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DRK-Aufbauhelfer Frank Jörres: "Training für den Tag X"

Der Tsunami war mit mehr als 300.000 Toten Asiens Urkatastrophe. Eine der ersten Hilfsorganisationen vor Ort war das Rote Kreuz. Task-Force-Chef Frank Jörres, spricht im stern.de-Interview über den Stand der Wiederaufbauarbeiten.

Wie ist die Situation in den ehemaligen Überschwemmungsgebieten?

Jörres: Sehr unterschiedlich - Gebiete wie Banda Aceh, die am stärksten betroffen waren, sehen natürlich auch jetzt noch wüst aus. Aber es gibt auch große Fortschritte. 90 Prozent der Menschen haben Zugang zu frischem Wasser, die medizinische Versorgung in Indonesien und Sri Lanka ist auf demselben Stand wie vor der Tsunami, außerdem sind die Menschen inzwischen sicher untergebracht. Große Zeltlager gibt es nicht mehr.

Was ist Ihre wichtigste Aufgabe derzeit?

Wir arbeiten momentan mit Hochdruck an der Reparatur der Hausbrunnen. Viele sind durch den Tsunami mit Salzwasser oder Schlamm verschmutzt worden. Die Hilforganisationen können aber nicht auf Dauer Trinkwasser transportieren und verteilen, deswegen müssen diese Brunnen wieder funktionsfähig gemacht werden.

Wie geht es den Menschen - sind sie traumatisiert?

Wir assoziieren in den den westlichen Ländern eine Traumatisierung immer mit Lähmung, Depression und Apathie. Aber so ist es dort nicht. Ich war ungeheuer beeindruckt, wie viele Menschen wenige Tage nach Katastrophe wieder gearbeitet haben - auch wenn sie gerade Familienangehörige verloren hatten.

Banda Aceh war militärisches Sperrgebiet - waren da DRK-Mitarbeiter überhaupt willkommen?

Ehrlich: Ich habe mich persönlich selten so willkommen gefühlt wie dort. Das mag etwas damit zu tun haben, dass die Indonesier ein völlig ungetrübtes Verhältnis zu Deutschland haben. Auch die typische asiatische Gastfreundschaft spielt eine Rolle.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie momentan noch im Einsatz?

Man spricht ja in Deutschland immer gerne von den "deutschen Helfern", aber man muss sich auch mal die Dimensionen klar machen. Für das DRK arbeiten im gesamten ehemaligen Katastrophengebiet derzeit 28 Deutsche - allein in Indonesien kommen aber noch 14.000 freiwillige Helfer hinzu, in Sri Lanka sind es 4000. Wir rekrutieren Hilfskräfte auch ganz bewusst vor Ort, für die Materialbeschaffung gilt übrigens dasselbe.

Wie entwickeln sich die Spenden aus Deutschland?

Das DRK hat, dank der überwältigenden Spendenbereitschaft der Deutschen, bislang 124,6 Millionen Euro eingenommen, 35 Millionen Euro haben wir bereits investiert. Wir gehen sehr sorgfältig und vorsichtig mit dem Geld um, um dem Auftrag der Spender gerecht zu werden.

Kann sich eine solche Katastrophe wiederholen, oder sind nun effektive Frühwarnsysteme installiert?

Über das technische Frühwarnsystem, das die Deutschen errichten, kann ich keine Auskunft geben. Wir beschäftigen uns eher mit der Frage, wie sich die Warnungen vor Ort umsetzen lassen - Menschen verlassen ihr Hab und Gut nicht gerne, selbst wenn sie in Gefahr sind. Wir überlegen also: Braucht man Schutzbauten? Sollte man Fluchtwege ausschildern? Müßte die Bevölkerung für den Tag X trainiert werden – und wenn ja, wer führt dieses Training durch? Diese Projekte sind sehr zäh und lassen sich schwer öffentlich vermitteln, aber sie sind uns wichtig. Denn wir wollen mehr zurücklassen als eine wiederhergestellte Infrastruktur.

Interview: Lutz Kinkel