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Ermittlungen zum Zugunglück in Hordorf: Routinefahrt in den Tod

Nach dem schweren Zugunglück in Sachsen-Anhalt hat die Staatsanwaltschaft gegen den 41-jährigen Lokführer des beteiligten Güterzuges ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ist er Schuld am Tod von zehn Menschen?

Von Manuela Pfohl

Samstagnacht. Es ist kurz vor 22.30 Uhr, wenige Kilometer vor Hordorf in Sachsen-Anhalt. Im dichten Nebel ist der 2700 Tonnen schwere Güterzug des Transportunternehmens VPS aus Peine bei Salzgitter kaum zu sehen, aber schon von weitem zu hören. Er muss nach Magdeburg. Im "Gepäck" sind Dutzende Kessel mit Kalk, die durch die Dunkelheit scheppern. Routine für den 41-jährigen Lokführer. Dieser Abschnitt der Strecke ist eingleisig. Was soll da schon passieren?

Im Harz-Elbe-Express (HEX) von Magdeburg nach Halberstadt sind die meisten Fahrgäste zu diesem Zeitpunkt schon kontrolliert worden. Unter ihnen ein paar Nachtschwärmer, die zur Diskothek in Halberstadt wollen. Vorn in der Lok herrscht die Routine eines ganz gewöhnlichen Dienstes. Der größte Teil der 58 Kilometer langen Strecke liegt bereits hinter dem Lokführer und seinem Team. Gleich sind sie in Hordorf. Draußen herrschen zweistellige Minusgrade und die Dunkelheit der freien Strecke. Routine. Was soll da schon passieren?

Wer hat Schuld?

Sekunden später knallt es. Noch sieben Kilometer entfernt ist zu hören, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Tatsächlich wird schnell klar: Der Güterzug ist frontal und offensichtlich ungebremst in den HEX hineingerast. Durch die Wucht des Aufpralls wird der aus zwei Waggons bestehende Triebwagenzug aus den Gleisen auf einen Acker katapultiert. Der vordere Teil des HEX wird dabei aufgeschlitzt wie eine Sardinenbüchse; zehn Passagiere sterben, 23 Menschen sind zum Teil schwer verletzt. Unter den Toten ist auch der Lokführer des HEX.

Der 41-jährige Lokführer des Güterzuges hingegen hat das Drama mit leichten Verletzungen überlebt. Zeugen sagen wenig später aus, sie hätten gesehen, wie er möglicherweise ein Haltesignal überfahren hat. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Gerücht, der Mann sei zum Zeitpunkt des Unglücks gar nicht in der Lok gewesen. Der Einsatzleiter der Bundespolizei will das nicht bestätigen. Nur soviel: Es sei möglich, dass der Lokführer sich in Sicherheit gebracht habe, als er den Regionalzug auf sich zurasen sah.

Sollte tatsächlich menschliches Versagen Schuld am schwersten Zugunglück der vergangenen Jahre in Deutschland sein? Am Montag gibt die Staatsanwaltschaft Magdeburg bekannt, sie habe gegen den 41-Jährigen ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachtes der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und der Gefährdung des Bahnverkehrs eingeleitet. Die Schuld des Mannes steht damit allerdings noch lange nicht fest - es handelt sich lediglich um Ermittlungen.

Bis zu 100 Ermittler der Polizeidirektion Magdeburg-Nord, des Bundeskriminalamtes und des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt sind in Hordorf vor Ort, um all die Spuren zu sammeln, die klären könnten, was sich in den Sekunden vor dem Aufprall abspielte. Nicht zuletzt könnten die Fahrtenschreiber Auskunft geben, was die Ursache für das Unglück ist. Das könne noch einige Zeit dauern, heißt es von der Polizei. Die Angehörigen der Toten und Verletzten brauchen Geduld. Sie wollen wissen: War dieses Unglück vermeidbar?

Die Signale stehen auf Rot

Die 58 Kilometer lange Bahnstrecke zwischen Magdeburg und Halberstadt ist nur auf 21 Kilometern zweigleisig, auf 37 Kilometern liegt lediglich ein Gleis. An Werktagen fahren dort rund 60 Züge des HEX, an Wochenenden sind es täglich etwa 50 Züge. Kommen sich Bahnen entgegen, muss eine von beiden in einem zweigleisigen Abschnitt warten - so auch südlich von Hordorf, wo sich das schwere Zugunglück ereignete. Erst wenn das eingleisige Teilstück wieder frei ist, bekommt die wartende Bahn das Einfahrtsignal: Das Signal schaltet von Rot auf Grün.

Die Weiche am Übergang von zwei Gleisen auf ein Gleis in Hordorf wird nicht elektronisch, sondern von Hand bedient. Das passiert in einem nahe gelegenen Stellwerk. Die DB Netz AG will die Strecke Magdeburg - Halberstadt modernisieren und weiter zweigleisig ausbauen, aber nicht auf kompletter Länge. Eigentlich sollte dies schon im vergangenen Jahr beginnen. Und es war geplant, die Strecke mit dem Sicherungssystem auszurüsten.

Eine Verpflichtung zu dieser elektronischen Steuerung, bei der eine Zwangsbremsung ausgelöst wird, wenn ein Zug über ein Haltesignal fährt, gibt es für die Unglückstrecke allerdings nicht. Denn laut Eisenbahnbundesamt sind solche Sicherheitssysteme rechtlich verpflichtend nur für Strecken vorgesehen, auf denen Züge mit mehr als 100 Stundenkilometern unterwegs sind. Sowohl der HEX als auch der Güterzug seien langsamer gefahren.

In Hordorf hängen die Flaggen auf Halbmast. Zur Zeit fährt kein Zug an dem kleinen Ort vorbei. Die Strecke ist gesperrt. Acht der Toten konnten noch nicht identifiziert werden. Und der Lokführer des Unglückszuges schweigt.