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Dormagen: Masseneinsatz im Pulverfass

Wenn ein Chemiewerk brennt, dann heißt das für die Feuerwehr Großeinsatz. Ein solches Aufgebot wie beim Petrochemiekonzern Ineos jedoch ist selbst im Katastrophenfall ungewöhnlich. 1200 Feuerwehrleute bekämpften die Flammen im Kölner Norden bis in die Morgenstunden.

Von Frank Gerstenberg

Paul Blosczyk hatte sich seinen ersten Urlaubstag anders vorgestellt. Der Chemikant arbeitet für das englische Petrochemieunternehmen Ineos und wollte mit seinen beiden Töchtern entspannte Osterferien verbringen. Stundenlang blickt er aus seinem Garten in Dormagen immer wieder sorgenvoll Richtung Süden. Von seinem Arbeitsplatz, der nur rund 1000 Meter Luftlinie entfernt liegt, steigen meterhohe Flammen empor, der Himmel über Dormagen ist glühend rot, Richtung Köln wird er pechschwarz. "Das ist keine Kleinigkeit", sagt Bloscyk. Die Leute bekommen eine geballte Russladung ab, "wie von einem Auto ohne Katalysator und Russpartikel-Filter". Ineos-Arbeitsdirektor Patrick Giefers fordert die Anwohner über den Rundfunk auf, Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Es war früher Nachmittag, als im Petrochemieunternehmen Ineos im nördlichen Kölner Stadtteil Worringen eine Rohr-Leitung mit Ethylen platzte, das zur Kunststoffherstellung verwendet wird. Das Gas entzündete sich und schlug bis zu 15 Meter hohe Stichflammen, die ein benachbartes Tanklager mit giftigem Acrylnitril in Brand setzte. Nach dem Brand zog eine riesige Rauchwolke vom Chemiepark Dormagen aus über Köln hinweg.

Hochexplosive Nachbarschaft

Rund 1200 Feuerwehrleute waren im Einsatz, so viel noch nie wie bei einem Einsatz in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg. Die angrenzende A 57 wurde bis auf Weiteres gesperrt, der Zugverkehr zwischen Köln und Dormagen eingestellt. Mit einem groß angelegten Schaumangriff konnte die Feuerwehr den Brand kurz nach Mitternacht zwar löschen, doch die Gefahr war dennoch nicht ganz gebannt. Ein zweiter Tank mit hochexplosiven Chemikalien in unmittelbarer Nähe wurde mit riesigen Wassermengen gekühlt. "Wir mussten verhindern, dass das Feuer übergreift", sagte Ineos-Sprecher Jörg Brückner stern.de. Erst dann könne geprüft werden, ob das Feuer unter dem Schaumteppich auch völlig gelöscht sei.

Ein 67-jähriger Worringer steht derweil kopfschüttelnd vor dem Ineos-Werkstor. Sein ganzes Leben hat der Rentner im Schatten des Chemiewerks verbracht, aber "im Werk hat es ein solches Unglück noch nicht gegeben". Zuletzt brannte es 1999 bei der damaligen Erdölchemie. Ein Tanker war damals auf dem Rhein explodiert, zwei Menschen starben.

Pulverfass Chempark

Zwar kamen zwei Mitarbeiterinnen eines Supermarktes in Köln- mit Augen- und Hautreizungen in ein Krankenhaus, doch Schwerverletzte oder gar Tote gab es diesmal nicht. Dennoch war allen mulmig zumute: den Anwohnern, den Verantwortlichen und erst recht den Arbeitern im Werk. "Ich will nichts dramatisieren, aber auch nichts beschönigen", sagte Ineos-Sprecher Brückner als die Flammen immer höher schlugen und bereits im 25 Kilometer entfernten Düsseldorf deutlich zu sehen waren, während Feuerwehrwagen auf Feuerwehrwagen, teilweise aus dem 70 Kilometer entfernten Duisburg, durch das Werkstor fuhr. "Wir haben eine gefährliche Situation", sagte Brückner. Das Problem: Acrylnitril ist nicht löschbar. "Wir können es wahrscheinlich nur kontrolliert ausbrennen lassen", erklärte ein Feuerwehr-Sprecher die Löscharbeiten. Ein nervenaufreibendes Unterfangen. Denn auf dem Ineos-Gelände mit seinen 2700 Beschäftigten reiht sich ein Kessel und eine Gas- und Öl-Rohrleitung an die nächste. Ganz zu schweigen vom unmittelbar angrenzenden 570 Hektar großen Chempark Dormagen, in dem rund 10.000 Mitarbeiter 2000 verschiedene chemische Produkte herstellen.

Nachtschicht mit Gasmaske

Schichtmeister Frank Baum (Name von der Redaktion geändert) fuhr mit sehr gemischten Gefühlen zur Nachtschicht. Sein Arbeitsplatz liegt nur 400 Meter vom lodernden Tank entfernt, der von weitem an die brennenden Ölfelder im Irakkrieg 2003 erinnert. Normalerweise wird unter den 16 Schichtkumpels viel gelacht, diesmal ist die Stimmung gedrückt. "Wir machen uns Sorgen, das ist doch klar", sagt Baum. An normale Arbeit ist in dieser Nacht nicht zu denken. Der Schichtmeister schickt seine Leute alle zwei Stunden auf Patrouillengang, die Gasmaske ist Pflicht. Das Landesumweltamt und die Werksleitung beteuern zwar, dass die Schadstoffbelastung "unter den Grenzwerten" liege, aber die Schichtarbeiter trauen dem Braten nicht recht: "Man weiß ja nie, was das für Auswirkungen hat", sagt Baum - zumal schwarzer Rauch nach Angaben der Feuerwehr grundsätzlich schädlich ist.

In Dormagen und Köln-Worringen geht derweil die Angst vor dem großen Knall um: Spaziergänger, Freizeit-Sportler, Büroarbeiter starrt stundenlang gebannt auf die schwarz-rote Silhouette, in die die Chemiestadt eingetaucht ist. Astrid Piel aus dem Dormagener Ortsteil Delhoven ist nervös: Auch ihr Mann muss am Abend zur Nachtschicht in das Ineos-Werk. "Ich hoffe, dass ihm nichts passiert." Sie überlege ernsthaft, "ob es nicht besser ist, mit meiner Tochter ein paar Tage wegzufahren." Aus Dormagen raus zu kommen, ist angesichts der Sperrungen indes gar nicht so einfach.

Großer Schaumangriff

Gegen Mitternacht entschloss sich die Feuerwehr dann zu einem groß angelegten "Schaumangriff": Das Risiko dabei: "Der erste Angriff muss sitzen, sonst wird das Problem größer", sagte ein Feuerwehr-Sprecher. 55.000 Liter Wasser mussten pro Minute herbeigeschafft werden. Eine logistische Meisterleistung, die sich auszahlte: Gegen halb Eins in der Nacht schaffte es die Feuerwehr, das brennende Acrilnitril mit einem "Schaumstoffdeckel" zu verschließen, die giftige Flüssigkeit konnte nicht mehr entweichen. Bleibt noch die Antwort auf die Frage nach der Brandursache. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.