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G8-Gipfel in L'Aquila: Trippelschritte beim Klimaschutz

Die mächtigsten Staats- und Regierungschefs haben in L'Aquila endlich ein gemeinsames Bekenntnis zum Klimaschutz formuliert. Die Einigung auf die Zwei-Grad-Grenze ist ein Erfolg, aber kein Durchbruch. Bis zum Klimagipfel Ende des Jahres in Kopenhagen muss noch viel passieren, um die weltweite Erwärmung tatsächlich zu stoppen.

Ein Kommentar von Lea Wolz

Das Eis ist gebrochen. Die Staats- und Regierungschefs der acht größten Wirtschaftsmächte haben sich auf dem G8-Gipfel in L'Aquila darauf verständigt, dass die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Das ist ein erster Erfolg im Kampf gegen den Klimawandel. Ein Durchbruch ist es noch lange nicht.

Zwei Grad, stärker darf die Temperatur nicht ansteigen. Sonst drohen nach Meinung von Wissenschaftlern katastrophale Folgen: Das Grönlandeis schmilzt, der Meeresspiegel steigt an, Küstenstädte werden überflutet, gleichzeitig kommt es weltweit zu Dürren. Wie die US-Weltraumbehörde Nasa gestern mitteilte, hat sich die Dicke des Eises in der Arktis zwischen 2004 und 2008 deutlich verringert. Bereits Anfang des Jahres berichteten Wissenschaftler, dass die Folgen des Klimawandels noch deutlich schlimmer ausfallen könnten als bisher angenommen. Es liegt also in unserem eigenen Interesse, dass wir schnell handeln und den von Jahr zu Jahr steigenden Kohlendioxid-Ausstoß begrenzen.

Denn seit dem Jahr 1900 hat sich die Durchschnittstemperatur bereits um 0,8 Grad erhöht. Wirtschaftet der Mensch weiter wie bisher, könnte sich das Erdklima bis 2100 schlimmstenfalls um fünf Grad erwärmen, wie eine im Mai veröffentlichte Studie des Massachusetts Institute of Technology zeigte. Das wäre der Temperaturunterschied zwischen einer Eis- und Warmzeit. Es würde also heiß auf der Erde. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssten daher nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid bis 2050 auf die Hälfte des Niveaus von 1990 gesenkt werden.

Rückschritt hinter das bereits beschlossene Ziel der EU

Dass sich nun in L'Aquila die USA, Kanada, Japan, Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich und Russland zu dem Zwei-Grad-Ziel bekannt haben, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch der hat zu lange gedauert. Die Idee, die weltweite Erwärmung auf zwei Grad im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters zu begrenzen ist nicht erst seit gestern in der Welt. Seit dem Luxemburger Ratstreffen 1996 gilt sie als das offizielle Klimaschutzziel der Europäischen Union. Amerika hatte den Klimawandel dagegen lange ignoriert. Daher ist es ein Erfolg, wenn endlich auch der Klimasünder USA die Abgasemissionen senken will und die zwei Grad als Basis anerkennt. Ebenso wie die Einigung der G8-Staaten, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um mindestens um die Hälfte zu senken. Allerdings ist ein wichtiger Punkt offen: Wie genau das Ziel erreicht werden soll, wurde in L'Aquila nicht festgeschrieben.

Zudem ist die Einigung ein gravierender Rückschritt hinter das im März 2007 beschlossene Ziel der EU, den CO2-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 bereits um 20 Prozent zu senken. Deutschland hatte sich sogar vorgenommen, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent zu minimieren. Auch die Finanzierung der Klimaschutzziele ließen die G8-Vertreter offen. Eine entsprechende Entscheidung sei auf den G-20-Gipfel in Pittsburgh Ende September verschoben worden, hieß es in L'Aquila.

Unsicher ist auch, ob Schwellenländer wie Indien, China und Brasilien bereit sind, ihre Emissionen und damit auch ihr Wachstum zu bremsen. Ob das gelingt, wird sich heute zeigen: Am Nachmittag treffen sich die acht führenden Industriestaaten mit den wichtigsten Schwellenländern wie China und Indien, um über die Verringerung des CO2-Ausstoßes zu beraten. Beim Uno-Gipfel auf der indonesischen Insel Bali waren Indien, China und Brasilien jedenfalls nicht zu überzeugen. Erst einmal sollten die Länder vorangehen, die bis jetzt hauptsächlich Kohlendioxid ausgestoßen haben, lautete ihr Argument. Doch ohne eine Beteiligung der Schwellenländer ist es kaum möglich, die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten, sind sich Politiker und Wissenschaftler einig. Indien, China und Brasilien ins Boot zu holen, wäre daher ein größerer Erfolg als die Einigung der G-8-Länder, die bis jetzt noch ein Lippenbekenntnis ist.

Die Einigung könnte zu spät kommen

Noch dazu könnte sie sogar zu spät kommen. Erst kürzlich warnten Klimaforscher in zwei im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten Studien, dass das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, nur noch schwer zu erreichen sei. Der Kohlendioxidausstoß müsste noch schneller reduziert werden. "Wenn wir fossile Energien verbrennen wie bisher, werden wir das Kohlenstoffbudget in nur zwanzig Jahren ausgeschöpft haben", erklärte Malte Meinshausen vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Das zeigt: Mit der Einigung der acht größten Wirtschaftsmächte in L'Aquila sind die mächtigen Staaten dem Ziel näher gekommen, am Ende dieses Jahres in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls zu verabschieden. Allerdings ist es ein Anfang, nicht mehr. Weitere Beschlüsse und Taten müssen folgen. Denn der Klimawandel hält sich nicht an Gipfeltermine. Er schreitet voran. Die Staats- und Regierungschefs müssen sich beeilen und die den politischen Systemen innewohnende Trägheit möglichst schnell überwinden. Damit das Eis in der Arktis nicht weiter bricht.