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Erdbeben in den Abruzzen: "Oh Gott, mein Gianni ist tot"

Das einst so romantische Städtchen L'Aquila ist zu einem Kriegsschauplatz geworden. Mehr als 150 Menschen haben das schwere Erdbeben in den Abruzzen mit dem Leben bezahlt, Zehntausende sind obdachlos. Die Menschen sind verzweifelt - und wütend. Denn es gab konkrete Warnungen vor der Katastrophe.

Von Sandro Mattioli, L'Aquila

Es sind Kleinigkeiten, die zeigen, wie dramatisch das Erdbeben in L'Aquila in der vergangenen Nacht war. Die einstmals romantische Stadt mit engen Gassen und alten Häusern ist zu einem Kriegsschauplatz geworden. Die Fassaden der Häuser sind aufgerissen, in manchen Gebäuden klaffen fünf Meter große Löcher. Sie sehen aus, als habe ein gigantisches Monster Stücke herausgerissen. Dachrinnen baumeln herab, und manchmal lugen Spielzeugteile unter Staub und Stein hervor. Hier hat ein Kampf getobt, ein Kampf zwischen Natur und Mensch. Und auch wenn der Mensch zumeist schwächer ist als die Natur, hätte er diesen Kampf womöglich gewinnen können.

Man hätte nur auf einen Forscher hören müssen, der die Daten seiner Messgeräte ausgewertet hat und dann vor einem bevorstehenden Beben warnte. Die Stadt wäre womöglich von viel Leid verschont worden. Doch der Bürgermeister von L'Aquila beschimpfte den Wissenschaftler als Panikmacher, bis dieser seine Warnung zurückzog. Drei Tage später sind jetzt mehr als 150 Menschen tot, weit über tausend verletzt und das, was den Menschen eine Heimat war, ein Trümmerfeld. Und noch immer gibt die Erde keine Ruhe.

Auf der Sitzfläche des Stuhls klebt noch das Blut der Opfer

Was in der vergangenen Nacht geschah, zeigen auch Kleinigkeiten wie der Holzstuhl, der zwischen Carlo und Maria De Nicola steht. Das Ehepaar sitzt vor seinem Haus am Rande des historischen Zentrums, es ist Essenszeit, doch die beiden haben ohnehin keinen Hunger. Auf der Sitzfläche des Stuhls klebt Blut, es ist in der Sonne getrocknet. Auch auf dem Boden hat die vergangene Nacht ihre rotbraune Spur hinterlassen. "Dreißig Erdstöße folgten noch auf den um halb vier, doch der erste war der schlimmste", sagt Carlo De Nicola, ein nüchterner Mensch. "Es hörte gar nicht mehr auf, ich habe sie alle gezählt." In seiner Stimme schwingt Wut mit, denn es war nicht das erste Mal in den vergangenen Wochen, dass die Erde bebte. Doch nie war es so schlimm.

Während die Erde in der Nacht ächzte und lärmte und der Boden nicht aufhörte, Sprünge zu machen, stürmte er mit seiner Frau aus dem Haus. Was er dann sah, wird er nie wieder vergessen. Das Nachbarhaus, in dem drei Schwestern wohnten, stand nicht mehr. Es lag in Trümmern. Eine Frau hatte sich retten können, die beiden anderen nicht. Mit ihren Händen schafften Maria und Carlo De Nicola und ihre Nachbarin die Trümmer beiseite. Eine der beiden eingeschlossenen Frauen war von ihrem Schlafzimmer zwei Stockwerke tief gefallen, die Decke war einfach aufgerissen. Das Ehepaar schleppte die am Bein und an der Hüfte verletzte Frau zu sich aufs Grundstück und setzte sie auf den Stuhl. Maria De Nicola kann immer noch nicht fassen, was dann passiert ist. "Wir mussten förmlich darum betteln, dass endlich eine Ambulanz kommt", sagt sie empört. Jetzt sind die zwei verletzten Frauen irgendwo in einem Krankenhaus, genaueres weiß sie nicht.

Die ersten Helfer waren schon früh vor Ort, bald nach dem ersten Erdstoß machten sich die ersten Gruppen auf. Im Lauf des Tages wurden Sammelpunkte für die obdachlos Gewordenen eingerichtet, es gibt dort Essen und Wasser. Viele der Verletzten werden in entfernte Krankenhäuser gebracht, es jaulen ständig Martinshörner. Das Hospital von L'Aquila ist kaum einsatzbereit. Nur einer von vier Operationssälen ist benutzbar, es gibt kein fließendes Wasser. "Das ist doch unglaublich", ärgert sich Carlo De Nicola, "vor drei Tagen warnte ein Wissenschaftler vor dem Beben, und die Verwaltung sagte einfach: Kein Problem! Und jetzt das!"

