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Katastrophale Lage in Haiti: Große Sorgen um die kleinen Opfer

Das Erdbeben hat Tausende Kinder zu Waisen gemacht - für sie ist die Gefahr am größten. Viele irren herum, fallen Kinderhändlern in die Hände. Unicef versucht mit allen Mitteln, sie zu schützen.

Die kleinsten Überlebenden der Erdbebenkatastrophe in Haiti bereiten die größten Probleme. Viele der zahllosen Kinder, die in den notdürftig errichteten Lagern für Obdachlose rings um die verwüstete Hauptstadt Port-au-Prince leben, haben nach Angaben von Hilfsorganisationen keinen Erwachsenen, der sich um sie kümmert. Das setzt sie vielen Gefahren aus, allen voran Krankheiten und Kinderhändlern.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) hat jetzt begonnen, die Waisenkinder zu registrieren, um sie zu schützen. Zunächst werden die Daten von Minderjährigen erfasst, die allein durch die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince irren, wie Unicef am Donnerstag in Paris mitteilte. Sie können dann in extra eingerichteten Notunterkünften unterkommen, wo sie mit Essen und Trinken versorgt werden. Laut Unicef ist dort auch die Betreuung und ein provisorischer Schulunterricht gewährleistet.

Nach Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation gab es vor dem Beben am 12. Januar etwa 380.000 Waisen in dem bitterarmen Karibikstaat. Mittlerweile schätzt die Organisation die Zahl umherirrender Kinder beziehungsweise Waisen auf etwa eine Million. Laut Unicef sind die Hilfs-Teams mit extrem schwierigen Situationen konfrontiert. Manche Kinder seien Missbrauchsopfer, andere wurden beim Erdbeben verletzt, aber noch nicht medizinisch behandelt. Zudem gebe es Säuglinge, die keine Eltern mehr hätten. Die Kinder und Jugendlichen sollen so lange in den Notunterkünften versorgt werden, für sie ein neues Zuhause gefunden wurde.

Kampf ums Essen und Gewalt gegen Frauen

Die Versorgung der Opfer mit dem Nötigsten bleibt weiter schwierig. Der Nachrichtensender CNN zitiert auf seiner Internetseite US-Luftwaffengeneral Douglas Fraser mit den Worten: "Wir können die Bedürfnisse der Haitianer noch nicht voll befriedigen. (...) Es ist vereinzelt vorgekommen, dass die Lebensmittel an einer Ausgabestelle nicht für alle gereicht haben." Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) plant nach den Worten des Generals, die Zahl der Verteilstellen in Port-au-Prince von 12 auf 15 zu erhöhen. Es kommt immer wieder vor, dass die Haitianer sich gegenseitig abdrängen und um Hilfsgüter kämpfen müssen.

Gewalt droht auch von etwa 6000 Häftlingen, die nach Angaben des haitianischen Polizeichefs Mario Andrésol aus zerstörten Gefängnissen entkommen konnten. Wie die Nachrichtenagentur Haiti Press Network am Donnerstag berichtete, sind unter ihnen Mörder, Kidnapper, Vergewaltiger, Diebe und Drogenhändler. Bislang habe die Polizei noch keine Liste mit den Namen der geflohenen Häftlinge veröffentlicht, um die Menschen nicht zu verunsichern. "Wir haben fünf Jahre gebraucht, um die Verbrecher zu fassen, und heute laufen sie frei herum und werden uns Probleme bereiten", sagte der Polizeichef.

Gerade obdachlose Frauen werden zunehmend Opfer der Gewalt: Die geflohenen Häftlinge belästigten und vergewaltigten Frauen und Mädchen, die in Zelten Zuflucht gesucht hätten, sagte Andrésol. Offizielle Zahlen zu den Opfern gibt es nicht, Frauenorganisationen in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince alarmierten allerdings die Vereinten Nationen. Die Polizei als einzige Ordnungsmacht des Karibikstaates zählte vor dem Erdbeben rund 8000 Beamte. Mindestens 70 Polizisten seien ums Leben gekommen, rund 400 verletzt worden, sagte Andrésol. 500 würden noch vermisst. Von gut 6000 Polizisten aus dem Hauptstadtgebiet hätten sich zwei Wochen nach dem Beben nur 3400 zurückgemeldet.

Es mangelt an Schmerzmitteln und Antibiotika

Auch die Versorgung der Kranken und Verletzten ist gut zwei Wochen nach dem Beben noch katastrophal: Den Ärzten und Kliniken gehen die Medikamente aus. In einigen Krankenhäusern gebe es kaum noch elementarste Dinge wie Antibiotika und Schmerzmittel, berichten die Mediziner. Nancy Fleurancois, eine freiwillige Helferin in dem beschädigten Krankenhaus der Küstenstadt Jacmel, erklärte am Donnerstag einer UN-Delegation, dass sie und ihre Kollegen täglich 500 Patienten behandelten. Für viele sei es der erste Besuch bei einem Arzt seit dem verheerenden Beben vom 12. Januar. Man brauche dringend Antibiotika und chirurgische Hilfsmittel, sagte sie. "Man sieht die Leute hierher kommen, und sie stehen an der Schwelle des Todes", sagte die gebürtige Haitianerin, die aus den USA in ihre Heimat zurückkehrte um zu helfen. "Weitere Hilfe ist nötig."

Nach Angaben von Helfern steht die Lieferung von Medikamenten generell nur an dritter Stelle hinter Lebensmitteln und Zelten. Der Grund, warum es bei all diesen dringend benötigten Dingen zu Engpässen kommt, ist der gleiche: Der Bedarf ist so gewaltig, dass es einfach nicht möglich ist, die Vorräte schnell genug nach Haiti zu bringen und in dem Staat mit seiner zerstörten Infrastruktur zu verteilen.

ukl/DPA/AFP/APN/Reuters / DPA / Reuters