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Der Eishockey-Chef aus Reichenhall: "Eingestürzt? Was heißt das?!"

Thomas Rumpeltes ist Präsident des Eishockey-Vereins in Bad Reichenhall, er war Trainer des 15-jährigen Opfers Andreas J., - und er ist einer der Kronzeugen für die Versäumnisse der Stadtväter. Florian Güßgen hat Rumpeltes getroffen.

Ausgerechnet jetzt spielt "Antenne Bayern" Grönemeyer. Jenes Lied, das Grönemeyer für seine verstorbene Frau geschrieben hat. "Wir waren verschworen, wären füreinander gestorben, haben den Regen gebogen", singt er. "Nichts war zu spät, doch vieles zu früh ..." Thomas Rumpeltes beachtet den Song nicht. Aber auch er spricht über den Tod, über das Unglück in der Eishalle, und darüber wie es nun weiter gehen muss in Bad Reichenhall. Es ist Donnerstag, kurz nach neun, am dritten Morgen nach dem Unglück. Rumpeltes hat sein Taxi am Rathausplatz geparkt. Er sitzt auf dem Fahrersitz und erzählt - von dem toten Andreas, von der Eishalle, von dieser Woche, die ihn zu einem bundesweit bekannten Menschen hat werden lassen.

Der erste Zeuge

Rumpeltes ist so etwas wie der erste Zeuge dieses Unglücks. Persönlich hat er keinen Schaden erlitten. Aber sein Leben ist so eng mit dieser Eishalle an der Münchner Allee verwoben, dass alle Fragen, die mit diesem Unglück zusammen hängen, irgendwann auch an Rumpeltes gestellt werden. Als gebürtiger Reichenhaller hat gesehen, wie die Halle gebaut wurde. Dort hat er das Schlittschuh-Laufen gelernt, dort hat er Eishockey gespielt, dort hat er sich um Trainer und ersten Vorsitzenden des EAC Bad Reichenhall 97 gemausert, des Eishockey-Vereins. Rumpeltes kann von Andreas J., einem Opfer, erzählen, weil er den 15 Jährigen trainiert hat. Und Rumpeltes war auch in den Unfallhergang involviert. Er war es, der an diesem Montag, um halb vier, den Anruf erhielt, dass das Eishockey-Training abgesagt werden müsse. Wegen Einsturzgefahr.

Idealtyp eines Eishockeyspielers

Rumpeltes sieht so aus, wie man sich einen Eishockey spielenden Bergfex vorstellt. Dunkelblond, stahlblaue Augen, eine scharf gezogene Nase, ein kleiner Kristall-Stecker im rechten Ohr - kernig irgendwie, gerade heraus. Er ist 41, wirkt aber jünger. Wie der Vater und der Onkel hat er in Bad Reichenhall gespielt, trainiert und war dann, seit 1999, im Vorstand des Vereins. Wegen finanzieller Kalamitäten musste der Club zwar gelegentlich neu gegründet und umbenannt werden. Aber einerlei, ob er den Zusatz EG, EHC oder EAC im Logo führte - ein Rumpeltes war immer dabei. 200 Mitglieder hat der EAC, knapp 100 Aktive, die sich in insgesamt fünf Mannschaften aufteilen, von den Kleinsten, die in die "Laufschule" gehen, bis zu den "Alten Herren". Die erste Mannschaft spielt seit dieser Saison in der Landesliga Süd. Die Gegner heißen Inzell oder Trostberg. Am kommenden Wochenende hätte sie eigentlich um den Abstieg spielen sollen.

"Der Montag war Chaos"

Eigentlich. Denn der vergangene Montag hat viel verändert, auch in Rumpeltes' Leben. Er dreht den Taxi-Funk leiser, erzählt. "Der Montag war ein ganz schönes Chaos", berichtet er. Den ganzen Tag habe er im Taxi gesessen. Um halb vier habe das Handy geklingelt, und er habe diesen "ominösen" Anruf aus dem Rathaus erhalten. Sein Ansprechpartner in Sachen Eishalle war dran. Das Training der Nachwuchsmannschaften - es war für 16 Uhr angesetzt - solle abgesagt werden, sagte er. Wegen des Schnees auf dem Dach. "Ich habe gesagt: Ja. Schade. Das Nachwuchstraining fällt aus. Das ist immer schlecht. Aber da kann man nichts machen." Er habe sich nichts weiter dabei gedacht, sondern die Telefon-Kette in Gang gesetzt, die sie beim EAC für diese Fälle angelegt haben. Auch die Mutter von Andreas J. erhielt einen Anruf, aber sie konnte ihren Sohn nicht mehr informieren. Andreas war schon zur Eishalle gegangen, er machte beim Publikumslauf vor dem Training mit. Die Offiziellen der Stadt wollten den Lauf um 16 Uhr beenden, um dann den Schnee vom Dach räumen zu lassen.

