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Bericht aus der Hölle Die Geschichte einer Liebe, die Auschwitz überlebte, aber am Frieden zerbrach

Dem niederländischen Arzt Eddy de Wind gelang es, mehr als ein Jahr in der Todesfabrik Auschwitz zu überleben
Dem niederländischen Arzt Eddy de Wind gelang es, mehr als ein Jahr in der Todesfabrik Auschwitz zu überleben. Seine Geschichte schrieb er noch im Lager auf. 
© Porträt privat/Kay Nietfeld / Picture Alliance
Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz – unter den Geretteten war auch der jüdische Arzt Eddy de Wind. Seine Aufzeichnungen aus dem Lager werden zum erschütternden Zeugnis der Nazi-Herrschaft. 

(Dieser Text wurde erstmals am 14. Januar 2020 publiziert. Aus gegebenem Anlass stellen wir ihn Ihnen erneut zur Verfügung.)

Als Häftling Nummer 150822 erlebte Eddy de Wind das pure Grauen am eigenen Leib: 1943 deportierten die Nationalsozialisten den Arzt und seine Frau Friedel aus den Niederlanden nach Auschwitz. Damit begann für das junge Paar das tägliche Warten auf den Tod in Uniform. Anderthalb Jahre lang ertrugen sie Zwangsarbeit in eisiger Kälte und sengender Hitze, Krankheiten, Hunger und Willkür. Als die rote Armee anrückte, flohen die Nazis. Eddy und Friedel wurden auseinandergerissen. Doch wie durch ein Wunder überlebten beide und fanden wieder zusammen.

Noch im Lager schrieb Eddy die Geschichte der beiden nieder. Gleich nach dem Abzug der Deutschen machte er sich mit einer Kladde ans Werk. Seine erschütternden Aufzeichnungen wurden in den Niederlanden bereits 1946 veröffentlicht. Das Besondere an ihnen ist, dass sie noch während des Krieges in Auschwitz entstanden sind. Um Distanz ringend, erzählt Eddy seine Geschichte aus der Perspektive eines allwissenden Erzählers. Zum ersten Mal erschien der Bericht "Ich blieb in Auschwitz – Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943–45" im vergangenen Jahr auf Deutsch, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz.

Wenn Hoffnung grausam ist 

Seine Erzählung beginnt Eddy im Frühling 1943, als die Westalliierten noch keinen Fuß auf das europäische Festlang gesetzt hatten und die Deutschen in Russland ihr Kriegsglück genossen. In den Niederlanden wurden unterdessen Juden zusammengetrieben. In Übergangslagern ließen die Nazis ihnen die grausame Hoffnung, eines Tages wieder frei sein zu können. Und manche waren so "verblendet", dass sie in der Gefangenschaft sogar ein neues Leben begannen, eine neue Familie gründeten, notierte Eddy im Nachhinein. Zu den Verblendeten zählte er auch sich selbst. 

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Im Lager Westerbrock lernte er Friedel kennen, sie heirateten: sie gerade mal 18 Jahre alt und Krankenschwester, er 27 und Lagerarzt. Gemeinsam hofften sie, den Krieg überstehen zu können. "Denn irgendwann musste dieser Krieg doch einmal ein Ende haben. Und an einen deutschen Sieg glaubte niemand", schrieb er. 

Die dortigen Frauen sind Forschungsmaterial, wenn man so will.

Doch bis dahin sollten noch anderthalb Jahre voller Leid und Schmerz vergehen. Am 13. September 1943 wurde Eddy mit Friedel und Hunderten anderen Juden in einen Zug gepfercht. Ziel: Auschwitz. Damals war es nur ein Wort, ohne jede Bedeutung – weder gut oder schlecht. Doch schon bald sollten sie am eigenen Leib die ganze Hölle erfahren, die dieser Ort barg.

Nach ihrer Ankunft wurden Eddy und Friedel auseinandergerissen und zu Nummern reduziert. Ab jetzt war er nicht mehr Eddy de Wind, sondern Häftling 150822. Die Nummer wurde in seinen Unterarm tätowiert. Aber er hatte noch Glück und fand nach einigen Wochen Verwendung im Tross des Stabsarztes. Friedel aber kam in den Block mit der Nummer 10. "Die dortigen Frauen sind Forschungsmaterial, wenn man so will", erklärte ihm ein mitgefangener Arzt. 

Die perfide Hierarchie im Lager erfasste Eddy rasch. "Als Erstes kamen die Reichsdeutschen dran. Sie waren zwar auch Häftlinge, nahmen aber in diesem Lager [...] eine Sonderstellung ein. Auf die Deutschen folgten die Polen und andere 'Arier'. Zum Schluss waren die Juden an der Reihe." 

