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Havarie der "Napoli": Plünderer stehlen Luxusfracht

"Schatzsuche" der anderen Art: Aus angeschwemmten Containern des Frachters "Napoli" schleppten hunderte Plünderer BMW-Motorräder, teure Weine, Parfüm und andere Luxusgüter ab. Der größer werdende Ölteppich kümmerte sie wenig.

Auch etliche Kisten mit Bibeln wurden an die Küste der südenglischen Grafschaft Devon gespült. Doch die Heilige Schrift rührten die Strandräuber, die am Montag mindestens 20 angeschwemmte Container des gestrandeten Frachters "Napoli" plünderten, nicht an. Ansonsten aber brachten hunderte Plünderer - teils unter Beobachtung von Fernsehkameras - alles, was irgendwie nach materiellem Wert aussah ins Hinterland: Teure Weine, Parfüms, Kosmetika, Luxus- Motorräder, Damenmode, Schuhe, Ersatzteile für Fahrzeuge und Maschinen, Pumpen, Werkzeuge und vieles mehr.

"Es war wie ein Rausch", sagte später eine ältere Frau Reportern. "Ich schäme mich." Was immer sie mitgehen ließ, werde sie "unbedingt wieder abliefern". Die Szenen der Plünderungen machten für ein paar Stunden fast vergessen, dass dem Küstenabschnitt "Jurassic Coast", der zu den schönsten Europas zählt und von der UNESCO als Weltnaturerbe eingestuft wurde, eine schlimme Ölpest drohte. Helfer der Küstenwache begannen, aus der "Napoli" rund 3200 Tonnen Schweröl abzupumpen, um eine verheerende Verseuchung der Strände zu verhindern.

"Goldstrand" lockt nicht Umweltaktivisten

Etliche Seevögel der Region, so warnte die Umweltschutzorganisation WWF, könnten verenden, wenn die komplizierte Abpumpaktion nicht gelinge. Hunderten Küstenbewohnern stand der Sinn allerdings keineswegs nach der Rettung der heimischen Trauerenten und Trottellummen. Noch in der Dunkelheit strömten sie zum Strand bei Branscombe, der sich plötzlich in eine "Goldküste" verwandelt hatte. Etliche der 200 von der "Napoli" gerutschten Container waren hier angeschwemmt worden, mit Waren im Wert von hunderttausenden Euro.

Es waren Szenen, die an die Aufregung und Gier der Strandpiratie früherer Jahrhunderte denken ließen - nur dass kein Strandvogt mehr existiert, der die Ablieferung der geplünderten Ware einfordern konnte. Das übernahm ein Sprecher der Polizei: "Den Leuten muss klar sein, dass dies kein frei verfügbares Strandgut ist. Wir werden gegen die Räuber vorgehen. Sie riskieren alle, vor Gericht zu landen."

"Kein Strandgut"

Nach britischem Gesetz seien am Strand gefundene und mitgenommene Wertgegenstände innerhalb von 28 Tagen meldepflichtig. Nur wenn ein eigens benannter Rechtsvertreter der Eigentümer ausdrücklich zustimme, dürfe Strandgut von den "Findern" behalten werden.

Der örtliche Polizeichef Steve Speariett schätzte, dass "ungefähr 15 BMW-Motorräder vom Strand weggerollt wurden". Es habe zumindest auch Versuche gegeben, eine Mercedes-Limousine aus einem der Container zu entwenden. Die Plünderer brachten ihre Beute mindestens in einem Fall mit einem Traktor weg. Im Laufe des Vormittags zogen zusätzliche Polizeikräfte auf, um der Diebesorgie ein Ende zu bereiten. Schon Dienstag soll der Strandabschnitt für die Öffentlichkeit gesperrt werden.

Bibeln blieben liegen

Nicht jeder war gleich einsichtig. "Ich werde die Teppiche deklarieren", sagte eine Frau in der festen Annahme, das Strandgut danach legal in ihrem Wohnzimmer ausbreiten zu dürfen. Schließlich gehe es hier um ein uraltes Recht der Küstenbewohner. "Außerdem säubert das den Strand, und es ist nun mal Bestandteil unserer Strandkultur." Für die unberührten Bibeln schien die Kultur des "Aufräumens" allerdings nicht zu gelten - wohl kaum, weil sie in anderen Sprachen als Englisch verfasst wurden.

Unterdessen verteilt sich der aus dem Containerschiff "Napoli" auslaufende Treibstoff nach Angaben der Küstenwache über eine Strecke von acht Kilometern. Über 200 Tonnen Öl seien bereits ausgelaufen. Mit einer Umweltkatastrophe sei aber nicht zu rechnen. Rettungsteams sollten der Küstenwache zufolge am Montag mit dem Abpumpen der in den Schiffstanks verbliebenen 3000 Tonnen Öl beginnen. Experten warnen jedoch, dass dies mehrere Tage dauern würde. Da Öl sehr zähflüssig sei, müsse es zunächst erhitzt werden, um es dann langsam abpumpen zu können, sagte Robin Middleton, ein Regierungsbeauftragter für in Seenot geratene Schiffe, dem Radiosender BBC.

"Napoli" war schon einmal in Seenot

Die 1991 gebaute "Napoli" hatte in der durch den Orkan "Kyrill" aufgepeitschten See Schlagseite bekommen und war auf Grund gelaufen. Die Besatzung mit 26 Seeleuten konnte gerettet werden. Allerdings lösten sich 200 der 2400 geladenen Container und wurden ins Meer gespült. Bereits 2001 war das Schiff - damals unter dem Namen "Normandie" fahrend - in Seenot geraten. Vollbeladen war es auf ein Korallenriff in der Straße von Malakka zwischen Malaysia und der der Insel Sumatra aufgelaufen und steckte für mehrere Wochen fest.

Thomas Burmeister/DPA / DPA