"Eingestürzt. Was heißt das?"

Um halb fünf klingelte bei Rumpeltes wieder das Telefon. Ein Kollege war dran. Der Taxi-Funk habe gemeldet, die Eishalle sei eingestürzt, berichtete der Kollege. "Ich habe geschluckt", sagt Rumpeltes, das Ausmaß des Unglücks habe er aber nicht begriffen. "Ja. Wie. Eingestürzt? Was heißt das?" habe er sich gefragt. "Ich konnte mir darunter nichts vorstellen - manchmal heißt eingestürzt ja schon, dass eine Schindel von einem Dach fällt, obwohl es in der Eishalle ja gar keine Schindeln gibt. Das realisiert man nicht so schnell." Erst im zweiten Moment sei ihm klar geworden, was für eine Katastrophe sich da in der Eishalle abgespielt haben könnte. Er selbst habe nicht sofort hinfahren können, berichtet er. Für die Behinderten-Werkstätte musste er noch eine "Linie" fahren - eine jener Touren, für die sein Taxi fest gebucht ist. Eine halbe Stunde nach dem Unglück begann Rumpeltes' Handy zu klingeln, diesmal waren Journalisten dran. Binnen kürzester Zeit wurde Rumpeltes, der Eishockey-Freak, zum Kronzeugen, zum Medienstar.

"In der Maschinerie"

"Ich hätte das Handy abschalten können. Aber ich dachte mir: Wenn die etwas wissen wollen, dann teile ich das auch mit. Die Maschinerie war angelaufen - und ich war mitten drin." Mitten drin: in den Nachrichten, im Radio, im Fernsehen. Überall musste er die Geschichte mit dem Anruf um halb vier erzählen. Und immer wieder sagte Rumpeltes jene Sätze, die Bürgermeister Wolfgang Heitmeier später in Bedrängnis brachten: Warum, um Himmels willen, habt ihr das Eishockey-Training abgesagt, die Leute aber nicht sofort vom Eis geholt? Warum habt ihr die Halle nicht sofort dicht gemacht, obwohl ihr offenbar von der Gefahr wusstet? Nass geschwitzt sei er gewesen, schildert Rumpeltes seine Medien-Karriere, gestresst und unvorbereitet. "Die haben mich von einem Fernseh-Team zum anderen geschubst,“ erzählt er. Aber er ist auch keiner, der sich dem Interesse versperrt hätte, der sich verweigert hätte. Er war überall. Erst am Dienstag sei es genug gewesen. Da habe er das Handy abgeschaltet. Herbe Kritik hat er sich für seine Aussagen eingehandelt, von vorschnellen Urteilen war die Rede. Mittlerweile drückt er sich vorsichtiger aus. "Natürlich ist das blöd" sagt er, "dass die das Training absagen und den Publikumslauf nicht - aber andere müssen entscheiden, wer da Fehler gemacht hat."

Der schwarz-gelbe Schal

Jetzt, am Donnerstag, klingelt Rumpeltes' Handy wieder. Ein TV-Sender ist dran. Ob das mit dem Interview um halb zehn klappe? Ja, sagt der Eishockey-Mann, aber er komme später. Im Hintergrund sendet "Antenne Bayern" Nachrichten. In Reichenhall sei die 15. Leiche geborgen worden, heißt es. Rumpeltes spricht weiter ins Handy. Durch das Fahrerfenster sieht man den Wittelsbacherbrunnen, der vor dem Rathaus steht. Dort haben am Dienstag Hunderte Menschen mit Kerzen an Andreas J. und die anderen Opfer erinnert. Im Schnee, in dem immer noch Kerzen stecken, leuchtet auch ein scharz-gelber Schal des EAC. Zwei Mädchen zünden dort gerade eine Kerze an.

"Er war sehr gut"

