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Misslungene Streitschlichtung Die Meute, der Polizist und der 13-Jährige, dessen Vater vor Gericht steht – Protokoll einer Eskalation

Ida Ehre Schule
Die Ida-Ehre-Schule nach Schulschluss knapp eine Woche nach dem Vorfall
© Niels Kruse / stern
An der Ida-Ehre-Schule in Hamburg hockt ein Polizist auf einem 13-Jährigen. 80 Schülerinnen und Schüler stehen um sie herum, einige treten dem Beamten gegen den Kopf. Was war da los? Schulgewalt? Polizeigewalt? Weder noch – eine Rekapitulation.

Diese Geschichte sind eigentlich zwei. Oder drei. Es ist einer dieser Geschichten, die gemacht sind für den Boulevard. Es gibt Opfer und Täter, es gibt einen mäßig beleumundeten Tatort und die ewige Frage nach Anstand und verlotternden Sitten: An einer Hamburger Schule also schart sich eine Schülermeute um einen Stadtteilpolizisten, tritt und beschimpft ihn, weil der auf einem sich verzweifelt wehrenden Jugendlichen hockt.

Die Szene, die sich vor einigen Tagen abgespielt hat, brachte die Gemüter schnell auf 180: Diejenigen, die keine guten Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Genau wie diejenigen, die im Gegenteil, die zunehmende Respektlosigkeit gegenüber den Beamten beklagen. Ebenso Pädagogen, Sozialarbeiter, Mitschüler, die Politik. Doch der Vorfall an der Ida-Ehre-Schule ist nicht der Anfang einer (tragischen) Geschichte, sondern eher das (vorläufige) Ende.

Der Tatort: Der nächste Waldorf-Kindergarten ist nur einen Steinwurf entfernt. Auf den Radwegen brettern Lastenräder um die Wette. Die Uni ist in Sichtweite, ein paar Straßen Richtung Osten liegt das angesagte Schanzenviertel, in der anderen Richtung das mondäne Harvestehude. Zwischen diesen Welten ist die Ida-Ehre-Schule in einem efeuberankten Backsteinbau des berühmten Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher untergebracht. Sie gehört zu den Stadtteilschulen, wie die Hamburger ihre Variante der Gesamtschulen nennen, wird von drei Gymnasien und einer Grundschule umzingelt und ihr Ruf ist, der bürgerlichen Lage zum Trotz, nicht wirklich gut.

Streitschlichter hockt auf Jugendlichen

Der Vorfall: Am Donnerstag, den 19. August kommt der für die Schule zuständige "Cop4U" genannte Stadtteilpolizist an der Schule vorbei, beobachtet einen Streit zwischen zwei Schülern und will schlichten. Einen der beiden kennt der 53-jährige Hauptkommissar bereits – es ist ein seit Monaten auffälliger 13-Jähriger. Für den kommenden Montag ist ein Krisentreffen mit ihm und der Schule vereinbart. Der Beamte weiß auch, dass der Jugendliche ein Messer besitzt. Das befürchtet er auch an diesem Tag. Umso mehr, weil der Schüler seine Hände in den Taschen vergräbt und sie auch auf Bitten des Polizisten nicht herzeigen will. Jetzt beginnt der unschöne Teil.

Auf dem Video, das es von dem Vorfall gibt, ist zu sehen, wie der "Cop4U" mit gelben Fahrradhelm auf dem Kopf den nicht ganz kleinen Jugendlichen rabiat zu Boden drückt. Der 13-Jährige schlingt die Arme um den Polizisten und versucht sich verzweifelt herauszuwinden. Was auf den wenigen Video-Sekunden wie blanke Polizeigewalt aussieht, liest sich im Pressemitteilungsdeutsch der Behörde so:

"Als der Beamte einschritt und die beiden Streitenden trennte, hielt einer der Jungen vehement eine Hand unter seiner Jacke verborgen und zeigte sie auch nach mehrfacher Aufforderung des Polizisten nicht vor. Da der 13-Jährige den Beamten bereits bekannt und nicht auszuschließen war, dass er bewaffnet sein könnte, fixierte der Beamte die Arme des Jungen aus Eigensicherungsgründen. Der Junge leistete daraufhin starken Widerstand und schlug um sich, sodass der Beamte ihn schließlich zu Boden bringen und dort weiterhin fixieren musste. Die umherstehenden Kinder und Jugendlichen solidarisierten sich auf hochaggressive Weise mit dem Festgehaltenen und bedrängten den auf dem Boden liegenden Polizisten. Aus der Gruppe heraus wurde diesem mehrfach gegen den Kopf getreten. Nur weil der Polizeibeamte bei dem Einsatz noch seinen Fahrradhelm trug, blieb er unverletzt."

