Berliner Hauptbahnhof "Vergessen, die Schraube festzuziehen"


In der Nacht riss der erste schwere Sturm des Jahres einen tonnenschweren Stahlträger aus der Glasfassade des Berliner Hauptbahnhofs. Obwohl das Gebäude mittlerweile wieder frei gegeben wurde, bleibt die Frage, wie es zu einem solchen Unglück kommen konnte. stern.de hat nachgefragt.

Erst vor acht Monaten wurde der neue Berliner Hauptbahnhof feierlich eingeweiht. Und schon die erste Feuerprobe überstand der 700 Millionen Euro teure Prachtbau nicht. Als Orkan "Kyrill" über das Gebäude zog, löste sich ein zwei Tonnen schwerer Stahlträger an der Süd-West-Seite der gläsernen Fassade und stürzte auf eine Freitreppe. Dabei wurden zwei weitere Träger beschädigt, die aber in der Fassade hängen blieben. Es war reines Glück, dass bei der Katastrophe niemand verletzt wurde. Mittlerweile wurde der Berliner Hauptbahnhof wieder freigegeben. Die Schadensursache sei jedoch noch nicht geklärt, sagte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn.

Kein tragendes Bauteil

Das Unfassbare an diesem Unglück fasste Jens-Peter Wilke von der Berliner Feuerwehr unmittelbar nach dem Unglück in Worte: "Es ist mir völlig unklar, wie sich wenige Monate nach der Eröffnung des Bahnhofs bereits ein solches Bauteil aus der Fassade lösen kann." Sicher, es war einer der stärksten Orkane der vergangenen Jahre, der über Deutschland zog. Jedoch sollten Windgeschwindigkeiten von maximal 130 Kilometern pro Stunde einem baufrischen Gebäude nichts anhaben können.

Ein Hamburger Architekt bestätigte gegenüber stern.de: "Solche Neubauten halten problemlos Windstärke 12 aus. Sturm in dieser Stärke kommt in Deutschland ja häufiger vor." Und so handelte es sich bei dem Stahlträger in Berlin auch nicht um ein tragendes Teil, wie der Experte weiß: "Offenbar war das ein Fassadenträger, der keine statische, sondern nur eine Designfunktion hat. Da hängt höchstens mal eine Fensterreinigungsvorrichtung dran. Bei einem tragenden Teil wären unmittelbar nach dem Absturz weitere Gebäudebereiche eingebrochen."

Auch wenn die Struktur des Gebäudes nicht beschädigt wurde, bleibt die Frage, wie es zu einem solchen Vorfall kommen konnte. Jeder, der unmittelbar am Bau des Gebäudes beteiligt war, schweigt: Die Ingenieure, die die Statik des Hauptbahnhofs berechneten, wollten sich zu dem Vorfall gegenüber stern.de nicht äußern. Und auch die Hamburger Architekten hüllen sich in Schweigen. In einer kurzen Pressemeldung weisen sie lediglich jegliche Schuld am Unglück von sich. Entweder handele es sich um einen Fehler der Statik, der Bauausführung oder der Bauüberwachung, heißt es im Schreiben.

Dass es an fehlerhaften Baustoffen gelegen hat, bezweifelt man beim Bundesamt für Materialprüfung angesichts der möglichen Folgen: "Die Verwendung von nicht zugelassenen Materialien kann strafbar sein." Der Hamburger Architekt vermutet den Fehler an anderer Stelle. Er glaubt, dass die Baufirma einen folgenschweren Fehler gemacht hat: "Die haben wahrscheinlich vergessen, eine Schraube festzuziehen."

Stahlträger der Fassade war unbefestigt

Mittlerweile wurde heftige Kritik an Bahnchef Hartmut Mehdorn und dem Hauptbahnhof laut. Die Orkanschäden seien ein Beleg für Pfusch und das nicht hinnehmbare Versagen Mehdorns und der zuständigen Bauüberwachung, erklärte die Berliner Grünen-Fraktion. "Herrn Mehdorn geht Schnelligkeit vor Sorgfalt, Prestige vor Sicherheit." Die FDP-Fraktion sprach indes vom Hauptbahnhof als der "Achillesferse" der Berliner und des überregionalen Schienenverkehrs. Trotz der Kritik gab es aber keine grundsätzlichen Sicherheitsbedenken. Fakt ist jedoch, dass die Stahlträger der Fassade nicht befestigt waren, sondern nur auf kleinen Verstrebungen lagen - aus architektonischen Gründen, wie die Bahn mittlerweile eingestehen musste.

"Kathedrale des Reisens"

Der neue Berliner Hauptbahnhof wurde im Mai 2006 eröffnet und gilt als der teuerste Bahnhofsneubau seit 1945. Das Prestigeobjekt mit Einkaufszentrum kostete rund 700 Millionen Euro. Blickfang in dem von Meinhard von Gerkan entworfenen Ensembles in der Nähe des Kanzleramtes sind die gläsernen Hallendächer. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer hat sich der Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt der Hauptstadt bewährt.

Der Hauptbahnhof mit seiner spektakulären Architektur über fünf Geschosse galt bei seiner Eröffnung als "Meisterleistung moderner Ingenieurbaukunst", manche Besucher schwärmten von einer "Kathedrale des Reisens". Er ist der Nachfolgebau des Lehrter Kopfbahnhofs, der von 1871 bis 1959 an dieser Stelle stand.

Amoklauf überschattete Einweihung

In einem Rechtsstreit gegen die Bahn hat sich Architekt von Gerkan nicht nur gegen die Veränderung der ursprünglich von ihm geplanten Gewölbedecke im Untergeschoss gewehrt, sondern auch moniert, dass das Glasdach um 100 Meter verkürzt wurde. In dem Urheberrechtsstreit wurde die Deutsche Bahn vom Berliner Landgericht verurteilt, eine eigenmächtig eingebaute Flachdecke im Untergeschoss zurückzubauen und die ursprüngliche Gewölbekonstruktion des Architekten einzuziehen. Die Bahn hat Berufung eingelegt.

Die Eröffnungsfeier für den Berliner Hauptbahnhof Ende Mai wurde vom Amoklauf eines Jugendlichen überschattet, der in der Menge mit einem Messer auf zahlreiche Menschen einstach.

Interaktive Infografik zum Berliner Hauptbahnhof

Niels Kruse und Udo Lewalter mit DPA

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