Erdbeben in Italien Gläubige feiern Ostern zwischen Trümmern


Die Gegend in den Abruzzen gleicht einer Trümmerlandschaft. 283 Todesopfer sind bisher zu beklagen, die Regierung will den Überlebenden mit finanziellen Erleichterungen helfen.

Bulldozer schieben vor der Anime-Sante-Kirche Trümmer beiseite. Im Schatten des mittelalterlichen Gotteshauses in L'Aquila, das seine Kuppel eingebüßt hat, sitzt Marisa Giacomo zwischen Plastiktüten mit geretteten Habseligkeiten und lässt einen Rosenkranz durch die Finger gleiten. "Ich habe alles verloren, aber ich habe immer noch Gott", sagt sie gefasst. Beim schwersten Erdbeben in Italien seit drei Jahrzehnten ist um sie herum alles zusammengefallen.

Auch viele Kirchen sind nur noch Schutthaufen. Doch die Katholiken in L'Aquila und in den anderen betroffenen Orten klammern sich an ihren Glauben - und sind entschlossen, trotz des Unglücks das Osterfest zu feiern. Die Abruzzen sind wie andere ländliche Regionen Italiens geprägt von einer tiefen Volksfrömmigkeit; Religion gehört zum Alltag. Das ist auch nach der Katastrophe nicht anders: Priester gehen durch die Zeltlager, in denen Tausende Menschen Zuflucht gefunden haben und spenden die Kommunion. In L'Aquila war eine Messe für die Obdachlosen geplant, und in Sulmona, das für seine Passionsspiele bekannt ist, wollten sich die Einwohner nicht von ihrer Karfreitagsprozession abhalten lassen.

Langsam kehrt ein Stück Normalität zurück

In der Provinzhauptstadt kehrte am Donnerstag wieder ein bisschen Normalität ein: Bäcker, Metzger, kleine Supermärkte und Apotheken öffneten wieder. In einer Bäckerei gab es auch schon wieder traditionelle Osterspezialitäten der Region. "Wir müssen die Tradition am Leben halten", sagte die 59-jährige Bäckerin Evelina Cruciani. "L'Aquila darf nicht sterben."

Fast 18.000 Menschen sind im Katastrophengebiet derzeit in Zeltstädten untergebracht, 10.000 Obdachlose wohnen vorläufig in Hotels an der Adriaküste. Im Bahnhof von L'Aquila lebten zuletzt auch 700 Menschen in extra bereitgestellten beheizten Eisenbahnschlafwagen. Die Regierung erhöhte die Mittel für die Nothilfe unterdessen auf 100 Millionen Euro.

Wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ministerpräsident Silvio Berlusconi rechnet mit Wiederaufbaukosten von mehreren Milliarden Euro. Noch sei es aber zu früh, um die genaue Summe abschätzen zu können, sagte Berlusconi am Donnerstag in Rom. Italien hat seit 1976 für die Behebung der Schäden von drei Erdbeben 46 Milliarden Euro ausgegeben.

Messe am Karfreitag mit Sondererlaubnis

Papst Benedikt XVI. bekundete den Betroffenen unterdessen sein Mitgefühl und lobte bei seiner wöchentlichen Audienz am Mittwoch die Erdbebenhilfe als Beispiel dafür, wie Solidarität helfen könne, auch die schwersten Prüfungen zu überstehen. "So bald wie möglich hoffe ich, Euch zu besuchen", richtete er den Überlebenden aus. Das soll nach den Osterfeiertagen geschehen, wie Vatikansprecher Federico Lombardi sagte. Der Papst wolle die Arbeit der Katastrophenhelfer nicht stören. Für eine Totenmesse am Karfreitag erteilte der Vatikan eigens eine Sondererlaubnis, denn der Tag der Erinnerung an die Kreuzigung Jesu ist der einzige im römisch-katholischen Kirchenjahr, an dem normalerweise keine Messe gefeiert wird.

Zur Abendandacht im Ort Sant'Elia sind an diesem Tag nur fünf Gläubige gekommen sind, die meisten Bewohner haben sich in Zeltlager oder hinunter an die Adriaküste geflüchtet. "Es ist wichtig, in diesem Augenblick Jesus nahe zu sein", sagt Pfarrer Mauro Orru. Er hält den Gottesdienst im Freien ab, vor der St.-Lorenzo-Kirche mit ihren von Rissen durchzogenen Wänden.

Kruzifixe aus dem Schutt geborgen

Natürlich findet nicht jeder Betroffene Trost in der Religion. Immer wieder brechen Menschen, die ihre Lieben und das Dach über dem Kopf verloren haben, bitterlich weinend zusammen und zweifeln an Gott. Doch den meisten dient ihr Glaube als Stütze. In dem Dorf Onna, wo 40 der 300 Einwohner bei den Beben umkamen, holten Überlebende ihre Kruzifixe aus den Ruinen ihrer Häuser, sobald sie Gelegenheit dazu bekamen.

Die Menschen in den Abruzzen sind schwere Zeiten gewohnt. Gläubige wie Marisa Giacomo sehen im Leiden Christi eine tiefere Bedeutung. "Dieses Leben ist nicht leicht. Aber es ist nicht das einzige Leben", sagte sie und meint ihre Hoffnung auf ein Dasein nach dem Tod. Viele Kirchen im Erdbebengebiet sind zerstört, viele beschädigt, Glockentürme umgestürzt und Kuppeln eingebrochen. Anderen Gotteshäusern wie der Santa-Margherita-Kirche ist von außen nichts anzusehen. "Es ist schon merkwürdig", findet der Katastrophenhelfer Enzo. "Genau wie mit den Menschen: Die einen sind gestorben, die anderen haben überlebt. Man könnte sagen, das war die Hand Gottes."

William Kole/DPA/AP AP DPA

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