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Todesangst in Afghanistan Bundeswehrhelfer S. hat sich auf Deutschland verlassen. Jetzt fürchtet er in Kabul die Rache der Taliban

Sehen Sie im Video: Bundeswehrhelfer im "Gefängnis" Kabul – "Ich habe es verdient, zu leben. Werden Sie endlich aktiv!".












Es ist wirklich schwer und macht mich traurig. Ich versuche ständig die Bundeswehr zu erreichen, aber die melden sich gar nicht bei mir. Wenn ich doch jemanden erreiche, sagen sie mir, dass mein Fall Priorität hat. Aber es passiert nichts. Ich werde hier mit Versprechungen zurückgelassen, aber es gibt keine Reaktion von Deutschland. Es gibt viele Zusagen, nichts passiert. Das ist wirklich hart und ich komme nur schwer mit der Situation zurecht. Ich verstecke mich jetzt in dem Haus eines Freundes. Die ganze Zeit bin ich in diesem Raum gefangen.
Ich danke den deutschen Journalisten und der Bevölkerung, dass sie sich für uns einsetzen. Doch auch das hat nicht zu Aktionen der Politiker geführt. Die geben nur Statements ab, geben Zusagen und machen uns Menschen hier Hoffnung. Aber es passiert einfach nichts. Das ist wirklich hart.
Der schlimmste und schrecklichste Tag meines Lebens war, als ich aus dem Flughafen in Kabul geworfen und vor den Augen meiner Kinder und meiner Frau erniedrigt wurde.


Am 24. August habe ich um 12 Uhr einen Anruf von der Bundeswehr erhalten. Sie haben mir mitgeteilt, dass ich auf der Priority-Liste stehe und sich mich und meine Familie evakuieren werden. Wir waren überglücklich. Ich sollte in zwei Stunden eine Bundeswehr-Mail mit einem Standort erhalten. Wir haben die Mail dann bekommen, sind zu dem Ort gegangen und von dort aus ist ein spezieller Buskonvoi zum Flughafen Kabul gestartet. Kurz vor dem Flughafen wurde unser Konvoi von den Taliban eskortiert. Wir mussten durch diverse Checkpoints. Mit allen Sicherheitschecks – vor allem die der US-Amerikaner – haben wir fast acht Stunden zum Airport gebraucht. Unser gesamtes Gepäck wurde durchsucht. Dann sind wir zu den Deutschen im Flughafen gekommen und ich habe – wie es mir in der Mail geschrieben wurde – meine Bestätigungs-Mail vorgezeigt. Ich war wirklich glücklich, dass wir gerettet werden und habe ein paar Selfies mit meiner Familie gemacht. Ich habe mich sehr gefreut.


Als ich dann aufgefordert wurde meine Evakuierungsbestätigung zu zeigen, habe ich – so wie es mir mitgeteilt wurde – die Email von der Bundeswehr vorgezeigt. Ich konnte nicht verstehen, was die Soldaten gesprochen haben. Sie haben nur Deutsch geredet. Dann wurde ich gefragt: „Wie heißt du?“ Ich wollte meinen Reisepass vorzeigen, damit sie meine Daten checken können. Doch der Soldat hat nur gefragt: „Nein, wie heißt du?“ Ich habe ihm meinen Namen gesagt. Er hatte fünf, sechs Zettel in seiner Hand. Die hat er ein paar Mal kurz gewendet und gesagt, dass mein Name nicht auf der Liste stehe und ich weggehen soll. Ich sollte den Airport sofort verlassen. Ich habe ihn gebeten: „Bitte Sir, geben Sie mir nur eine Minute zur Erklärung. Ich war Videojournalist und Mitarbeiter des Medien-Centers der Armee.“ Er ließ mich nicht einmal eine Minute mit ihm reden, obwohl ich sieben Jahre lang für die Bundeswehr gearbeitet habe.