Von nun an ging ein Tag voller Grausamkeit in den nächsten über, beherrscht von einer unerträglichen Willkür: "Die Nationalistische Moral und der unvermeidliche Alkohol verwandelten die Menschen in Teufel. Eigentlich ist es eine Beleidigung für den Teufel, denn der übt gerechte Rache, quält nur bei verdienter Strafe oder wenn er wie bei 'Faust' aufgrund eines Tauschvertrags dazu berechtigt ist. Der Nazi hingegen fällt ohne jede Rechtfertigung über wehrlose Opfer her", schrieb Eddy nieder.

Der Schrecken wird zum Alltag 

Jeden Tag schuftete er unter den Hieben und Schlägen der Aufseher. Mal musste er ausgemergelte Leichen verladen, mal Waggons mit Baumaterialien wie ein Lastpferd hinter sich herziehen. "Elf Stunden Kies aufladen, Kies fahren, Kies abladen." Er arbeitete, bis "sein Rücken entzweizubrechen" drohte und die "Schaufel aus glühendem Eisen zu sein" schien. Am Ende des Tages fehlte ihm sogar die Kraft, seine magere Brotration hinunterzuwürgen. Schläge, Gebrüll. Beschimpfungen, gefolgt von Erschöpfung und Schmerz. 

Schließlich wurde der Schrecken zum Alltag. "Hat man sich erst ans Lagerleben gewöhnt, lässt es sich hier schon aushalten. Neunzig Prozent krepieren im ersten Jahr, [...] aber wenn man das überlebt, schafft man den Rest auch noch", erklärte ein Blockältester Eddy abgestumpft. "Man gewöhnt sich ans Essen, bekommt etwas bessere Kleidung, und ist man 'alter Häftling', hat die SS durchaus ein wenig Respekt vor einem." 

Neunzig Prozent krepieren im ersten Jahr

Eine Verlegung in den Krankenbau des Lagers erlöste Eddy aber zumindest von der schweren, körperlichen Arbeit. Und hier konnte er endlich Friedel wiedersehen. Ein paar Minuten am Fenster – das war alles, was ihnen vergönnt war. Aber es waren diese wenigen Augenblick, die sie durchhalten ließen. Doch was geschieht mit den Frauen in Block 10? Gerüchte um seltsame Spritzen und Operationen verbreiteten sich im Lager. Nach diesen Eingriffen würden Frauen verbluten oder "von innen verbrennen", hieß es. 

Hilflos mussten Eddy und Friedel unterdessen zuschauen, wie ihre Freunde aus Auschwitz deportiert wurden. Alle wussten: Sie wurden in den Tod geschickt. "Arbeit macht frei ... Krematorium drei." Dieser Vers ging im Lager um. So verging der Winter. Der Frühling brachte allen Umständen zum Trotz neue Hoffnung. Doch als aus Gerüchten Tatsachen wurden, überdeckte die Angst alles.

Am Stacheldrahtzaun flüsterte Friedel ihrem Eddy zu, was mit den Frauen aus ihrem Block geschah. Schockiert erzählte sie die Geschichte von zwei jungen Griechinnen. "Diese jungen Frauen wurden einem elektrischen Feld mit Ultraviolettstrahlung ausgesetzt – je eine Platte auf Bauch und Po –, das ihnen die Eierstöcke versengt hat. Sie bekamen außerdem schreckliche Wunden vom elektrischen Strom und hatten furchtbare Schmerzen. Hatten sie das überstanden, wurden sie operiert, um nachzuschauen, wie der Unterleib, vor allem aber die Eierstöcke, genau versengt wurden." Anderen wurde eine "weiße, zementartige Flüssigkeit eingespritzt", die sie sterilisieren sollte. Würde Friedel diesem Schicksal entkommen können?

"Unglückselige Lebende und glückliche Leichen"

Als die rote Armee immer weiter nach Westen vorrückte, brach unter den Nazis Panik aus. Auschwitz wurde geleert. Täglich rollten Lastwagen voller Menschen Richtung Birkenau, in Richtung der Gaskammern, in Richtung der ständig rauchenden Schornsteine.

Als die Front nur noch 150 Kilometer entfernt war, läutete der Gong zur Evakuierung. Die SS trieb alle zusammen, die laufen konnten und im Lager entbehrlich waren. Der Rest blieb in Auschwitz. Unter ihnen auch Eddy. Er versteckte sich unter den Kranken. Doch Friedel wurde auf einen Gewaltmarsch getrieben. Eddy bleibt wie betäubt zurück. Zwei Jahre lang hatten sie gemeinsam gekämpft. Und trotz allem immer wieder zueinander gefunden. Aber jetzt?

