Chronik Das Verschweigen einer Katastrophe


Tagelang hat die sowjetische Führung die Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl verschwiegen. Erst nach und nach offenbarten sich Ablauf und Ausmaß einer Katastrophe, deren Folgen noch Jahrhunderte lang spürbar bleiben.

Am Anfang der bislang größten Katastrophe in der friedlichen Nutzung der Kernenergie stand ein Experiment. Bedienungsfehler und die Vernachlässigung von Sicherheitsvorschriften im Lenin-Kraftwerk in Tschernobyl führten dabei zum ersten GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Eine Nachrichtensperre der Sowjet-Regierung und das Fehlen von Informationen über einen solchen noch nie da gewesenen Zwischenfall hatten auch in Deutschland Verunsicherung und eine verwirrenden Nachrichtenflut zur Folge.

Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltet das Personal am Abend des 25. April 1986 die Sicherheitssysteme in Block vier des Lenin-Kraftwerks ab. In der Nacht steigt die Leistung des grafitmoderierten 1.000-Megawatt-Reaktors innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung ist nicht mehr möglich. Um 01.23 Uhr kommt es zum Turbinenstillstand. Ein Hitzestau. Dampf und Wasserstoff lösen gewaltige Explosionen aus und sprengen die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmilzt und der Grafitmantel der Brennelemente fängt Feuer.

Evakuierung als "vorübergehende Vorsichtsmaßnahme"

Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wird in die Luft geschleudert. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt leben in der Industriestadt Pripjat rund 50.000 Menschen. Am Mittag des 26. April werden sie von den Behörden evakuiert - als reine Vorsichtsmaßnahme und lediglich für drei Tage, heißt es zunächst. Was in der Nacht geschehen ist, erfahren sie nicht. Und in ihre Wohnungen werden sie nicht wieder zurückkehren: Die radioaktive Strahlung ist zu hoch, als dass dort noch jemand leben könnte. Schritt für Schritt werden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht.

Um die Brände unter Kontrolle zu bekommen, werfen Helfer aus Hubschraubern und Flugzeugen tagelang Chemikalien, Blei, Sand und Lehm auf den zerstörten Reaktor ab. Der Wind trägt die freigesetzte Radioaktivität derweil Richtung Norden. In Finnland, Schweden und Dänemark schlagen Messstationen wegen ungewöhnlich hoher Werte Alarm. Der Verdacht richtet sich gegen die Sowjetunion, die noch kein Wort über den Zwischenfall verloren hat. Die amtliche Nachrichtenagentur TASS berichtet am 28. April schließlich kurz, dass sich in Tschernobyl "ein Unglück ereignet" habe. Erst nach drei Tagen spricht die UdSSR zum ersten Mal von einer "Katastrophe" und meldet zwei Todesopfer.

Hilfegesuche des sowjetischen Botschaftspersonals

Und sowjetische Botschaftsmitarbeiter wenden sich mehr oder weniger inoffiziell Hilfe suchend ans Ausland: Sie fragen in Stockholm und Bonn nach, was man denn bei einem Grafitbrand in einem Kernkraftwerk machen könne. Moskau selbst hält sich auch Anfang Mai noch bedeckt. Der PK-Vorsitzende Boris Jelzin wehrt sich bei einem Besuch in Hamburg gegen "Schreckensgeschichten" in westlichen Medien.

Die schleppende Informationspolitik sorgt auch in Deutschland für eine unübersichtliche Nachrichtenlage und für Verwirrung über die Geschehnisse und die möglichen gesundheitliche Folgen. Noch am 30. April betont die Bundesregierung, es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung. Im Lauf des Tages wird jedoch eine erhöhte Radioaktivität in der Luft registriert. Am 2. Mai, ganze sechs Tage nach dem Unfall, ergreifen Bund und Länder "erste Sofortmaßnahmen". Frischmilch darf nur noch bis zu einer bestimmten Jod-Belastung pro Liter verkauft werden, die Einfuhr von Produkten aus osteuropäischen Ländern wird beschränkt. Die Einschätzungen der Behörden variieren dabei erheblich und reichen von "unbedenklich" bis "Katastrophengrenze".

Zwei Tage später geht die Strahlung in der Luft zurück, steigt aber im Boden. Kinder sollen nicht auf Wiesen und in Sandkästen spielen, Bauern keine Freilanderzeugnisse verkaufen, heißt es jetzt. Noch am 13. Mai streiten sich das Bundesgesundheitsministerium und die Länder über Grenzwerte für Lebensmittel. Bauern, Einzelhandel und Nahrungsmittelindustrie fordern Entschädigungen. Ein Bundesumweltministerium, das Informationen bündeln und weitergeben könnte, gibt es noch nicht. Es wird erst am 6. Juni als Reaktion auf den GAU gegründet.

Anna Huber/AP

Lesen Sie im neuen stern die Rekonstruktion der Katstrophe von Tschernobyl: Die Fehler, die Explosion, die Aufräumarbeiten, die Schicksale. Große Infografiken veranschaulichen die Kette fataler Fehlentscheidungen in der Nacht zum 26. April 1986, durch die mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als durch 100 Hiroshima-Bomben.


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