem Dach der Initiative haben sich seit Sommer bereits knapp 100 Organisationen zusammengefunden. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung des amerikanischen Traums.

Organisatorisch ist das "American Dream Movement" der Wall-Street-Bewegung bereits eine ganze Nasenlänge voraus. Die Gruppierung hat einen Vertrag aufgesetzt, der zehn deutlich umrissene Forderungen definiert. Dazu gehört: in Amerikas Infrastruktur investieren, grüne Jobs schaffen, Reiche besteuern, das Bildungssystem verbessern. 131.000 Menschen hätten diese Ziele bei landesweiten Netzwerktreffen ausgearbeitet. "Die Interaktion unserer Mitglieder war stärker als bei unseren Aktivitäten zum Irak-Krieg", sagte MoveOn.org-Geschäftsführer Justin Ruben in Washington. Die Wall-Street-Proteste haben das American Dream Movement beflügelt. 308.000 Amerikaner haben den Vertrag für den amerikanischen Traum bereits online unterzeichnet. Täglich werden es mehr.

Derweil dringt auch die junge Wall-Street-Bewegung immer weiter in das Bewusstsein der Amerikaner. Das renommierte Medienforschungsinstitut Pew ermittelte, dass die Bewegung inzwischen so viel mediale Aufmerksamkeit bekommt, wie die Tea Party in ihren Anfängen im Jahr 2009. Während das rechte Lager die Aktivisten als "stinkende Hippies" und "neidische Anti-Kapitalisten" verunglimpft, kommt von links orientierten Fernsehsendern wie dem Kanal MSNBC Unterstützung: "Das könnte der Moment sein, mit dem eine große Veränderung in diesem Land beginnt", moderierte Ed Schultz aus New York. Jones ist sich der Sache schon sicherer: "Ich bin nicht böse, dass die Tea Party lange Zeit so laut war", kommentierte er in Washington. "Ich bin böse, dass wir lange Zeit so leise waren." Doch nun habe die "Renaissance des Progressivismus" begonnen.