In L'Aquila hätte man also vorbereitet sein können. Vielleicht war die Helferin, die jetzt auf dem Gehsteig der Straße sitzt, die sich am Rand der Altstadt in die Höhe schraubt, auch tatsächlich darauf vorbereitet, in einem Katastrophenfall zum Einsatz zu kommen. Doch jetzt fährt sie sich mit der Hand durch ihr schwarzes Haar und braucht Luft. Seit dem frühen Morgen ist sie wie die meisten der Helfer im Einsatz. Jetzt ist es Nachmittag, und so langsam schwinden die Kräfte - nicht nur die körperlichen, auch die geistigen. Auf die Tatsache, dass ein vierstöckiges Wohnhaus wie das vor ihr auf die Höhe eines Lastkraftwagens zusammenstürzt, kann man nicht vorbereitet sein. Überall in der Stadt sind Häuser beschädigt oder gar zusammengebrochen, doch besonders schlimm ist die Lage entlang dieser Straße. Acht Familien wohnten hier. Wie viele der Menschen sich in Sicherheit bringen konnten, weiß niemand. Am Nachmittag konnten die Helfer noch mit einer verschütteten Frau sprechen, doch dann verstummte sie.

Die Überlebenden haben Tränen in den Augen

Vor dem Wohnhaus sitzen Verwandte und Bekannte der Bewohner mit Tränen in den Augen, ihr Blick ist leer. Mit bloßen Händen graben rund fünfzig Helfer nach Vermissten. Aus dem Studentenwohnheim wurden bereits Leichen geborgen. "Oh Gott, oh Gott, mein Gianni ist tot", sagt eine Frau auf der Straße. Sie wird von Helfern gestützt, doch sie will sich immer wieder zu Boden werfen. Weiter oben steht von dem ehemaligen Studentenwohnheim nur noch ein Teil. Auf einer Verkehrsinsel davor warten viele Studenten. Sie warten darauf, ihre Kommilitonen lebend wiederzusehen, sie warten, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Sie warten, dass dieser grausige Tag vorübergehen möge.

Claudia, 22 Jahre alt, hat bis vor einem Jahr dort gewohnt, wo jetzt Betonteile liegen, dann zog sie in ein anderes Wohnheim um. "Ich hatte das Zimmer 113, direkt unter dem Eingang, der jetzt zusammengebrochen ist", berichtet sie. Sie ist mit ihrem Freund Giuseppe zu dem Gebäude gekommen, wo jetzt schwere Kräne Mauerteile zur Seite heben. "So etwas wie dieses Erdbeben habe ich noch nie erlebt. Ich habe nur noch geschrien", sagt sie. Als dann Teile von der Zimmerdecke fielen, habe sie ihr Freund gepackt, ihren Kopf mit den Armen geschützt, und dann flüchteten sie über den Balkon aus der Wohnung. Jetzt weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. "Ich studiere Kriminologie, aber die Universität gibt es nicht mehr. Ich habe keine Kleider, meine Unterlagen, mein Computer. Alles ist im Wohnheim, und ich kann da nicht reingehen. Ich weiß nicht, was ich tun soll." Ihr Vater werde sie abholen, dann werde sie erst einmal nach Hause gehen, nach Sardinien, sagt Claudia.

"Was flucht ihr denn? Betet!"

Nebenan ist eine Schule, die von Schwestern geleitet wird, sie ist ebenfalls stark beschädigt. Die Schwestern werden von Ordenskolleginnen aus Rom abgeholt werden und dort bei ihnen erst einmal unterkommen. "Zum Glück waren Ferien", sagt Suor Liberata, die im rosa Morgenmantel, aber mit der schwarzen Ordenshaube vor der Schule sitzt. "Heute morgen haben Männer, die hier vorbeikamen geflucht. Ich habe gesagt, was flucht ihr denn? Betet!"

Am Abend rumort die Erde wieder in L'Aquila, jedoch bei weitem nicht so stark wie in der Nacht zuvor. Dazu setzt ein Gewitter ein. Der Schrecken ist nach dieser Nacht noch lange nicht vorbei. Bis alles wieder aufgebaut ist, sagen Experten des Nationalen Forschungsrats in Italien, dürften sieben bis acht Jahre ins Land gehen. Das letzte große Erdbeben in L'Aquila war vor über 300 Jahren. Vergessen haben es die Menschen nie.

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