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Dunkles Geheimnis: Der Tätowierer von Auschwitz oder die Beichte von Ludwig Eisenberg

In Auschwitz wurden aus Menschen Nummern. Und Ludwig Eisenberg machte sie dazu. Tausenden Gefangenen stach er Tag für Tag ihre fünf Ziffern ein. Sein Geheimnis hütete der Tätowierer von Auschwitz 50 Jahre lang - bis seine Frau starb. Nun erzählt ein Buch seine Geschichte.

Ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz zeigt seine eintätowierte Nummer

Ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz zeigt seine eintätowierte Nummer. Das Werk von Ludwig "Lale" Eisenberg?

Die Geschichte von Ludwig Eisenberg oder Lale, wie er sich selbst nannte, ist die Geschichte von unbeschreiblichem Gräuel, rücksichtslosem Überlebenskampf, eigennütziger List und großer Liebe. Als die Nazis 1942 in seine Heimatstadt in der damaligen Slowakei kamen und nach Juden suchten, gab er sich von selbst zu erkennen. Von den Schrecken von Auschwitz, wo er hingebracht werden sollte, ahnte er damals noch nichts. Im naiven Glauben im Konzentrationslager Arbeit zu bekommen, ging der junge Mann in die Gefangenschaft. So berichtete er es später, so steht es nun in einem Buch über seine Geschichte geschrieben.

Auf diese Weise landete Eisenberg mit 26 Jahren im größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Anstatt eines Namens trug er von nun an eine Nummer: 32407. Drei Jahre gelang Lale in Auschwitz das Überleben. Bis die Nazis 1945 ihn angesichts der anrückenden Roten Armee gehen ließen.

Wie er es schaffte so lange im KZ zu überleben, blieb 50 Jahre lang sein Geheimnis. Erst nach dem Tod seiner Frau entschloss er sich, seine Geschichte Heather Morris, einer Bekannten seiner Familie anzuvertrauen. Sein dunkles Geheimnis: In Auschwitz machte er aus Menschen Nummern. Er war der , der auf die Unterarme der Gefangenen die fünfstelligen Zahlen einstach, die zum Symbol von unbeschreiblichem Gräuel werden sollten.

"Dieser Mann, der Tätowierer aus dem berüchtigsten Konzentrationslager, behielt sein Geheimnis in dem irren Glauben, dass er etwas verbergen musste, für sich", erzählt Morris nun dem britischen Sender BBC. Drei Jahre lang besuchte sie Lale mehrmals die Woche, hörte sich seine Erzählungen an und schrieb sie auf. Bis er 2006 in Melbourne verstarb. Zwölf Jahre später veröffentlicht Morris seine Lebensgeschichte. "Der Tätowierer von Ausschwitz" lautet der Titel ihres Buches, das nicht nur von den Schrecken des Holocausts erzählt, sondern auch von tiefer Liebe.

Typhus rettet Lale das Leben in Auschwitz

In Auschwitz sollte Lale tatsächlich Arbeit bekommen. Die Nazis erfüllten ihre zynischen Versprechen. Unter menschenunwürdigen Bedingungen zimmerte Lale Baracken für die Gefangenen zusammen. Die schwere Arbeit hielt der junge Mann nicht lange aus. Kurz nach seiner Ankunft erkrankte er an Typhus. Doch die Krankheit, an der abertausende Gefangene starben, rettete ihm wohl das Leben. Der Mann, der ihm seine Nummer eintätowiert hatte, nahm ihn unter die Fittiche. Er brachte ihm nicht nur sein Handwerk bei, sondern lehrte ihn auch, wie man im überlebt.

Sich selbst konnte der Mann, ein Akademiker aus , jedoch nicht retten. Eines Tages verschwand er einfach und Lale sollte nie erfahren, was aus ihm geworden ist. Doch nun brauchte man in Auschwitz einen neuen Haupttätowierer und der Slowake rückte auf - nicht zuletzt wegen seiner Sprachkenntnisse, schätzte er später. Neben seiner Muttersprache beherrschte Lale ein bisschen Deutsch, Russisch, Französisch, Ungarisch und Polnisch. 

Von nun arbeitete er für den politischen Flügel des SS. Dokumente aus dem KZ belegen seine Erzählungen. Als Tätowierer genoss er im Lager einige Vorteile: Er bekam zusätzliche Rationen, schlief in einem Einzelzimmer und hatte sogar Freizeit. "Dennoch hat er sich selbst nie als Kollaborateur betrachtet. Er tat das, was er getan hat, um zu überleben", erzählte Morris der BBC über Lale. "Du hast genommen, was auch immer dir angeboten wurde. Du hast es genommen und warst dankbar, weil es bedeutete, dass du am nächsten Morgen aufwachst", erinnert sie sich an seine Worte. 