In den Tagen nach der Flucht der SS erlebte Eddy eine seltsame Welt: In Auschwitz konnte man kommen und gehen, wie es einem beliebte. Keine einzige Wache war zurückgeblieben. Zusammen mit anderen Insassen traute sich Eddy bis nach Birkenau vor, wo viele Frauen zurückgelassen worden sein sollten. Doch auf das, was sie dort erwartete, waren sogar diese Männer nicht vorbereitet. Als sie eine Baracke betraten, "stockte ihnen der Atem, und die Beine verweigerten ihren Dienst. Der Ekel, der sie überfiel, glich dem eines Kranken, der im faulig süßen Chloroformgestank schon den bevorstehenden Tod wittert", schrieb Eddy über diesen Augenblick. Vom Anblick des "Lagerhauses vollgestopft mit Menschen, die weder tot noch lebendig waren", wurde ihm schwindelig. "Unglückselige Lebende und glückliche Leichen", nannte er sie erschüttert in seinen Notizen.

Überlebende aus dem sogenannten Sonderkommando berichteten Eddy schließlich von ihrer Arbeit in den Gaskammern, den Massengräbern, dem Verbrennen noch lebender Kinder, von den Grausamkeiten, die sie mit angesehen hatten. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der bei diesen Scheiterhaufen gearbeitet hat, in die Rinne gestiegen ist und sein Brot ins geschmolzene, vorbeiströmende Menschenfett getaucht hat. Ist der Hunger groß genug ...", erzählte ihm ein überlebender Grieche.

Wunder geschehen doch 

Zu seinem Unglück – oder Glück – fand Eddy seine Friedel in Birkenau nicht wieder. Als die Russen schließlich im Konzentrationslager ankamen und es befreiten, kam sich Eddy "unermesslich schlecht vor", weil er das Los der Toten nicht teilte. Seine Hoffnung, Friedel könnte noch am Leben sein, gab er auf. "Jetzt war er allein. Aber doch nicht ganz. Denn noch hatte er ihr Bild vor Augen und würde es stets vor sich haben; er würde Kraft daraus schöpfen für die Aufgabe, die ihm nun bevorstand", schrieb er über sich selbst. In diesen letzten Augenblicken in Auschwitz beschloss er weiterzuleben, um allen davon zu erzählen, was dort geschehen ist. "Auf diese Weise würde sie in ihm weiterleben — auch wenn ihre sterbliche Hülle dort in den blau verschwommenen Bergen ihre letzte Ruhe gefunden hatte." 

Und so versuchte Eddy, sich zu einem neuen Leben aufzurappeln. In den ersten Monaten arbeitet er für die russische Armee, folgte der Front, um verletzte Soldaten zu versorgen. Als auch die Niederlande endlich befreit waren, machte er sich auf den Weg in die Heimat. Es folgte eine Odyssee durch Osteuropa und übers Mittelmeer. Am 24. Juli 1945 erreicht er schließlich die niederländische Grenze und wird vom Roten Kreuz in Empfang genommen. Und dann geschieht das Wunder: Eine Frau mit seinem Nachnamen liege in einem Krankenhaus ganz in der Nähe, erzählen ihm Mitarbeiter. Noch am Tag seiner Rückkehr waren Eddy und Friedel wieder vereint.

Das Leben danach 

Doch sie waren von Auschwitz schwer gekennzeichnet: Eddy vor allem psychisch, Friedel auch körperlich. Sie war nun unfruchtbar. Dennoch bemühten sie sich, ihr Leben wieder aufzunehmen. Eddy spezialisierte sich als Psychoanalytiker auf die Behandlung von Menschen mit Kriegstraumata und gründete eine eigene Praxis. 

Doch zwölf Jahre nach Auschwitz trennten sich Eddy und Friedel. Am Ende war ihre Liebe den erduldeten Traumata nicht gewachsen. Immer wieder holte der Schrecken Eddy ein. Mehrfach musste er deswegen psychiatrisch behandelt werden.

Dass er sich von seiner Frau, mit der er so viel durchgemacht hatte, scheiden ließ, stieß auf Unverständnis. Als er dann auch noch eine deutlich jüngere Nichtjüdin heiratete, wandte sich ein Teil der jüdischen Gemeinde von ihm ab. Für viele war es ein Verrat.

Mit seiner zweiten Frau bekam Eddy später drei Kinder. Auch beruflich feierte er viele Erfolge, veröffentliche mehrere wissenschaftliche Abhandlungen, war ein gefragter Redner und hob die erste niederländische Abtreibungsklinik mit aus der Taufe. 1983 bekam er einen Verdienstorden und wurde zum Offizier des Ordens von Oranien-Nassau ernannt. Für ihn war es der Beweis, dass er nicht umsonst am Leben geblieben war. Am 27. September 1987 verstarb Eddy schließlich im Alter von 71 Jahren nach einem Herzinfarkt. 


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