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19 Tote bei Loveparade in Duisburg: "Opfer materieller Interessen"

19 Menschen sind bei der Loveparade in Duisburg gestorben, mehr als 340 wurden verletzt. Am Tag nach der verheerenden Massenpanik hat die Suche nach den genauen Ursachen des Unglücks begonnen. Und die Kritik am Sicherheitskonzept nimmt zu.

Die Organisatoren sehen sich jetzt harten Vorwürfen und vielen Fragen ausgesetzt. Nicht nur Augenzeugen kritisieren die Sicherheitsvorkehrungen bei dem Raver-Spektakel. Die Toten seien Opfer "materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der "Kulturhauptstadt 2010" Druck ausgeübt habe, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Wolfgang Orscheschek. Duisburger Stadtpolitiker seien "in die Enge getrieben" worden, so dass sie trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich nur "ja" sagen konnten. Polizei und Feuerwehr "haben im Vorfeld ihre Vorbehalte geäußert", sagte Orscheschek. Laut einem Bericht der "Kölner Rundschau" soll die Berufsfeuerwehr Duisburg in einem internen Vermerk an Verantwortliche der Stadt bereits im Oktober 2009 klargestellt haben, dass es zu gefährlich sei, die Besucher des Spektakels durch die Tunnel zu schicken. "Es wurde nicht reagiert", sagte ein Beamter der Zeitung.

Staatsanwaltschaft beschlagnahmt Unterlagen der Stadt

Das Unglück ereignete sich am Samstag kurz nach 17.00 Uhr an einem überfüllten Tunnel, dem zentralen Zugang zu dem Partygelände am alten Duisburger Güterbahnhof. Der Ablauf der Tragödie zeichnet sich erst in groben Zügen ab: Es gab am Samstag lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, und der war nur durch zwei Unterführungen unter Bahngleisen zu erreichen, bevor es um die Ecke auf eine Rampe zum Gelände ging. Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen. Raver, die ungeduldig zur Party strebten, trafen auf Menschen, die schon müde waren und das Fest verlassen wollten. Viele kletterten auf Container oder Zäune, um der Enge zu entfliehen, einige stürzten nach Augenzeugenberichten hinunter in die Massen. "Das war programmiertes Chaos", kritisierte etwa der Augenzeuge Udo Sandhöfer die Veranstalter. Wie die Ermittler weiter mitteilten, lag der Unglücksort außerhalb des Tunnels. "Zu Todesfällen kam es ausschließlich außerhalb des ebenfalls zum Veranstaltungsgelände gehörenden Tunnels." Im Rahmen ihres Ermittlungsverfahrens beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Unterlagen bei der Stadt. Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und Ordnungsdezernent Rabe bestätigten am Sonntag, sie hätten entsprechende Akten übergeben. Bislang seien zwei Strafanzeigen eingegangen.

Gelände nur für bis zu 300.000 Menschen ausgelegt

An der Loveparade hatten laut Organisatoren über den gesamten Tag verteilt 1,4 Millionen Menschen teilgenommen. Polizei und Stadt wollten diese Zahl nicht bestätigen. Ausgelegt sei das Partygelände für bis zu 300.000 Menschen, sagte Ordnungsdezernent Rabe.

Nach dem Unglück wurden laut Polizei alle Notausgänge des Areals geöffnet, die für den Verkehr gesperrte Autobahn 59 neben dem Güterbahnhof wurde als Fluchtweg freigegeben. Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

Die Techno-Party auf dem alten Güterbahnhof wurde am Samstagabend trotz der Tragödie fortgesetzt, um weitere Panik zu verhindern. Organisator Rainer Schaller verkündete am Sonntag dann das Aus für die Loveparade.

Die Katastrophe löste im In- und Ausland eine Welle der Trauer und des Entsetzens aus. "Der Umzug der Liebe wurde zur Parade des Horrors", schrieb die spanische Zeitung "El Mundo" am Sonntag. Führende deutsche Politiker und Bundespräsident Christian Wulff drückten ihr Beileid aus und forderten rückhaltlose Aufklärung. Mit "großem Schmerz" gedachte auch Papst Benedikt XVI. der Opfer. "Ich denke im Gebet an die jungen Menschen, die ihr Leben verloren haben."

AFP/DPA / DPA