Ich habe die Bundeswehr immer wieder angerufen und sie haben eingeräumt, dass die Bundeswehr einen großen Fehler gemacht hat. Dann habe sie haben mir geraten, dass nochmal zum Abbey Gate – dem Gate wo es den IS-Anschlag gab und sich tausende Menschen drängten – gehen soll. Das habe ich mehrfach versucht. Doch ich bin nicht an den Taliban-Checkpoints vorbeigekommen. Es gab viele Probleme. Ich habe vor fünf, sechs Tagen einen Anruf bekommen, dass ich weiter auf der Priority-Liste stehe und das ganze Verteidigungsministerium in Deutschland sich um mich sorge. Sie behaupteten, dass sie versuchen, mich vor dem 31. August – dem Abzug der US-Truppen – zu retten.   Das war wieder so ein schönes Versprechen. Sie haben gesagt, dass sie mich noch kurzfristig vor dem 31. August retten wollen. Ich habe sie gefragt, wie sie das machen wollen? Es gibt keine Flüge mehr. Und ich habe sie gefragt, ob sie einen Plan B für mich haben. Das haben sie geantwortet: Es gibt zwei Optionen. 1. Die pakistanische Grenze oder die Grenze zu Usbekistan. Was denken die? Es gibt keine Flüge mehr. Auf den Straßen sind überall Taliban-Checkpoints. Das ist gefährlich. Da ich keine andere Möglichkeit habe, muss ich mich wohl in Lebensgefahr begeben.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich am Leben bleiben kann oder getötet werde. Das ist gerade wirklich hart für mich. Wie du weißt, lassen die Taliban nicht zu, dass Männer ihre Bärte schneiden. Ich habe meinen jetzt auch wachsen lassen. Ich weiß nicht, ob das als Tarnung funktioniert – aber für mich könnte es überlebenswichtig sein. Ich fühle mich gerade total verloren. Ich weiß nicht mehr weiter.
  Ich wurde benutzt in dem Krieg gegen die Taliban. Ich habe die Taliban in meinen Berichten schlechtgemacht und mit der afghanischen Armee als Journalist gegen die Taliban gekämpft. Ich hatte große Hoffnungen, dass die Bundeswehr in meinem Land für Frieden und Demokratie kämpft; dass Entwicklungsarbeit geleistet wird und wir eine großartige Zukunft haben. Ihr habt behauptet, dass ihr Frieden in unser Land bringt. Aber ist das wirklich Frieden, was ihr gebracht habt? Ihr lasst mich hier im Krieg mit den Taliban zurück. Ich wurde hier mit nichts zurückgelassen. Ich habe nichts, um mich zu verteidigen. Mit Stift und Papier oder einem Mikrophon kannst du dich nicht verteidigen. Das ist eine sehr schwierige Situation. Ich habe mich an die deutsche Regierung gewandet, weil ich es verdient habe als eure afghanische Ortskraft, am Leben zu sein. Bitte hören Sie auf, nur Versprechungen zu machen. Bitte werden Sie endlich aktiv. Ihre Bürger, wir Journalisten, viele Menschen auf der ganzen Welt wollen, dass sie aktiv werden – hier vor Ort. Keine Versprechungen, keine Zettel, keine Stempel. Bitte schieben Sie nicht die Bürokratie und Formulare vor. Das Ergebnis eurer bürokratischen Abläufe hat gezeigt, dass ihr selbst in dieser schlimmen Situation nichts für uns tun konntet. Ihr habt bei mir einen Fehler am Flughafen gemacht und den Fehler zugegeben. Die Koordination mit euren Soldaten vor Ort funktioniert nicht. Das ist auch ein großes Problem.
Hören Sie einfach zu, was Ihre Bürger sagen. Ihr Volk hat Sie zu ihren Anführern gewählt. Aber bitte hören Sie zu, was Journalisten, Beamte, Institutionen wie NGO`s für Geflüchtete über meine Person sagen. Sie kennen meinen Namen. Warum bleiben Sie stumm? Waren rufen Sie mich nicht an oder schreiben eine Mail? Das würde mich zumindest etwas beruhigen. Warum kümmern Sie sich nicht um einen Typen wie mich, der dazu beigetragen hat, dass Ihre Arbeit in meinem Land erfolgreich war? Ich habe große Angst, identifiziert zu werden. Als Ortskraft war ich in der Vergangenheit, im Krieg ein Gegner der Taliban.
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S. hat viele Jahr für die Bundeswehr in Afghanistan als Videojournalist gearbeitet. Deshalb sollte er aus Kabul evakuiert werden. Doch ein fataler Fehler lässt seine Rettung im letzten Moment platzen. Im stern-Interview spricht er über seine Verzweiflung und fordert Deutschland zum Handeln auf.

Hinweis: Die Evakuierungsbestätigung der Bundeswehr, die S. via Mail erhalten hat, sowie weiterer Schriftverkehr zwischen S. und der Bundeswehr liegen dem stern vor. Ob sich der Dialog am Flughafen Kabul wirklich so zugetragen hat, wie S. es im stern-Interview beschreibt, ist nicht bestätigt.


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