Rumpeltes hat das Gespräch beendet. Er erzählt von Andreas. Am Montag, kurz nach dem Unglück, habe der Vater des Jungen auf seinem Handy angerufen. Er habe wissen wollen, ob Rumpeltes Andreas gesehen habe. Rumpeltes verneinte. Erst am Dienstagmorgen erfuhr er dann mit Gewissheit, dass Andreas unter den Todesopfern war. "Er war noch nicht lange dabei", erzählt Rumpeltes. "Dafür mit um so mehr Begeisterung. Erst war er Stürmer, dann habe ich ihn in dieser Saison zum Torwart umfunktioniert. Er hat sich sehr gut gemacht." Rumpeltes hat selbst zwei Kinder, erwachsene Söhne, 20 und 17 Jahre alt, die bei der Mutter aufgewachsen sind, nicht in Reichenhall. Er denke immerzu an die Eltern, sagt Rumpeltes. Er könne sich das Leid nicht vorstellen. Aber über Trauer zu reden, das fällt ihm schwer. Auch bei der Lichterkette am Dienstag war er nicht dabei - eine wichtige Fahrt verhinderte das. "Beerdigungen, Lichterketten, das sind sowieso nicht so mein Ding", erklärt er - so, als ob es gefährlich sei, die Trauer zu erlauben. "Ich habe da so wenig Bezug dazu." Erst als sich die Trauernden des Vereins am Abend im "Schwabenbräu" trafen, sei er dazu gestoßen. Andreas' Eltern wolle er unbedingt besuchen, sagt er. Das sei ihm wichtig. Noch hat er es nicht geschafft.

“Nichts zu spät, vieles zu früh"

Um seine Mannschaft, sein Team, hat er sich natürlich schon gekümmert. Am Mittwochabend waren die EAC-Jugend-Trainer mit allen ihren Spielern im Pfarrheim der Sankt-Zeno-Gemeinde, um Andreas' Tod irgendwie zu verarbeiten. Eine Psychologin war dabei, erzählt Rumpeltes. Niemand müsse sich für Tränen schämen, habe sie gesagt. "Ein paar haben geweint", sagt Rumpeltes - "das macht aber auch nichts." Dann hätten viele Kerzen angezündet und seien hinüber gegangen, durch die Absperrungen hindurch, hin zur eingestürzten Eishalle. Dort hätten sie die Kerzen in den Schnee gesteckt. "Das war bewegend", sagt er - und dass es den Kindern gut getan habe. Just in diesem Moment spielt "Antenne Bayern" Grönemeyer in Moll: "Ich bin viel zu träge aufzugeben. Es wäre auch zu früh, weil immer was geht ... wir haben versucht, auf der Schussfahrt zu wenden ... nichts war zu spät, vieles zu früh ... Dein unbändiger Stolz, das Leben ist nicht fair."

"Wie eine unfertige Baustelle"

Rumpeltes ist kein Mann der leisen Töne, auch im Streit um die Schuld an der Katastrophe hat er sich in dieser Woche kaum zurückgehalten. Immer wieder hat er davon berichtet, die Halle sei seit Jahren schadhaft gewesen. Vom Dach sei Wasser getropft. Auf das Eis. Auf die Tribünen. Über Nacht sei das Tropfwasser auf der Eisfläche zu kleinen Hügeln gefroren. Überall hätten sie Eimer aufgestellt. "Das hat ausgesehen wie auf einer unfertigen Baustelle." Ausschließlich kondensiertes "Schwitzwasser", wie die Stadt nun behaupte, könne das nicht gewesen sein. "Die Zuschauer haben nicht mehr überall sitzen können - es hat an allen Ecken und Enden ohne Ende reingetropft." Aber er habe die Eismeister immer wieder auf die Mängel hingewiesen. Geschehen sei nichts. Etwas von Planungen haben man erzählt, von Finanznot. Zum Ankläger möchte er sich dennoch nicht aufschwingen. Er sei kein Statiker, sagt Rumpeltes. Das Sicherheitsrisiko, das in der Halle bestanden habe, könne er nicht einschätzen. "Dass Dach mag Scheiße sein. Aber die Träger müssen sicher sein", sagt er. "Davon bin ich ausgegangen."

"Eher schlechte Saison"

Es ist ein paar Minuten nach zehn. Rumpeltes erzählt, dass es weiter gehen wird mit dem Eishockey in Bad Reichenhall. Dass er alles daran setzen werde, dass bald wieder gespielt werde. Er erzählt von einem der ganz kleinen Spieler, einem aus der Laufgruppe. Der habe die Jugendleiterin noch am Montag gefragt: "Du, Carola, glaubst Du, dass die das mit der Eishalle bis Donnerstag wieder hinbringen? Da haben wir wieder Training." - "Guat, die G’schicht, oder?", sagt Rumpeltes, "obwohl der Anlass nicht lustig ist." Er will weiter machen, zunächst in Eishallen in Nachbarorten, dann bald wieder auf heimischem Eis, vielleicht in einer neuen Eishalle. Ein Denkmal soll dann, geht es nach Rumpeltes, an die Opfer dieser Woche erinnern. Irgendwann, sagt er, werde es dann vielleicht auch wieder sportliche Erfolge für den EAC geben. "Die Saison ist bisher eher schlecht gelaufen", sagt Rumpeltes.