Josef Mengele visierte Lale als Versuchskaninchen an 

Doch trotz der Privilegien lebte Lale in ständiger Angst. Josef Mengele höchstpersönlich soll ihm mehrmals gedroht haben. "Oft schlich er sich an Lale heran, während er eine Opernmelodie vor sich herpfiff, und terrorisierte ihn", schreibt Morris in ihrem Buch. "Eines Tages, Tätowierer, werde ich dich nehmen", sagte Mengele offenbar immer wieder - Mengele betrachtete ihn als sein Versuchskaninchen.

Und so hielt Lale seinen Kopf gesenkt, wie sein Mentor ihn gelehrt hatte, und tätowierte hunderttausende Menschen. Die Eintätowierung einer Nummer war eine der vielen erniedrigenden, entwürdigenden Prozeduren, die die Häftlinge bei ihrer Ankunft im Lager über sich ergehen lassen mussten. "Zum einen war es schmerzhaft, zum anderen verstanden die Menschen in diesem Moment, dass sie ihrer Namen beraubt wurden", erklärt Dr. Piotr Setkiewicz, Leiter des Forschungszentrums in Auschwitz-Birkenau. "Von diesem Moment an benutzten die Gefangenen offiziell nicht mehr ihre Namen, sondern ihre Nummern."

Eine Nummer für die Liebe seines Lebens

Im Juli 1942 sollte Lale eine weitere Nummer einstechen: 34902 lauteten die fünf Ziffern. Er hielt den dünnen Arm eines Mädchens in den Händen. In dem Moment, als er ihre Nummer auf ihren linken Arm tätowierte, tätowierte er ihre Nummer in sein Herz, erzählte er Jahre später. Es war der Beginn einer großen Liebe. Sie hieß Gita und war eine Gefangene im Frauenlager Birkenau. Er schmuggelte Briefe an sie, arrangierte geheime Besuche, versorgte sie mit Extrarationen und verschaffte ihr sogar einen besseren Arbeitsplatz.

Seine Position nutzte er offenbar auch, um anderen Gefangenen zu helfen. "Er wusste tief im Inneren, dass er überleben würde", schreibt Morris in ihrem Buch. "Er hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein und nutzte alle Möglichkeiten, die er hatte, um zu manipulieren."

Doch die Hilfe war nicht uneigennützig. Auch wenn Morris es in ihrem Werk nicht so direkt aussprechen will: Lale nutzte seine Position, um sich selbst zu bereichern. Anderen Gefangen nahm er Geld und Schmuck ab. Zum Teil tauschte er die Juwelen in den umliegenden Dörfern gegen Nahrung ein, zum Teil behielt er sie jedoch selbst. Er nehme schließlich nicht den Gefangenen ihre Wertsachen ab, sondern den Nazis, die es sonst in die Hände bekommen würden, erklärte er gegenüber Morris später. 

Odyssee endet in Melbourne

Als die Nazis 1945 Auschwitz schließlich räumen mussten, kehrte Lale in seine Heimatstadt Krompachy zurück. Den Weg dahin bezahlte er mit den Habseligkeiten anderer Gefangener. Er fand seine Schwester wieder. Auch das Haus seiner Familie hatte den Krieg überstanden. Nur die Spur seiner Gita hatte er verloren. Zunächst.

Denn wieder hatte Lale Glück. Eines Tages lief sie ihm praktisch in die Arme. Auf der Straße. Sie hatte ihn gefunden.

So ging der Krieg für beide zu Ende. Ihre Odyssee durch die Welt jedoch nicht. 

Im Oktober 1945 heiratete das Paar, änderte den Nachnamen in Sokolow, um besser in der von der Sowjetunion kontrollierten Slowakei leben zu können. Lale machte sein eigenes Textilgeschäft auf. Heimlich sammelten er und seine Frau Geld und schmuggelten es aus dem Land, um den jungen Staat Israel zu unterstützen. Als die kommunistische Führung davon jedoch Wind bekam, wurde Lales Laden verstaatlicht. 

Das Glück verließ Lale jedoch nicht. Während eines Wochenendurlaubs gelang dem Paar bald die Flucht aus dem Ostblock. Zunächst ging es nach Wien, dann nach Paris und schließlich ans andere Ende der Welt: Australien. In Melbourne ließen sich Lale und Gita schließlich nieder, bekamen einen Sohn und gaben sich Mühe, die Schrecken des Krieges vergessen zu machen. Selbst ihre engsten Freunde und Verwandte kannten das Geheimnis des Tätowierers von Auschwitz nicht. Bis zu dem Tag als Gita starb und Lale seine Geschichte Heather Morris anvertraute.

Ihr Buch "The Tattooist of Auschwitz" erscheint laut dem Verlag Bonnier Zaffre in Großbritannien am 11. Januar. In Deutschland kommt es voraussichtlich am 4. September 2018 auf den Markt.

ivi