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Forschung im Visier "Ich hoffe, du stirbst": Wissenschaftler erhalten seit Pandemie vermehrt Morddrohungen

Virologe Christian Drosten
Auch der Virologe Christian Drosten wurde bereits Opfer von Belästigungen und Drohungen
© Michael Kappeler / AFP
Während der Corona-Pandemie waren Forscherinnen und Forscher für viele Menschen willkommene Stimmen der Vernunft. Für andere hingegen boten sie die perfekte Zielscheibe, wie eine neue Studie zeigt.

Seit der Corona-Pandemie haben immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Androhungen von Gewalt bis hin zu Mord zu kämpfen. Der führende US-Virologe Anthony Fauci bekam persönliche Sicherheitskräfte, nachdem er und seine Familie Morddrohungen erhalten hatten. Auch seinen Kollegen in Europa erging es nicht viel besser: Der medizinische Chefberater in Großbritannien, Chris Whitty, wurde von Unbekannten mitten auf der Straße gepackt und geschubst. Der deutsche Virologe Christian Drosten erhielt ein Paket mit einer Flüssigkeit, die als "positiv" gekennzeichnet war – und einer schriftlichen Aufforderung, das Fläschchen zu trinken. In Belgien mussten der Virologe Marc Van Ranst und seine Familie in ein sicheres Haus gebracht werden, nachdem ein Scharfschütze des Militärs in einer Notiz mitgeteilt hatte, den Virologen ins Visier zu nehmen.

Doch nicht nur prominente Forscherinnen und Forscher werden zunehmend bedroht. Eine Umfrage des Wissenschaftsmagazins "Nature" unter mehr als 300 Wissenschaftler:innen, die öffentlich Interviews zur Lage der Pandemie gegeben und in den sozialen Medien über das Virus informiert haben, enthüllt erschreckende Erfahrungen mit Belästigung und Gewalt.

15 Prozent erhielten Morddrohungen

In der Studie berichten mehr als zwei Drittel der Forscherinnen und Forscher von negativen Erfahrungen infolge ihrer Medienauftritte oder ihrer Kommentare in den sozialen Netzwerken. 22 Prozent gaben an, dass sie mit körperlicher oder sexueller Gewalt bedroht wurden, 15 Prozent berichteten sogar von Morddrohungen. Sechs Befragte schilderten, dass sie körperlich angegriffen wurden.

Dabei sind koordinierte Social-Media-Kampagnen, Droh-Mails oder Telefonanrufe an Wissenschaftler:innen keinesfalls neu. Themen wie Klimawandel, Impfungen und Waffengewalt haben in der Vergangenheit zu ähnlichen Angriffen geführt. Doch selbst Expertinnen und Experten, die bereits vor der Pandemie bekannte Gesichter waren, sagten "Nature", dass die Belästigungen seit Corona ein völlig neues Ausmaß und Niveau erreicht hätten. "Es sind anonyme Leute, die mir von seltsamen Konten eine E-Mail schicken und schreiben, 'Ich hoffe, du stirbst' oder 'Wenn du in meiner Nähe wärst, würde ich dich erschießen'", berichtet der Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz von der University of Wollongong in Australien.

In gewisser Weise spiegeln die Drohungen gegen die Forscherinnen und Forscher ihren zunehmenden Bekanntheitsgrad als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wider. "Je prominenter du bist, desto mehr wirst du belästigt werden", sagt Historikerin Heidi Tworek von der University of British Columbia in Vancouver, die die Wissenschaftskommunikation während der Pandemie untersucht hat. Oft hätten die Angriffe demnach weniger mit der Wissenschaft an sich zu tun, sondern vielmehr mit der Person. "Wenn Sie eine Frau oder eine farbige Person aus einer marginalisierten Gruppe sind, zielen die Belästigungen wahrscheinlich auf Ihre persönlichen Eigenschaften ab", erklärt Tworek. Das kann auch die Infektionsärztin Krutika Kuppalli bestätigen. Im September 2020 war sie gerade eine Woche in ihrem neuen Job an der Medizinischen Universität von South Carolina in Charleston, als sie Zuhause einen Anruf bekam und jemand ihr drohte, sie umzubringen. Die unbekannte Stimme sagte, sie solle "dahin zurückgehen, wo sie hergekommen ist".

Belästigung wirkt sich auf Forschungskommunikation aus

Für Diskussion sorgt auch der Umgang mit den Drohungen. "Ich glaube, dass nationale Regierungen, Förderagenturen und wissenschaftliche Gemeinschaften nicht genug getan haben, um Wissenschaftler öffentlich zu verteidigen", kritisierte ein Forscher in der Umfrage. Es brauche mehr Training im Umgang mit Medien und Aufklärung darüber, was man von (Internet-)Trollen zu erwarten haben, forderte ein anderer.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagten, dass sie gelernt hätten, mit der Belästigung umzugehen und sie als unangenehme, aber erwartbare Nebenwirkung ihrer Arbeit akzeptieren würden. Gleichzeitig gaben 85 Prozent der Befragten an, dass ihre Erfahrungen im Umgang mit den Medien immer oder überwiegend positiv waren, auch wenn sie danach belästigt wurden.

Doch die "Nature"-Studie zeigt auch, dass die Drohungen und Belästigungen bereits eine abschreckende Wirkung auf die Forschungskommunikation entfaltet haben. Diejenigen Expertinnen und Experten, die häufiger von Trolls belästigt oder persönliche Angriffe erlebt haben, gaben am ehesten an, dass diese Erfahrungen ihre Bereitschaft, in Zukunft mit den Medien zu sprechen, stark beeinflusst haben. In einer globalen Pandemie, die von einer Reihe an Desinformationen und Falschinformationen begleitet wurde, ist das besorgniserregend, sagt Fiona Fox, Geschäftsführerin des UK Science Media Centre (SMC). "Es ist ein großer Verlust, wenn ein Wissenschaftler, der in den Medien präsent ist und sein Fachwissen teilt, aus der öffentlichen Debatte genommen wird, wo wir sie noch nie so dringend wie jetzt gebraucht haben."

Quelle: "Nature"

les

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