Beinahe-Katastrophe "Es war wie im Touristenbomber"


131 Passagiere eines Lufthansa-Fluges entkamen in Hamburg nur knapp einer Katastrophe. stern.de hat mit einem von ihnen gesprochen. Der 56-Jährige berichtet von den entscheidenden Sekunden der verunglückten Landung, den Reaktionen der Reisenden und warum er sich an einen Ferienflug erinnert fühlte.

Herr Detlef Richardson (Name von Redaktion geändert), warum waren Sie Passagier auf Lufthansa-Flug LH044?

Ich kam aus den USA und bin in München zwischengelandet. Schon bei dieser Landung ist der Pilot übrigens durchgestartet, das war allerdings harmlos. Ich war eigentlich auf dem Weg nach Bremen. Aber der kleine Flieger konnte wegen des Windes weder starten noch landen. Also wurde ich auf den Flug LH44 nach Hamburg gebucht. Kurz vor dem Abflug wurde der Himmel schwarz und es fing fürchterlich an zu schneien.

Das Wetter war schlecht, es herrschte kräftiger Wind. Hatten Sie beim Einsteigen schon ein mulmiges Gefühl?

Nein, ich bin da völlig schmerzfrei.

Wie war dann der Flug nach Hamburg?

Unterwegs war es relativ ruhig, das Flugzeug ist ja weit über dem Wetter geflogen. Ich habe mich gefreut: Schön, jetzt bist du bald endlich in Hamburg…

…doch noch stand Ihnen der Anflug bevor.

Man merkte, dass wir echte Probleme mit dem Wind haben. Soweit ich mich erinnern kann, kam eine Durchsage, dass es wegen des Windes eine rauere Landung geben könnte. Ich spürte, wie der Pilot die Drehzahlen der Turbinen hoch- und herunterregulierte, um den Winden auszuweichen. Man sah aus dem Fenster, wie er traversierte, also, wie er die Schnauze des Flugzeuges nach rechts richtete. Er kam dann dem Boden immer näher. Dann, glaube ich, berührte das rechte Fahrwerk den Boden. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass die Stabilität des Flugzeuges weg war. Die Maschine kippte nach links und auf das Winglet (Ende der Tragfläche, Anm. der Red). Dann kippte das Flugzeug nach rechts und in dem Moment hat der Pilot wohl durchgestartet und somit den Flieger gut abgefangen.

Wie haben Sie diese Sekunden erlebt?

Ich hatte das Gefühl: Entweder die Maschine kippt jetzt über die Fläche ab oder fängt an zu rotieren und donnert ins Gras.

Hatten Sie Angst?

Nein, erstaunlicherweise nicht. Warum, weiß ich nicht. Ich bin ein etwas emotionsloser Mensch. Aber ich fliege aber auch sehr viel. Manchmal habe ich schon schwitzige Hände bei der Landung und dem Start. Diesmal nicht.

Sie haben keine Stoßgebete gen Himmel gesandt?

Nein, dass kann auch daran liegen, dass ich durch den Transatlantikflug sehr müde war. Ich habe mir nur gedacht: Wenn es jetzt kracht musst du so schnell wie möglich rauskommen. Ich saß in der ersten Reihe und als ich merkte, dass es wackelt, habe ich meine Füße an die Wand vor mir gestellt, um bei einem Unglück sofort wie ein Taschenmesser zusammenklappen zu können.

Wie haben die Leute um sie herum reagiert?

Ich hatte das Gefühl, dass hinter mir einige Tüten aufgegangen sind, die dann schnell gefüllt wurden. Aber außer diesem Brechtütengeräusch war es vor, während und nach dieser Aktion sehr ruhig im Flugzeug.

Niemand hat panisch reagiert, geschrien?

Nein. Vorne in der ersten Reihe habe ich natürlich wenig gesehen, was hinter mir los war. Aber mein Sitznachbar verhielt sich völlig ruhig, kein Gequieke, keine Hysterie.

Und dann?

Die Chefstewardess hat einige Momente nach dem Durchstarten eine Durchsage gemacht. Sie sagte, wir hätten es ja gemerkt, dass es eine verunglückte Landung war. Sie sagte, der Pilot würde nun einen Kreis drehen und dann landen. Etwas später kam eine Durchsage vom Piloten. Er entschuldigte sich für die versuchte Landung. Er sagte auch, dass ihm die Flugsicherung bei dem verunglückten Versuch die Landebahn 23 zugewiesen habe. Er habe aber auf der 33 landen wollen. Denn auf der 23 hätte er Querwind gehabt, auf der 33 sei die Windsituation günstiger gewesen. Und letztlich sind wir ja meines Wissens nach auch sicher auf der 33 gelandet. Bei der Landung habe ich mich übrigens wie in einem Touristenbomber gefüllt. Es wurde nämlich fleißig geklatscht.

Wurden Sie danach von Lufthansa betreut?

Ich habe davon nichts mitbekommen, ich hätte es aber auch nicht gebraucht. Ein Vorkommnis gab es, als wir in die Ankunftshalle gelaufen sind, die gleichzeitig auch der Warteraum ist. Eine wartende Frau ist auf eine meiner Mitreisenden zu gerannt und hat gefragt: 'Waren sie in dem Flugzeug, das eben heruntergekommen ist? Wir dachten, es würde abstürzen!'

Haben Sie mit ihren Mitreisenden über die Landung gesprochen?

Es gab wohl in dem Bus nach Bremen Diskussionen, aber ich habe Musik gehört und geschlafen, denn ich war müde. Kurz vor Bremen haben die Leute in dem Bus irgendwelche Bilder ausgetauscht. Bis dahin hatte ich noch nicht mitbekommen, dass ein Winglet verbogen wurde. Einige der Passagiere haben aber davon Fotos gemacht und einer der Leute hat mir ein Bild auf meinen USB-Stick gespielt.

Wie war die Reaktion von Verwandten und der Familie?

Meiner Frau, meinen Töchtern und meinen Kollegen habe ich natürlich davon erzählt. Am Montagmorgen habe ich dann zum ersten Mal das Video gesehen und realisiert, dass dies mein Flugzeug war. Dann habe ich mich über die Situation informiert, auch bei stern.de.

Sie klingen ja sehr entspannt. Für Sie ist dieses Erlebnis also kein Grund, zum zweiten Mal Geburtstag zu feiern?

Nein, so schlimm war es ja nicht. Das kann immer passieren. Der Pilot hat gut reagiert und ich werde auch in Zukunft wieder in ein Flugzeug steigen.

Interview: Malte Arnsperger

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