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Prozess in Ravensburg: Er 82, sie 91 - Affäre endet nach Jahrzehnten blutig

Er, 82 und verheiratet, hat seit Jahrzehnten eine Geliebte, 91. Es gibt Streit - mit der Ehefrau und der Affäre. Dann greift er zur Waffe, die Freundin überlebt. Der betagte Mann ist geständig, nur: Was hat ihn zur Tat getrieben?

Angeklagter im Prozess in Ravensburg

Auf dem Weg zur Anklagebank: ein wegen Mordversuchs vor Gericht stehender 82-Jährige aus Ravensburg

Es ist die Rede von heftiger Eifersucht, von Problemen und Streit, und es geht auch um die Frage, ob der 82 Jahre alte Angeklagte im Prozess um einen Mordversuch an seiner Geliebten überhaupt schuldfähig ist. Der Mann aus dem Allgäu soll versucht haben, die inzwischen über 90 Jahre alte Frau umzubringen. Deshalb steht er nun vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Ravensburg.

Der 82-Jährige macht einen unsicheren Eindruck 

Was genau ist passiert an jenem 11. September 2016 in der Nähe von Ravensburg? Und welche Vorgeschichte hat zu der ungewöhnlichen Tat geführt? Der verheiratete 82-Jährige, der einen unsicheren, zeitweise abwesenden Eindruck macht und wegen beginnender Demenz in der Untersuchungshaft in Behandlung ist, will keine Angaben machen. Sein Rechtsanwalt verliest aber in seinem Namen eine Erklärung, in der er die Tat einräumt.

So kommt einer vom Gericht bestellten Psychiaterin von der Forensischen Klinik Weißenau die Aufgabe zu, das Leben des Angeklagten und die Geschichte der Liebschaft zu erläutern, die in den 90er-Jahren begonnen und nach wachsenden Spannungen in der Ehe wie auch in der Affäre zu der Tat auf einem Ausflugsparkplatz geführt haben soll.

Bescheidenes Leben als zweifacher Vater

Die Attacke, so die Gutachterin, habe der betagte Mann widersprüchlich geschildert: als Verzweiflungstat eines Lebensmüden oder als unbeabsichtigtes Unglück beim Versuch, die damals 90-Jährige lediglich einzuschüchtern.

Und das alles nach einem bescheidenen, aber doch lange zufriedenstellenden Leben als zweifacher Familienvater, wie sie ausführt. Er neigt weder zu Alkohol noch zu Drogen, aber das Ehepaar besucht gern Stammtische. Erste Probleme treten auf, als nach 30 Jahren das Körperliche in der Ehe in den Hintergrund tritt.

Die Pistole hat er noch aus Sportschützenzeit

Bei einem Stammtischbesuch lernt das Paar die spätere Geliebte kennen. "Am Anfang war es ein freundschaftlicher Kontakt", sagt die Psychiaterin. Doch es habe sich eine Liebschaft entwickelt, die sich auch fortsetzt haben soll, als die Ehefrau dahintergekommen sei und mit Konsequenzen gedroht habe. So wie es die Gutachterin schildert, muss es eine durchaus leidenschaftliche Beziehung gewesen sein, jedoch mit zunehmenden Problemen.

Kurz vor dem Tattag soll sich die persönliche Situation zugespitzt haben, als sich auch die Ehefrau von dem untreuen Mann abwendete und beide immer häufiger stritten. Der Gedanke an Selbstmord sei aufgetaucht, berichtet die Psychiaterin - und damit auch die Kleinkaliber-Pistole, die der frühere Sportschütze immer noch besitzt.

Muss der Mann ins Gefängnis? 

Auch beim letzten Treffen mit der Geliebten im Auto hat der Angeklagte diese Waffe dabei. Was dann geschieht, schildert ein Polizeibeamter als Zeuge. Er kommt zufällig auf den Parkplatz, als der Angeklagte neben der offenen Autotür auf die am Boden liegende Frau einschlägt. Zuvor soll er ihr mit der Pistole in den Nacken geschossen haben. Der Polizist überwältigt den Angeklagten, das Opfer überlebt. Weitere damals alarmierte Polizisten schildern als Zeugen den Festgenommenen als verwirrt und "neben sich stehend", aber ansprechbar.

Der Prozess wird kommende Woche mit weiteren Zeugenaussagen fortgesetzt. Dass der 82-Jährige bei einer Verurteilung ins Gefängnis muss, hält auch der Staatsanwalt nicht für gegeben. Stattdessen steht die Unterbringung in einem Heim im Raum.

nik/DPA
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