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Hochwasser in Rumänien: Dramen und Geschäftemacherei

Während das Uferland entlang der Donau langsam in den Fluten versinkt, tausende Menschen ihre Häuser räumen müssen und fliehen, schaffen andere es auf wundersame Weise, ihre Scholle trocken zu halten.

Von Karin Spitra

"Das Problem ist hausgemacht." Davon ist Victor Nan überzeugt. Einen Schuldigen hat der pensionierte Tischler auch schon ausgemacht: Ohne den rumänischen Ex-Diktator Nicolae Ceausecu wäre alles nicht so schlimm gekommen mit der Flut. Denn der später unrühmlich zu Tode gekommene Staatschef wollte aus dem Donaudelta Ackerland machen. Das schaffte er zwar nicht, aber er ließ die Donau immer stärker begradigen und legte Nebenarme trocken. "Und seitdem wurde Siedlung um Siedlung neben der Donau gebaut. Auf Gebiet, wo sich früher der Fluss schlängelte und bei Hochwasser schadlos ausbreiten konnte, stehen jetzt kleine Bauernkaten," so Nan. Er sitzt zwar in sicherer Entfernung der Überschwemmungsgebiete - aber kalt lässt ihn die "landesweite Tragödie", wie die Flut in rumänischen Medien heißt, nicht. Auch deren Spätfolgen kann noch niemand abschätzen. Aber eines ist gewiss: Die ganze Ernte entlang der Donau ist verloren. Für eine Volkswirtschaft, die immer noch hauptsächlich vom Agarsektor lebt, eine weitere Katastrophe.

Doch auch, wenn die Gründe für diese landesweite Tragödie teils in der Vergangenheit liegen - die gegenwärtigen Politiker haben durch Untätigkeit und Korruption das Ihre dazu beigetragen. "Ständig sagen die Politiker 'Wir haben alles im Griff' - und nichts davon stimmt," beklagt sich Nan. Nicht nur seiner Meinung nach sind die Dämme in so katastrophalem Zustand, weil das dafür vorgesehene Geld in andere Kanäle geflossen ist. Währenddessen schieben sich in den rumänischen Medien Regierung und Kreisparlamente gegenseitig die Verantwortung zu. Denn die Regierung in Bukarest hat nach den Überschwemmungen des letzten Jahres tatsächlich Gelder für die Sanierung der Dämme bereit gestellt. "Doch die Präfekten der Kommumen haben sich davon teure Autos gekauft und in ihre Büros investiert," erzählt Nan. "Jetzt habe sie tolle Büros und das Land säuft ab."

Dass Haus um Haus zusammenbricht, hat noch einen weiteren Grund: Sie sind nicht besonders solide gebaut. Viele arme Bauern hausen in besseren Lehmhütten. Wenn dann das Wasser kommt, lösen sich die ungebrannten Lehmziegeln buchstäblich im Wasser auf. "Deshalb sind jetzt Tausende obdachlos - und keiner weiß, wie es weiter gehen soll," erzählt Maria Budnaru. Sie lebt in der Stadt Calarasi, die gerade durch die Borcea, einen Nebenarm der Donau, langsam überflutet wird. "Das Wasser hat schon den Stadtpark erreicht," erzählt sie. "Es ist schon fast im Zentrum." Wohin sie gehen soll, weiß sie nicht.

Warten auf den Scheitelpunkt

In den hauptsächlich betroffenen Provinzen Oltienien und Muntenien werden die - teilweise zwangsevakuierten - Dorfbewohner in Schulen oder vom Militär gestellten Zelten untergebracht. Derzeit geht man von mindestens 7000 Menschen aus, die kein Dach mehr über dem Kopf haben sollen - Tendenz steigend. Außerdem wurden bis jetzt in Rumänien schätzungsweise 129 Dörfer und Städte überschwemmt. Denn der Scheitelpunkt der Donauflut ist noch lange nicht erreicht.

Über Tage wurde der mögliche Wasserstand heruntergespielt, wodurch kostbare Zeit verloren ging. "Momentan fließt die Donau mit 15.800 Kubikmetern pro Sekunde ins Land," so Nan. Das sind immerhin 15,8 Millionen Liter pro Sekunde, mit denen die Donau nach Rumänien strömt - und dann kommt noch das Wasser der Nebenflüsse hinzu. Die sind durch die tagelangen Regenfälle selber angeschwollen und sorgen in den Donau-fernen Karpaten für Murenabgänge und Steinschläge. So bleibt eigentlich kein einziger Landesteil von Katastrophen verschont.

Das Warten auf den Höchststand der Donau-Flutwelle macht auch den Behörden des Städtchens Cernavoda große Sorge. Dort steht Rumäniens einziger Atommeiler. Zwar wiegeln auch hier die örtlichen Politiker ab: "Alles im Griff," hieß es in den Fernsehnachrichten. Doch es fehlen nur noch ungefähr 20 Zentimeter, dann ist die ganze Stadt geflutet. Was das für den Atommeiler heißt, weiß niemand.

So bleibt den Behörden derzeit nichts anderes übrig, als zu versuchen, durch gezielte Sprengung unbewohnte Gebiete zu fluten und so den Druck von den durchweichten Dämmen zu nehmen. Für Empörung sorgt deshalb in Rumänien gerade der Fall des Libanesen Jihad Ibrahim El-Kahlil. Dessen 22.000 Hektar Land im Kreis Calarasi, immerhin eine Fläche, die etwa 33.000 Fußballfeldern entspricht, hätte so geflutet werden sollen. Doch wundersamerweise blieb sein Ackerland trocken - dank tatkräftiger Intervention der lokalen Behörden. Pikantes Detail: El-Kahlil ist seit Jahren Hauptfinanzier der sozialistische Partei PSD - und angeblich Duzfreund des Provinzgouverneurs. Denn darauf kann man sich laut Nan immer verlassen: "In einer Katastrophe sind alle Menschen gleich - und manche ein bisschen gleicher."