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IS-Terror: Warum Islamisten wider den Koran handeln

Sie führen einen "Heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen, schnallen sich Sprengstoffwesten um und verbreiten Terror. Doch auch wenn Islamisten den Namen Allahs führen, stehen ihre Taten im Widerspruch zum Koran. Ein Islamwissenschaftler erklärt, warum.

Der mutmaßliche Drahtzieher der Paris-Anschläge Abdelhamid Abaaoud

Der mutmaßliche Drahtzieher der Paris-Anschläge Abdelhamid Abaaoud: Islamisten reißen Koran-Fragmente aus dem Zusammenhang, verkürzen und verdrehen sie, um ihr Handeln zu rechtfertigen, sagt der islamische Theologe Prof. Dr. Mouhanad Khorchide.

"Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten." So heißt es in Sure 21:107 im Koran. Mit diesem Auftrag entlässt Allah den Propheten Mohammed in die Welt. Doch mit Barmherzigkeit kann oder will der selbstproklamierte Kalifat des Islamischen Staates nichts anfangen. Statt die Botschaft der Barmherzigkeit zu verbreiten, ruft der IS zu einem Terror-Feldzug auf. Dabei berufen sich die Kämpfer Allahs auf den Koran und auf den Propheten Mohammed. Sure 2:191 erfreut sich bei Dschihadisten einer großen Beleibtheit. Darin heißt es: "Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben". Gemeint sind die Ungläubigen.

Wie soll man diesen Widerspruch verstehen? Wie lässt sich die Botschaft einer Barmherzigkeit für alle Welten mit einem Dschihad vereinbaren? Gar nicht, findet Prof. Dr. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster. "Ja, es gibt Stellen im Koran, die kriegerische Handlungen schildern. Aber das Entscheidende ist, wie man sie interpretiert. Islamisten interessieren sich nicht für den historischen Kontext. Sie reißen Koran-Fragmente aus dem Zusammenhang, verkürzen und verdrehen sie", sagt der islamische Theologe.

Recht auf Selbstverteidigung

So geht auch die vielzitierte Sure 2:191 weiter. "Und kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie aber gegen euch kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen", heißt es dort. Wer den Vers "töten sie, wo immer ihr auf sie stoßt" also als Rechtfertigung für das wahllose Töten von Menschen betrachtet, lässt den zweiten Teil völlig außer Acht. Denn dieser gesteht im Prinzip den Muslimen nur das Recht auf Selbstverteidigung zu.

Nun wähnen sich aber Dschihadisten angegriffen, von Frankreich, von den USA, von Russland. Sind Anschläge als vermeintliche Selbstverteidigung nun also erlaubt? "Der Koran erlaubt nur das Töten von Soldaten, die sich im Krieg befinden", erläutert Khorchide. "Es dürfen nicht einmal Soldaten getötet werden, die sich nicht im Einsatz befinden. In Paris wurden gänzlich Unschuldige umgebracht - ein Akt der puren Barbarei." Das Töten von Unschuldigen werde an keiner Stelle erlaubt. Der Koran erlaube, nur diejenigen sich zu verteidigen, denen "Unrecht geschehen ist". 

"Mohammed war kein Kriegstreiber"

Auch das Wirken des Propheten Mohammeds würde eine friedliche, humanistische Auslegung des Korans nahelegen. "Mohammed war entgegen der Meinung vieler kein machtbesessener Kriegstreiber. Seine Biografie, auf die sich die Dschihadisten stützen, wurde rund 200 Jahre nach seinem Tod verfasst. Natürlich mit gewissen Verfälschungen und Intentionen. Im Koran ist Mohammed vor allem barmherzig", betont der Islamwissenschaftler.

So schaffte Mohammed schrittweise die Sklaverei ab. "Gebt ihnen von dem Essen, das ihr esst, kleidet sie mit dem, was ihr anzieht und macht den Geschöpfen Allah keine Probleme. Jene sind eure Brüder, die Allah von euch abhängig machte", soll er einst laut einer Überlieferung gesagt haben. Auch gegenüber Frauen, predigte Mohammed Barmherzigkeit. Die zwanghafte Bekehrung von Andersgläubigen wird im Koran nicht begrüßt. "Und wenn dein Herr wollte, würden die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig werden. Willst nun du die Menschen (dazu) zwingen, dass sie glauben?", heißt es zum Beispiel in Sure 10:99. Sklaverei, Frauenverachtung, Zwangskonvertierungen - beim IS beliebte Praktiken.

Wenn Diktatoren weggebombt werden

Doch Angriffe auf den IS würde die Terrormiliz in ihrer Stellung bestärken. "Die Islamisten sagen: 'Seht ihr, wir werden bombardiert, weil wir Muslime sind'. "Der gebürtige Libanese Khorchide ist überzeugt: "Ein militärisches Eingreifen, ohne einen politischen Lösungsansatz, wird die Gefahren des Islamismus nicht beseitigen können." Auch wenn ein militärischer Einsatz manchmal unumgänglich sei, zeige doch die Vergangenheit, dass Krieg allein die Gewaltspirale nicht verhindern kann. "Der irakische Diktator Saddam Hussein wurde weggebombt. Aber einen sinnvollen Plan für die Zeit nach ihm gab es keinen. Es entstand ein Machtvakuum, in dem sich die Islamisten ausbreiten konnten."

Dasselbe Szenario ließe sich auch Libyen, oder Syrien beobachten. "Der Westen hat sich darauf konzentriert, Baschar al Assad von der politischen Bühne zu beseitigen. Ohne ein alternatives politisches System aufgebaut zu haben", sagt Khorchide. Mit verheerenden Folgen. "Anarchie kommt Islamisten nur zu Gute. Viele Flüchtlinge, die nun nach Deutschland kommen, berichten mir, dass sie nicht vor Assad fliehen. Dass Assad, wenn auch ein Diktator, ihnen ein besseres und sichereres Leben als das Jetzige ermöglicht hat." Ist der syrische Präsident also doch das kleine Übel? "Eine temporäre Zusammenarbeit mit Assad ist pragmatisch als Übergangshilfe sinnvoll. Ohne dass gewisse demokratische Strukturen aufgebaut werden, sind Diktatorenstürze, die an Willkür grenzen, kontraproduktiv".

Solange es Gewalt im Mittleren Osten gebe, werde der Islamismus weiter leben. Auch wenn es im Koran Stellen gebe, die einer gewaltsamen Auslegung gänzlich widersprechen würden, so der Islamwissenschaftler. Zum Beispiel Sure 5:69: "Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die Juden sind, und die Sabier, und die Christen, all die, die an Gott und den jüngsten Tag glauben und Gutes tun, haben nichts zu befürchte, und sie werden nicht traurig sein", lautet der Vers. Barmherzigkeit also für alle Welten, auch für die der Juden und Christen.