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MDR-Magazin: Test: So wenig taugen die Anti-Terror-Betonsperren

Sie sind inzwischen ein gewohntes Bild: Betonsperren zum Schutz vor Amok-Fahrern. Ein Test zeigt jetzt, was die Barrieren wirklich taugen.

Die Betonsperren sollen für Sicherheit sorgen

Die Betonsperren sollen für Sicherheit sorgen - nach dem Test kommen an ihrer Wirksamkeit Zweifel auf (Archivbild)

Seit dem Anschlag in Nizza mit über 80 Toten und Hunderten Verletzten im Juli vergangenen Jahres sind sie bei Großveranstaltungen omnipräsent: Ob bei den Feiern zum Tag der Deutsche Einheit, beim Karneval, auf Weihnachts- oder Jahrmärkten: die tonnenschweren Beton-Sperren zum Schutz vor Amokfahrern. Sie sollen verhindern, dass Attentäter Fahrzeuge in die Menschenmengen steuern können und den Besuchern so zumindest etwas Sicherheit vermitteln.

Ob die Betonklötze tatsächlich das leisten, was sich Sicherheitsbehörden von ihnen versprechen, ist allerdings fraglich: Das MDR-Magazin "Umschau" hat die Barrieren getestet - mit ernüchterndem Ergebnis.

Betonsperre hält den LKW nicht auf

In Zusammenarbeit mit der Prüforganisation "Dekra" ließen die Tester auf einem Gelände im schleswig-holsteinischen Neumünster einen Lastwagen mit 50 Stundenkilometern auf die Absperrungen zurasen. Das vorab veröffentlichte Video zeigt, dass die Betonklötze von dem LKW einfach beiseite geschoben werden, er durch die Sperren bricht und erst an einer massiven Mauer zum Stehen kommt.

Bei dem Test wurden die nach Senderangaben zurzeit schwersten verfügbaren Betonblöcke eingesetzt: 80 mal 80 mal 160 Zentimeter groß und 2,4 Tonnen schwer. Der LKW selbst war mit rund 10 Tonnen vergleichsweise klein, ein ähnlicher Lastwagen wurde in Nizza als Waffe missbraucht. Anis Amri, der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, saß bei seiner Wahnsinnstat am Steuer eines Sattelschleppers. Sie können beladen das drei- bis vierfache Gewicht auf die Waage bringen. 

Ob der Lastwagen schräg oder frontal auf die Betonblöcke trifft, macht übrigens keinen Unterschied: Die Anti-Terror-Sperren wurden in beiden Fällen wie Billard-Kugeln weggestoßen. "Die Aufhaltewirkung ist relativ gering", erklärt "Dekra"-Mann Marcus Gärtner zu dem Resultat. 

"Das ist ein reiner Placebo-Effekt"

Renè Demmler von der Dresdener Polizei pflichtet ihm bei: "Das macht noch einmal nachhaltig deutlich, dass mehr Mittel erforderlich sind, um das Risiko im stärkeren Maße zu reduzieren." Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) erklärte, Betonsperren seien nur ein Teil eines Sicherheitskonzeptes. "Niemand behauptet, sie garantierten absolute Sicherheit. Betonsperren senken allerdings das Schadensrisiko", sagte Ulbig, "Grundsätzlich gilt: Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz vor terroristischen Angriffen."

Die im MDR-Test verwendeten Betonsperren kamen vom Hersteller "Becker Boden Baustoffe". Dessen Geschäftsführer Tobias Becker sagte, die Ergebnisse des Tests seien für ihn nicht überraschend gewesen. Sein Unternehmen liefere keine Sicherheitskonzepte, sondern Steine. Wie diese dann eingesetzt werden, sei Sache der Kommunen. Einfach nur Poller zu ordern, um Sicherheit zu erzielen, sei jedoch "ein bisschen Augenwischerei". Die Testergebnisse spielten seinem Unternehmen eher in die Hände, denn es gebe durchaus technische Möglichkeiten, "dynamische Lasten" aufzunehmen. Es müssten alle Fachleute an einen Tisch, um Mindeststandards festzulegen. 

Zusätzlich zu den Betonsperren kommen vielerorts auch Polizei-Lastwagen als Hindernis oder mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten zum Einsatz, die mögliche LKW-Attentäter stoppen sollen. Die überdimensionalen Lego-Steine alleine reichen offenbar nicht aus. Thomas Pampel vom Betonsperren-Hersteller "Stoneland Hamburg" findet im MDR deutliche Worte für sein Produkt: "Das ist ein reiner Placebo-Effekt." 

Das MDR Fernsehen strahlt den Beitrag am Dienstagabend ab 20.15 Uhr in der Sendung "Umschau" aus.

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