Air-France-Flug 447 Was die Trümmer über den Absturz verraten


Fieberhaft suchen Bergungsteams nach Wrackteilen des über dem Atlantik verschollenen Air-France-Airbus'. Die Trümmer könnten entscheidende Erkenntnisse über die Absturzursache liefern. Doch die wichtigsten Teile liegen tief auf dem Meeresgrund.
Von Sönke Wiese

Das Schicksal von Flug AF 447 bleibt weiter mysteriös. Seit der Air-France-Airbus 330-200 mit 228 Menschen plötzlich vom Radar verschwand, fehlt jede Spur von ihm. Irgendwo über dem Atlantik ist er abgestürzt, ungefähr 1000 Kilometer von der brasilianischen Küste entfernt, in einer Region, die wegen ihrer starken Unwetter gefürchtet ist. Seit Tagen sucht die brasilianische Luftwaffe fieberhaft nach Überresten der Unglücksmaschine - bisher vergebens.

Jüngst mussten die brasilianischen Behörden eingestehen, dass sich die vermeintlichen Wrackteile, die man geborgen hatte, als einfacher "Meeres-Müll" entpuppt haben. Die Absturzstelle wird in einem Gebiet vermutet, das 6000 Quadratkilometer groß ist. Man sucht auf einer Fläche, die zweieinhalbmal so groß wie das Saarland ist, nach Schwimmwesten, Sitzteilen und anderen leichten Teilen aus der Kabine, die auf dem Wasser treiben. Die Zeit drängt: Je weiter die Überreste von Strömungen weggetragen werden, desto schwieriger wird die Bestimmung der genauen Absturzstelle von Flug AF 447.

Wichtigste Trümmer liegen auf Meeresgrund

Aber nur am Ort des Aufpralls des Airbus lassen sich Erkenntnisse über die Unglücksursache gewinnen. "Die wichtigen Trümmer schwimmen nicht auf dem Wasser, sondern sind die schweren Teile, die auf den Meeresgrund gesunken sind", sagt Karsten Severin vom Luftfahrt-Bundesamt. Dazu gehören beispielsweise die Triebwerke: Anhand von Kerosinspuren und Steuerteilen könnte man herausfinden, ob sie bereits in der Luft ausgefallen waren.

Denn nach wie vor ist Experten rätselhaft, was mit dem Airbus 330-200 über dem Atlantik geschah. Einziger Anhaltspunkt sind bislang nur die automatischen Fehlermeldungen, die das Flugzeug verschickte. Sie geben vage Auskunft darüber, welche Systeme innerhalb weniger Minuten ausfielen - aber nicht, warum es überhaupt zu den massenhaften Ausfällen kam.

Gab es einen ungewöhnlich heftigen Blitzeinschlag? Zerstörte starker Hagelschlag die Triebwerke? Verleiteten falsche Anzeigen die Piloten zu Fehlern? Flogen sie zu langsam? Oder zu schnell? Zerbrach das Flugzeug bereits in der Luft oder erst beim Aufprall? Die wilden Spekulationen würde eine Auswertung von Flugschreiber und Stimmenrekorder aus der Blackbox beenden.

Priorität liegt auf der Suche nach dem Heck

Doch die liegt irgendwo auf dem zerklüfteten Meeresgrund, bis zu 5500 Meter tief gesunken. Aus solch einer Tiefe wurde noch nie eine Blackbox geborgen. "Das Peilsignal reicht nur zwei Kilometer weit", sagt Karsten Severin. "Und nach 30 Tagen hört es auf zu senden." Eine Chance, die Datenträger zu finden, gebe es nur, wenn man die Trümmerteile des Flugzeughecks fände, weil dort die Blackbox untergebracht ist. Deswegen werden die Bergungsteams zuerst nach dem Heck suchen, meint der Luftunfalluntersucher.

Aber auch wenn die Blackbox unauffindbar bleibt, können die Wrackteile noch wichtige Hinweise liefern. Bei einem Flugzeugunglück über Festland ist die Analyse verhältnismäßig einfach: "Erste Rückschlüsse lassen sich aus der Lage der Trümmer auf dem Boden ziehen", sagt Flugunfalluntersucher Severin. "Teile, die weiter weg vom Hauptwrack liegen, sind meistens schon in der Luft abgebrochen." Doch unter Wasser verfälschen Strömungen und Meeresgebirge die Verteilung der Wrackteile. "Da wird die Rekonstruktion zu einer komplizierten Angelegenheit."

Komplette Rekonstruktion in Ausnahmefällen

Aber auch die Größe der Bruchstücke und die Art der Bruchkanten könnten Hinweise liefern, ob bestimmte Teile bereits in der Luft oder erst beim Aufschlag zerbrochen sind. "Wenn man allerdings keine anderen Anhaltspunkte für eine mögliche Absturzursache hat, müsste man idealerweise alle Wrackteile bergen und das Flugzeug wieder komplett zusammensetzen", sagt Severin. Weil so eine Rekonstruktion extrem aufwendig und kostspielig ist, wird sie nur in Ausnahmefällen durchgeführt. Wie zum Beispiel 1996, als eine Boeing 747 nach dem Start in New York in der Luft explodiert war. Damals glaubten etliche Zeugen, einen Raketenbeschuss gesehen zu haben. Tatsächlich ergab die Untersuchung der Wrackteile, dass ein Kurzschluss den Tank entzündet hatte.

Eine Bombenexplosion schließen Experten im Fall von Flug AF 447 aus. Dafür erscheint die Zeitspanne von vier Minuten zwischen den ersten und letzten Fehlermeldungen, die auf technische Probleme hinwiesen, zu lang. Doch ob die wahre Absturzursache jemals geklärt wird, erscheint derzeit fraglich. Selbst wenn die französischen Behörden die Kosten nicht scheuten, würde eine komplette Rekonstruktion aus den Trümmerteilen wohl nicht gelingen. Tage nach dem Unglück fehlt noch immer jede Spur von der verschollenen Maschine.


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