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ICE-Unglück: Ermittler nehmen Bahn ins Visier

Hätte das Zugunglück von Fulda verhindert werden können? Jedenfalls wusste die Leitstelle der Bahn, dass sich in der Nähe des Tunnels Schafe befanden. Ob dem Unternehmen deswegen Versäumnisse vorzuwerfen sind, wird derzeit untersucht.

Nach dem ICE-Tunnelunglück bei Fulda rückt die Deutsche Bahn zunehmend ins Visier der Ermittler. Es gebe zwar noch keine genauen Erkenntnisse, dass bei dem Zusammenstoß des Zuges mit einer Schafherde Versäumnisse vorlägen, sagte Harry Wilke von der Staatsanwaltschaft Fulda.

Unstrittig sei jedoch, dass Minuten vor dem Unglück bereits ein entgegenkommender ICE am Landrückentunnel mit einem Schaf kollidierte. Eine entsprechende Meldung sei bei der Betriebszentrale in Frankfurt eingegangen. Was damit dort geschehen ist, ist laut Wilke Gegenstand der Ermittlungen.

Als Hauptbeschuldigter gilt aber weiterhin der Schafbesitzer. Am Samstagabend war der Schnellzug mit Tempo 220 in seine Herde gerast, die vor dem Tunneleingang stand. Der Zug entgleiste, 19 Menschen wurden verletzt und etwa 20 Schafe kamen zu Tode. Gegen den Schäfer wird wegen des Verdachts des fahrlässigen Eingriffs in den Bahnverkehr ermittelt.

Ein Bahn-Sprecher wollte sich zu den internen Abläufen nicht detailliert äußern, da es sich um ein schwebendes Verfahren handele. Er sagte aber, dass je nach Ereignis eine betroffene Strecke hätte gesperrt werden müssen. "Das hängt aber auch von der Einschätzung des Lokführers am Ort ab", sagte er.

Medienberichte, wonach das Unglück in Deutschlands längstem Eisenbahntunnel wahrscheinlich vermeidbar gewesen sei, nannte Staatsanwalt Wilke "spekulativ". Er sehe aufseiten der Bahn "noch keinen Straftatbestand". Es müsse aber untersucht werden, was mit der Unfallmeldung geschehen sei, was laut Vorschrift hätte passieren müssen und ob die Strecke auch in die Gegenrichtung hätte gesperrt werden müssen.

Zugführer befragt

Den Ermittlungen zufolge gibt es derzeit keinen Verdacht, dass die Tiere unweit der Bahnlinie nicht ordnungsgemäß eingezäunt gewesen seien. Allerdings gebe es bislang auch keine Hinweise, dass Unbekannte oder streunende Hunde die Schafe den Berg hinauf zur Tunneleinfahrt getrieben haben könnten. Anhaltspunkte erhoffen sich die Ermittler von Zeugenvernehmungen, die noch im Gange seien.

Unterdessen wurden bis zum Dienstagvormittag beide Triebköpfe des Schnellzuges und zwei weitere Wagen aus dem knapp elf Kilometer langen Tunnel geborgen. Der Bahn-Sprecher rechnete damit, dass auch die zehn übrigen Wagen in den nächsten Tagen mit Kranwagen aus der Gleisröhre gezogen werden können. "Die Bergung ist nicht so einfach", betonte er.

Die Wagen müssten auf das Gegengleis oder spezielle Schlitten gehoben werden. Teilweise seien ihre Drehgestelle zerstört. Die wichtige Nord-Süd-Verbindung bleibt weiterhin gesperrt. Reisende müssen mit Fahrzeitverzögerungen von etwa 30 Minuten rechnen.

Zur genauen Schadenshöhe machte der Bahn-Sprecher keine Angaben. Zunächst müsse der Zug geborgen werden, bevor die Schäden an Tunnel und Gleis beurteilt werden könnten. Bislang ist nur klar, dass sich der Schaden in Millionenhöhe bewegt. Die Bahn ließ noch nicht verlauten, ob es künftig verschärfte Sicherheitsmaßnahmen am Landrückentunnel geben werde.

AP/DPA / AP / DPA