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Interview

Sieben Fragen zum deutsch-israelischen Verhältnis: "Deutschland braucht Israel"

Klare Kante oder Samthandschuh: Warum ist das Thema Israel in Deutschland immer noch so schwierig? Und wie denken Deutsche heute über Israel? Israel-Experte Michael Wolffsohn klärt auf.

Ein Interview von Hendrik Holdmann

Ein Jude steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Ein Jude steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Die Ankündigung von Präsident Donald Trump, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu legen, hat große Diskussionen ausgelöst. Auch in Deutschland. Außenminister Sigmar Gabriel sagte: "Eine ganze Reihe von Mitgliedstaaten (der EU, Anm.) haben ihrer Sorge Ausdruck verliehen, und das gilt auch für uns, dass die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels nicht einen Konflikt beruhigt, sondern eher ihn noch einmal anheizt."

Bei jeder Äußerung, jeder Frage der deutschen Politik zum Konflikt in Israel schwingt die Beziehung Deutschlands zu Israel mit. Michael Wolffsohn ist in Tel Aviv geboren und hat die ersten sieben Jahre seines Lebens in Israel verbracht. 1954 ist der Sohn einer 1939 nach Palästina geflohenen, jüdischen Familie nach Deutschland gekommen. Im Interview erklärt der Historiker sieben entscheidende Fragen zum Verhältnis der beiden Länder.

Warum ist das Thema in Deutschland so schwierig?

: Aufgrund von zwei Jahreszahlen: 1933 bis 1945. Daraus abgeleitet ist es eine Frage von Pietät und Anstand. Israel ist der Staat der Juden. Ein Großteil der Holocaust-Überlebenden ist nach Israel gegangen. Es ist daher eine Frage des Anstands, Israel nicht so zu behandeln wie beispielsweise Simbabwe.


Tatsache ist, dass Deutschland heute Israel braucht

Hat Deutschland eine spezielle Verantwortung gegenüber Israel?
Das wird zumindest so als Teil der bundesdeutschen Staatsräson gesehen und das ist moralisch, historisch und auch politisch verständlich. Aber das zu sagen, hieße im Gegenzug zu übersehen, dass inzwischen das deutsch-israelische Verhältnis längst auf wechselseitigen Interessen beruht. Es wird in Deutschland so getan, als ob Israel von der deutschen Unterstützung abhinge. Tatsache ist aber, dass Deutschland heute Israel braucht. Einerseits in Bezug auf Informationstechnologie – einschließlich der Innovationen. Die größten deutschen Autobauer entwickeln beispielsweise mit israelischer IT-Technologie ihre neuen Produkte. Andererseits in Bezug auf Terror-Prävention und Terror-Bekämpfung. Ohne israelische Hilfe würden die deutschen Behörden dabei wesentlich schlechter aussehen, als ohnehin schon.

Sind deutsche Politiker zu zimperlich im Umgang mit Israel?
Deutsche Politiker sind Israel gegenüber mindestens genauso kritisch wie andere europäische. Und sie sind erheblich kritischer als US-Politiker. Sie sind auch im inner-europäischen Vergleich deutlich kritischer, als beispielsweise Frankreich. Deutsche Politiker, allen voran der deutsche Außenminister, nehmen kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Israel zu kritisieren – ob zu Recht oder zu Unrecht.

Wie verändert sich aktuell das Israel-Bild in Deutschland?
Das hat sich bereits seit Beginn der 1980er Jahre grundlegend verändert. Seitdem gehört Israel in allen deutschen Umfragen zur internationalen Politik kontinuierlich zu den drei unbeliebtesten Staaten der Welt.

Antisemitismus oder Anti-Israelismus?

Nimmt Antisemitismus in Deutschland also zu?
Antisemitismus und Anti-Israelismus sind oft deckungsgleich aber nicht identisch. Man muss also genau unterscheiden und in Bezug auf Anti-Israelismus prüfen, was ist am Anti-Israelismus antisemitisch. Grundsätzlich gilt: antisemitisch ist das, was sich gegen die Existenz von Juden richtet. Der jüdische Staat gewährt den Juden egal, wo sie auf der Welt leben, Sicherheit. Wenn also die Existenz Israels bezweifelt oder sogar bestritten wird, dann geht das gegen die Lebensinteressen von Juden. Das ist also auch antisemitisch. Etwas ganz anderes ist Kritik an der israelischen Regierungspolitik.

Historiker und Publizist Prof. Michael Wolffsohn

Historiker und Publizist Prof. Michael Wolffsohn

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Die Gründe liegen sehr tief. Die Überschrift dazu heißt: „Nie wieder“. Die deutsche Öffentlichkeit sagt in ihrer großen Mehrheit: „Nie wieder Täter“. Umgekehrt sagt die israelisch-jüdische Seite: „Nie wieder Opfer“. Gewalt als letztes Mittel der Politik ist für Israelis lebensrettend. Daraus folgt: beide Seiten haben Recht, aber keine Seite ist Willens die jeweils andere Seite in ihrer Un-Motivation zu verstehen. Das ist der Kern der deutsch-israelischen Entfremdung.


Die Distanz zwischen beiden Seiten ist diesbezüglich riesig


Wie würden Sie das deutsch-israelische Verhältnis zusammenfassen?
Das Verhältnis Israels gegenüber Deutschland ist außerordentlich positiv – sowohl bezüglich der Regierung als auch der allgemeinen Öffentlichkeit. Das Umgekehrte gilt für das Israel-Bild der deutschen Regierung und der Öffentlichkeit. Die Distanz zwischen beiden Seiten ist diesbezüglich riesig. Das Bild, des jeweils anderen ist in Israel positiv und in Deutschland negativ.

Michael Wolffsohn ist Historiker und Autor. Er hat über 30 Jahre an der Universität der Bundeswehr München gelehrt und u.a. die Bücher "Wem gehört das Heilige Land" und "Deutschjüdische Glückskinder" publiziert.


hh