Erst mit Hilfe der Kollegen aus einem Dutzend Peterwagen bekommt die Polizei die Lage in den Griff. Nicht nur der 13-Jährige muss mit auf die nächste Wache, auch zwei weitere Kinder, 12 und 13 Jahre alt, kommen in Gewahrsam. Gegen sie wird wegen tätlichen Angriffs, gefährlicher Körperverletzung, versuchter Gefangenenbefreiung und Beleidigung ermittelt. Zwar sind sie für juristische Konsequenzen zu jung, dennoch wird nun eine Akte über sie angelegt. Das sei üblich, sagt eine Polizeisprecherin dem stern. Für den Fall, dass Behörden später einmal Einblick in das Leben der Kinder nehmen wollen oder müssen.

Die Umstehenden: Als der Polizist an der Schule ankommt, hat sich bereits eine Gruppe von Schülern um die beiden Streithähne versammelt. Nachdem er den 13-Jährigen unsanft auf dem Boden fixiert hat, sammeln sich weitere Schülerinnen und Schüler um sie herum. 80 werden es am Ende sein. Aus dem Hintergrund sind Schreie der Jugendlichen zu hören, unter anderem: "Hören Sie auf!" und der Hinweis, dass der Junge womöglich keine Luft bekomme. Die von der Polizei beschriebenen Tritte gegen den Kopf des Polizisten sind im Video höchstens andeutungsweise zu erkennen. In der Gruppe der Gaffer sollen sich auch Lehrer befunden haben, die aber nicht eingeschritten seien, wie es später hieß.

Nicht überrascht: Ex-Schüler der Ida-Ehre-Schule

Die Ex-Schüler: "Mich wundert das alles nicht", sagt Han, der nicht mit echtem Namen erwähnt werden will, dem stern. Er ist 19 Jahre alt und hat vor wenigen Monaten Abitur auf der Ida-Ehre gemacht, seine Schwester ist dort noch Schülerin. Natürlich kennt er den Schulhof und die Probleme: Auffällig sei vor allem die Mittelstufe mit deren Möchtegern-Rowdys. "Eigentlich sind es immer nur die gleichen drei, die Stress machen. Aber wenn der Streit anfängt, sind die anderen auch schnell da und machen mit."

Henner, ebenfalls 19, ging früher einmal auf die Ida-Ehre-Schule. Monatelang wurde er von einem Typen gehänselt, provoziert und gemobbt. Eines Tages platzte Henner der Kragen und schlug seinem Mitschüler mitten ins Gesicht. Folge: Applaus nicht nur von den Mitschülern, sondern auch von einigen Lehrern. "Sie haben natürlich nichts gesagt, aber manche grinsten mich anerkennend an." Nach dieser Aktion wechselte Henner die Schule – nicht nur, aber auch wegen der Auseinandersetzung. Der Rowdy gegen den sich Henner unsanft gewehrt hatte, war zuvor vom Gymnasium auf die Ida-Ehre gewechselt – wie viele Kids dort.

Der Polizist: "Cop4U" sind in Hamburg Stadtteilpolizisten und werden Schulen fest zugeteilt. Sie sind eine Mischung aus Schülerlotse, Streetworker und Ansprechpartner bei Problemen. Im besten Fall bevor sie eskalieren. So war der betroffene Hauptkommissar auf seinem Rundgang durchs Viertel im Rahmen der Aktion "Schulwegsicherung" auf eine Auseinandersetzung der beiden Jungen aufmerksam geworden. Der Vorfall hat keine ernsthafteren Konsequenzen für den 53-Jährigen gehabt. "Ihm geht es gut und er arbeitet wieder", sagt die Polizeisprecherin.

Die Reaktionen: Der Elternrat "verurteilt jede Form von Gewalt" und ruft zur Besonnenheit auf: Es sei "sehr bedenklich, dass die Behörde gehandelt hat, ohne die Beteiligten angehört zu haben. So wurden Schüler*innen auf Anweisung der Behörde für mehrere Tage vom Unterricht suspendiert, ohne dass mit diesen bislang gesprochen oder eine Beteiligung bewiesen worden ist."

Schuldirektorin Nicole Boutez: "Es hat uns entsetzt, mit welchem Gewaltpotenzial schon Kinder agieren können. Es hat uns erschrocken, mit welchem Selbstverständnis und in entfremdender Form 'gegafft' wird – von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen." Neben polizeilichen und disziplinarischen Folgen hat sie der gesamten Schülerschaft Präventionsunterricht verordnet. Dabei soll es auch um Themen wie "Wie helfe ich anderen?" gehen.

