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Was ist Kritik? Was Hass?: Sieben traurige Fakten über Antisemitismus in Deutschland

Nur 72 Jahre nach dem Holocaust werden 300 Meter vom Bundestag entfernt Israel-Flaggen verbrannt. Muss unsere Demokratie das aushalten? Einige (traurige) Fakten über Antisemitismus in Deutschland.

Pro-palästinensische Demonstranten verbrennen eine Israel-Flagge in Berlin

Pro-palästinensische Demonstranten verbrennen eine Israel-Flagge in Berlin

Israel und das Judentum sind hierzulande auch über 70 Jahre nach dem Holocaust immer noch schwierige Themen. Immer dann, wenn es um Israel geht, steht der große, rosa Elefant im Raum. Jeder sieht ihn, aber fast niemand spricht über ihn. Kritisiert man Israel, sind Begriffe wie "Erbschuld" oder "besondere Verantwortung" nicht weit. Welche Kritik ist noch erlaubt? Und wo beginnt ?

Was ist Israel-Kritik, was ist Antisemitismus?

Antisemitismus bedeutet im weitesten Sinne Judenfeindschaft. Grundsätzlich gilt, dass nicht jeder, der Israels Politik – beispielsweise die umstrittene Siedlungspolitik oder den Umgang mit den Palästinensern – kritisiert, ein Antisemit ist. Antisemitisch ist, wer die Existenz von Juden in Frage stellt. Anti-Israelismus und Antisemitismus sind also nicht identisch, können aber deckungsgleich sein.

Sieben traurige Fakten über Antisemitismus in Deutschland:

1. Die Zahl antisemitischer Delikte in Deutschland steigt

Im ersten Halbjahr 2017 wurden 681 antisemitische und anti-israelische Delikte erfasst. Das sind 27 mehr als im Vergleichszeitraum 2016. Von den 681 Straftaten waren 15 Gewaltdelikte. Da längst nicht alle Taten zur Anzeige gebracht werden, liegt die Dunkelziffer vermutlich noch wesentlich höher. Umfragen unter Juden haben zudem ergeben, dass jeder vierte Jude in in den letzten zwölf Monaten verbal beleidigt oder belästigt wurde. (Quelle: BMI)

2. Es gibt keine Daten zu muslimischem Antisemitismus

Nach den heftigen Anti-Israel-Protesten in Berlin, bei denen unter anderem zwei israelische Flaggen verbrannt wurden, stand plötzlich muslimischer Antisemitismus im Fokus. Deutschlandweit gab es heftige Kritik an den judenfeindlichen Äußerungen. CDU-Politiker Jens Spahn sprach auf Twitter prompt von "importiertem Antisemitismus".


Neonazis in Berlin Spandau

Neonazis in Berlin Spandau

Fakt ist: Es gibt keine repräsentativen Umfragen zu Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland. Was dagegen bekannt ist: Von den im ersten Halbjahr 2017 registrierten 681 Delikten wurden 632 Rechtsextremisten zugeordnet. Das entspricht 93 Prozent. (Quelle: BMI)

Trotzdem zeigen verschiedene Studien, dass die Ablehnung Israels unter muslimischen Jugendlichen und Erwachsenen sehr hoch ist (Quelle: BMI). Häufig ist der Israel-Hass unter Muslimen demnach schon Teil der Erziehung. Nicht nur die Juden erheben mit Blick auf die Thora Anspruch auf das "Heilige Land". Auch sehen das Gebiet mit Bezug auf den Koran und das Wirken Mohammeds als ihr "Heiliges Land" an.

3. Antisemitismus: Besonders beliebt im Netz

Judenfeindlichkeit im Internet ist die am häufigsten vorkommende Erscheinung von Antisemitismus. Insbesondere in den sozialen Medien wie Facebook, YouTube und Co. sind Juden mit sogenanntem Hatecrime konfrontiert. Die strafrechtliche Verfolgung ist schwierig. Besondere Popularität genießt im Netz die Verschwörungstheorie der "New World Order" (NWO). Anhänger und Verbreiter dieser Verschwörungstheorie sehen sich einer zionistischen Weltverschwörung ausgesetzt. Eine globale von Juden gesteuerte Elite steuere das internationale Politik- und Wirtschaftssystem, so die Annahme.

Viele der NWO-Argumente ähneln den Vorwürfen, mit denen Juden sich schon im Dritten Reich konfrontiert sahen. 

Immer wieder machen Juden, wie der Satiriker Shahak Shapira, auf antisemitische Hetze im Netz aufmerksam:

4. Die AfD nutzt muslimischen Antisemitismus, um gegen Muslime zu hetzen

Obwohl die Alternative für Deutschland (AfD) in den eigenen Reihen mit antisemitischen und verharmlosenden Aussagen über den Holocaust zu kämpfen hat, versucht die Partei, muslimischen Antisemitismus für sich zu nutzen. So veröffentlichte beispielsweise die Fraktionsvorsitzende Alice Weidel nach den Anti-Israel-Protesten in Berlin folgenden Tweet:

Die AfD-Thüringen, zu der auch Rechtsaußen Björn Höcke gehört, witterte direkt ein System und behauptete, dass über Antisemitismus nur dann nicht berichtet würde, wenn er von Muslimen kommt:

5. Die meisten Juden sehen Antisemitismus als großes Problem

Auf die Frage, ob und wie Juden Antisemitismus wahrnehmen, gibt es eine klare Antwort. In einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung von 2016 gaben drei von vier Juden an, dass sie Antisemitismus in Deutschland als ein großes Problem ansehen. Fast genauso viele finden sogar, dass Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen hat.

6. Judenfeindliche Einstellungen sind gesellschaftlich weit verbreitet

"Juden ziehen aus der Vergangenheit des Dritten Reichs heute einen Vorteil" – eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass jeder vierte Deutsche dieser Aussage zustimmt. 40 Prozent vertreten sogar die Meinung: Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat. (Quelle: Friedrich-Ebert-Stiftung)

7. Die meisten jüdischen Einrichtungen stehen heute unter Polizeischutz

Fast 100 Jahre nach der Reichsprogromnacht gibt es kaum eine jüdische Schule oder Synagoge in Deutschland, die nicht unter Polizeischutz steht. Letztes Jahr wurden alleine in Berlin 65 jüdische Einrichtungen rund um die Uhr von Polizeibeamten bewacht. So eine Überwachung kostet Geld. Nordrhein-Westfalen, das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands, hat 2015 beispielsweise knapp 3,8 Millionen Euro für die Sicherheitsmaßnahmen jüdischer Einrichtungen ausgegeben. Viele Einrichtungen werden zudem von privaten Sicherheitsleuten geschützt. (Quelle: BMI