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Die Bluttaten von Oslo Leben mit dem Unfassbaren


Die Massaker von Oslo sind unerträglich: Für Opfer, für Angehörige, für die Gesellschaft. Auch weil der Täter einer von uns ist - und seine Tat vielleicht nicht zu verhindern war.
Von Florian Güßgen

Es gibt kaum Worte, um das Ausmaß der Tat von Anders Behring B. zu beschreiben. Er kam aus dem Nichts und tötete über 90 Menschen. Wahllos. Gnadenlos. Der Schmerz, den er anderen Menschen zugefügt hat, ist unermesslich. Die überlebenden Opfer, die Angehörigen, die Gesellschaft, sie können so etwas nicht begreifen, nicht rationalisieren, nicht ertragen - nicht die offene Gesellschaft Norwegens, aber auch keine andere. Amerika, das Land der Waffen, stand dem Anschlag Timothy McVeighs 1995 in Oklahoma City fassungslos gegenüber. 168 Menschen ermordete McVeigh damals.

Ein Anschlag, wie er jetzt Norwegen und den Rest der Welt erschüttert, ist unfassbar, weil die Tat unsere normativen und moralischen Vorstellungen sprengt. Natürlich ist das Töten anderer Menschen immer ein Akt, den wir im Prinzip ablehnen. In Europa sitzt die Vorstellung zudem tief, dass sich auch kein Staat dazu aufschwingen darf, über Leben und Tod zu entscheiden. Aber es gibt Fälle, in denen wir es irgendwie akzeptieren, rechtfertigen oder auch nur verstehen können, wenn Menschen andere Menschen töten. In extremem Situationen: im Krieg, in Bedrohungssituation. Vielleicht kann man bisweilen auch verstehen, wenn ein Mensch aus Eifersucht tötet. Aber nicht diese.

Wie groß muss der Hass sein?

Das Unfassbare an der Tat von B. besteht darin, dass seine Motivation weit jenseits des Nachvollziehbaren liegt - und dass er daraus gleichzeitig Leid in einer unerträglichen Dimension hat entstehen lassen. Wie kann ein Mensch das tun? Einen Bombenanschlag offenbar kaltblütig planen und umsetzen, um dann Jugendliche gnadenlos zu erschießen? Wie groß muss der Hass des Täters oder der Täter auf was auch immer sein?

In den vergangenen Jahren haben wir uns daran gewöhnt, diese Art des unfassbaren Verbrechens zu kategorisieren, etikettieren zu können: als islamistischen Terrorismus, als Terror, motiviert von einem kruden, pervertierten Verständnis des Islam. Für uns, die westliche Gesellschaft hat das auch bedeutet, dass der Täter, der Mörder, im Kern von außen kam - vermeintlich aus einem anderen Kulturkreis, vermeintlich aus einer anderen Region. Zwar sind auch einheimische Jugendliche dieser "Ideologie" anheim gefallen, die "homegrown", die hausgemachten Reflexe. Aber das Böse, das Verführerische, kam dennoch nie von innen zumindest scheinbar. Dass hier Reflexe entstanden sind, zeigen auch die ersten Reaktionen nach dem Bekanntwerden des Bombenattentats von Oslo und der Massenhinrichtungen auf Utøya: Schnell vermuteten wir islamistische Hintergründe, die Drahtzieher in Afghanistan, vielleicht sogar in Libyen.

Einer von uns

Was bislang über den Täter bekannt ist, verweist in eine andere Richtung - und macht es uns noch schwerer. Der Mörder ist kein Fremder, sondern einer von uns. Auf Facebook präsentierte sich Anders Behring B. wie ein Posterboy westlicher Gesellschaften: blond, offen, mit schwarzem Lacoste-Pulli über dem Poloshirt mit hochgestelltem Kragen. Einer aus der Mitte der Gesellschaft. Er scheint zu jener Spezies von "Schläfern" zu gehören, die stets um uns herum sein können. Er gehört zu jenen Menschen, die in unseren Gesellschaften unauffällig leben, aus ihrer Mitte kommen - und die doch existenzielle Risiken darstellen. Sie sind tickende Zeitbomben, aufgrund welcher psychischen Deformationen auch immer - und gehören bis zu dem Zeitpunkt ihrer Tat doch immer zu uns. Und das wahrscheinlich in jeder Gesellschaft. Ob rechtsextrem oder islamistisch ist wahrscheinlich einerlei. Mutmaßlich suchen sich diese Menschen eine Ideologie, um ihren Hass auszuleben, ihn zu fokussieren und pseudo-gerechtfertigt auszuleben. Es ist nicht die Ideologie, die den Hass entstehen lässt.

"Mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, nicht mehr Naivität"

Relativiert wird das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen durch diese Sicht nicht. Den Schmerz lindert sie nicht. Keinen Augenblick. Aber sie richtet den Fokus auf die sehr persönliche, ebenso banal wie grundlegend scheinende Frage, wie man mit dem Bösen in der eigenen Gesellschaft umgeht - und welche Möglichkeiten es gibt, es zu erkennen und einzuhegen. In den nächsten Stunden, Tagen und Wochen werden die genauen Umstände der Tat von Oslo untersucht werden. Die Motive des Täters werden genauso beleuchtet werden wie die Frage, ob sein Morden hätte verhindert werden können, ob irgendwer irgendwann irgendwo versagt hat. Vielleicht wird Anders Behring B. etwas Erhellendes zu seiner Tat sagen können, wahrscheinlich aber nicht. Vielleicht wird ein Schuldiger jenseits der Täter gefunden, vielleicht aber auch nicht. Vorschnelle Schuldzuweisungen helfen in jedem Fall nichts, sie können auch nicht trösten. Vielleicht gibt es am Ende auch gar niemanden, der versagt hat. Auch das wäre schwer erträglich. Denn es würde bedeuten, dass wir mit dem Bösen unter uns einfachleben müssen - irgendwie. Und hoffen, dass es nicht ausbricht. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat zum Umgang mit dem Bösen am späten Freitagabend etwas Bemerkenswertes gesagt: "Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit, aber nicht mehr Naivität." Das war eine starke Antwort auf das Unfassbare, das da in Oslo geschehen ist.


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