Die Politik: "Es kann nicht sein, dass ein bereits als Intensivtäter geltender Jugendlicher immer noch Zugang zur Schule bekommen konnte. Hier müssen alle Möglichkeiten der Behörden genutzt werden" (Silke Seif, CDU). "Die Cops4U sind ausgebildete Streitschlichter und in der Pflicht, bei 'gewalttätigen Situationen im Notfall auch polizeiliche Mittel anzuwenden'" (Sören Schumacher, SPD). "Wir müssen verstehen, warum von Schülern so eine Gewalt ausgehen kann." (Sina Imhof, Grüne) "Es muss geklärt werden, warum die zahlreichen Gewaltpräventionsprogramme im Eimsbütteler Raum nicht wirken." (Anna von Treuenfels-Frowein, FDP).

Die Schule: Obwohl die Ida Ehre-Schule in einer gehobenen Ecke liegt, rangiert sie im "Sozialindex" der Stadt nur im Mittelfeld, das direkt nebenan liegende Helene-Lange-Gymnasium dagegen belegt einen der vorderen Plätze. Die frühere Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis war an der Bogenstraße einmal Patin für ein Schülertanz-Projekt. Berühmteste Ehemalige: Rapper Samy Deluxe und Schauspielerin Susan Sideropoulos.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schule Schlagzeilen macht: Im November wurde dort ein Corona-Massenausbruch bekannt, als 1200 Tests 55 positive Fälle enthüllten – verteilt über 25 Schulklassen, sowohl beim Lehrpersonal als auch bei Schülerinnen und Schülern. Im Jahr zuvor geisterte die Ida-Ehre als "Antifa-Schule" durch das Land. Grund waren ein paar Aufkleber von unter anderem der linksextremen "Antifa Altona Ost", die im Oberstufengebäude entdeckt wurde. Die AfD witterte gleich "linke Beeinflussung" der Schüler und sorgte dafür, dass die Sticker und ein "All Cops Are Bastards"-Schriftzug verschwanden.

Der Vater steht vor Gericht

Der 13-Jährige: Der Schüler besucht zwar eine Schule in einem Nachbarstadtteil, ist aber an der Ida-Ehre kein Unbekannter. "Den kennt jeder, er hat hier Freunde", sagt Ex-Schüler Han. Sein regelmäßiges Auftauchen an der Bogenstraße ist nur leider selten freundlich, regelmäßig macht er Ärger und bedroht Schüler; einige Eltern haben sich darüber schon bei den Lehrern beschwert.

Spätestens seit März dieses Jahres geht das so, irgendwas scheint bei dem Jungen passiert zu sein. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, füllt sich seine Polizeiakte seitdem rasant: "Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Ladendiebstahl, Diebstahl, Bedrohung mit Messer, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" werden ihm vorgeworfen. An seiner eigenen Schule wird er mit einem Teleskop-Schlagstock erwischt.

"Es ist erschreckend, was dort passiert ist. Ganz offensichtlich läuft bei der Erziehung der beteiligten Schüler etwas grundlegend schief", sagt Thomas Jungfer, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft über den Vorfall. Möglicherweise hat er mehr als Recht, wobei "schieflaufen" die Sache nicht ganz trifft. Denn der Vater des 13-Jährigen sitzt seit einiger Zeit im Gefängnis. Und genau seit März steht der 41-Jährige auch vor Gericht: Ihm wird vorgeworfen, einen Gestütsbesitzer aus Quickborn bei Hamburg mit zwei Kugeln von hinten erschossen zu haben. Heimtückisch, wie der Staatsanwalt meint, das könnte eine lebenslange Haftstrafe nach sich ziehen. Auch wenn der Fall noch nicht geklärt ist, deutet bei dem mutmaßlichen Täter und dem Opfer einiges auf dubiose Geschäfte und das Rotlichtmilieu hin.

Dass die Probleme des Jugendlichen und der Prozess gegen Vater zum gleichen Zeitpunkt begonnen haben, ist mutmaßlich kaum ein Zufall. Mittlerweile soll der 13-Jährige im Norden der Stadt staatlich betreut in einer Jugendwohnung leben. "Wir als Polizei stehen ja meist am Ende einer Entwicklung, dieser Junge jedenfalls braucht ganz sicher andere Hilfe", sagt die Polizeisprecherin.

Quellen: Polizei Hamburg, "Taz", "Bild"-Zeitung, Hamburger Schulbehörde, Ida-Ehre-Schule, "Hamburger Morgenpost"


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