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Festnahme in Berlin: Handy-Nachrichten Minuten vor Tat verraten Kontaktmann von Anis Amri

Der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, ist tot. Doch hatte er ein Netzwerk? Die Bundesanwaltschaft hat einen Kontaktmann des tatverdächtigen Tunesiers festnehmen lassen. Bekannt wurde zudem: Minuten vor dem Attentat verschickte er Fotos und Sprachnachrichten.

Anis Amri - zwei Portraits

Anis Amri: Der mutmaßliche Berlin-Attentäter fuhr offenbar mit dem Flixbus durch Holland nach Frankreich. In Berlin wurde ein Kontaktmann festgenommen.

Neun Tage nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche werden immer mehr Einzelheiten zu der Terrortat bekannt. Wie der "Focus" aus zuverlässiger Quelle in den Berliner Sicherheitskreisen erfahren haben will, verschickte der mutmaßliche Attentäter Anis Amri noch wenige Minuten vor der Tat Sprachnachrichten und Fotos über sein Handy an Gesinnungsgenossen.

Von dem überfallenen polnischen Fahrer, der während der Aufnahme der Sprachbotschaften in dem Lkw, der schließlich zur Mordwaffe wurde, gesessen haben muss, ist angeblich nichts zu hören. Laut dem "Focus"-Bericht gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Laut den GPS-Daten muss Amri dreimal den Breitscheidplatz umrundet haben, ehe er den Lkw in den Weihnachtsmarkt lenkte.

40-jähriger Gesinnungsgenosse festgenommen

Zu den Gesinnungsgenossen, die Amri kurz vor dem Anschlag kontaktierte, gehörte offenbar auch ein Mann, den die Polizei nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Berlin am Mittwoch festgenommen hat. Bei dem Verdächtigen handle es sich um einen 40-jährigen Tunesier, der in der Hauptstadt lebe, hieß es in einer Mitteilung. Das Handy Amris war in dem Lkw sichergestellt worden, der in den Weihnachtsmarkt gesteuert worden war.

Wohn- und Geschäftsräume des 40-jährigen Verdächtigen im Stadtteil Tempelhof waren vor der durch Beamte des Bundeskriminalamtes durchsucht worden. Die verschickten Nachrichten legen die Annahme nahe, dass der Festgenommene auf bisher nicht näher beschriebene Art und Weise in den Anschlag eingebunden gewesen sein könnte. Daher wurde der 40-Jährige vorläufig festgenommen. Derzeit wird geprüft, ob ein Haftbefehl erlassen wird. Die Prüfung kann sich bis morgen Abend hinziehen, heißt es.

Anis Amri (mit rotem Pfeil) geht auf den Mailänder Hauptbahnhof zu

Dieses von der italienischen Polizei veröffentlichte Foto soll Anis Amri (mit rotem Pfeil markiert) auf dem Weg in den Hauptbahnhof in Mailand zeigen. Es stammt von einer Überwachungskamera.


Anis Amri fuhr mit dem Flixbus durch Holland

Zuvor waren weitere Einzelheiten über Anis Amris Flucht bekannt geworden. Demnach hielt sich der 24-Jährige während seiner Flucht in den Niederlanden auf. In seinem Rucksack wurde eine Sim-Karte aus Beständen gefunden, die vor Weihnachten in niederländischen Kaufhäusern verkauft wurden. Wie die Staatsanwaltschaft in Nimwegen am Mittwoch mitteilte, ist Amri zudem von Überwachungskameras am Bahnhof der Stadt aufgenommen worden. Von dort setzte der mutmaßliche Attentäter offenbar seine Flucht fort - und zwar ganz gewöhnlich in einem Flixbus. Der Tunesier sei in der Nacht zum 22. Dezember mit dem Fernbus von Nimwegen ins ost-französische Lyon gefahren, verlautete am Mittwoch aus französischen Ermittlerkreisen. Nimwegen liegt nahe der Grenze zu

Der Bus fuhr den französischen Ermittlern zufolge zum Bahnhof Lyon-Part-Dieu, wo Amri später von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Von Lyon aus fuhr der 24-Jährige mit dem Zug in die französische Alpenstadt Chambéry und dann nach Italien. Er wurde schließlich in der Nacht zum 23. Dezember bei einer Polizeikontrolle in Mailand erschossen. Für die Route spricht viel, sie wurde bisher offiziell noch nicht bestätigt.


Marokkos Geheimdienst warnte vor Amri

Wie Amri von Berlin aus nach Nimwegen gelangte, ist bisher noch unklar. In Holland war er nach bisherigen Erkenntnissen allein unterwegs. Möglich erscheint, dass Kontaktleute aus Nordrhein-Westfalen dem mutmaßlichen Attentäter geholfen haben könnten, in die grenznahe niederländische Stadt zu gelangen. Nach Recherchen des WDR war Amri in Nordrhein-Westfalen offenbar deutlich besser vernetzt als bisher schon angenommen. So soll er während seiner Zeit in NRW ein Dutzend Moscheen im Ruhrgebiet besucht haben. Er soll zudem sehr gute Kontakte nach Dortmund gehabt und einen Schlüssel zu einer Moschee besessen haben, in der er übernachtete. Auf eine konspirative Adresse in Dortmund hatte der marokkanische Geheimdienst schon Wochen vor der Tat das Bundeskriminalamt hingewiesen, ebenso auf eine verdächtige Handynummer und auf die Gefährlichkeit von Anis Amri. Laut WDR pendelte Amri seit Ende 2015 regelmäßig zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet.

Nach Angaben von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) war er 2015 nach Deutschland eingereist, Amri hatte nach seinem Aufenthalt in NRW seit Februar 2016 überwiegend in gelebt. Die Opposition im NRW-Landtag wirft den Behörden nun schwere Fehler bei der Überwachung des als Gefährder eingestuften Tunesiers in Nordrhein-Westfalen vor. Unklar ist, wieso sich Amri weitgehend frei nicht nur in NRW, sondern in ganz Deutschland bewegen konnte.

Hatte Amri einen Wohnsitz in Karlsruhe?

So führt die Spurensuche auch nach Karlsruhe: Bei der Entlassung nach seinem kurzen Aufenthalt in der JVA Ravensburg im Sommer habe Amri als Wohnanschrift eine Adresse in Karlsruhe angegeben, bestätigte am Mittwoch ein Sprecher des Justizministeriums einen Bericht der "Badischen Neusten Nachrichten". Ob er in Karlsruhe tatsächlich auch gemeldet war, ist nicht klar. Die Stadt äußerte sich zunächst nicht; ebenso wenig wie die Bundesanwaltschaft.

Amri war am 30. Juli mitten in der Nacht am Busbahnhof Friedrichshafen bei einer Routinekontrolle aufgegriffen worden. Da er zur Abschiebung anstand, wurde er in die JVA Ravensburg gebracht. Der zuständige Bereitschaftsrichter ordnete an, dass er dort über das Wochenende bleiben sollte. Dort wurde die Entscheidung der zuständigen Ausländerbehörde Kleve abgewartet. Diese verfügte am 1. August die Entlassung Amris aus der Haft, da noch keine Passersatzpapiere aus Tunesien vorlagen.


dho / DPA / AFP