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Klimawandel in Deutschland: Wenn das Wetter zur Gefahr wird

Das Interesse an der Berichterstattung über Tropensturm "Sandy" ist groß. Durch den Klimawandel kann das Wetter auch in Deutschland lebensbedrohlich werden. Doch dafür interessiert sich kaum jemand.

Unwetter und Extremereignisse wie Überschwemmungen oder Hitzewellen werden in Deutschland und Europa zunehmen. Eine Gefahr, die nach Ansicht von Klimaexperten unterschätzt wird. "Die Bevölkerung will sich mit der Problematik nicht befassen" sagte der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Christoph Unger am Dienstag und verwies auf Bürgerumfragen. Ein Hurrikan wie der derzeit vor der US-Küste tobende Sturm "Sandy" sei zwar in Deutschland nicht denkbar, doch hätten Orkane wie "Kyrill" 2007 gezeigt, dass auch hier Extremwetterlagen möglich sind.

Das BBK, drei weitere Fachbehörden und der Deutsche Wetterdienst (DWD) stellten Ergebnisse aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt zu Auswirkungen des Klimawandels auf extreme Wetterereignisse in Deutschland vor. Aus Sicht der Experten sind Katastrophenschützer gut für Überschwemmungen und andere Folgen von Extremwetterereignissen gewappnet. Umfragen hätten aber gezeigt, dass sich viele Bürger nicht gern mit diesem Thema beschäftigen wollen.

Mehr Hitze, mehr Regen, mehr Wind

DWD-Vizepräsident Paul Becker warnte vor immer mehr solchen "extremen Wetterphänomenen". Die Anzahl der Sommertage etwa, an denen die Tageshöchsttemperatur 25 Grad oder mehr erreiche, werde sich bis Ende des Jahrhunderts verdoppeln. "Fast jeder vierte Tag des Jahres wäre dann ein Sommertag", sagte Becker. In einigen Regionen müssten die Bewohner mit bis zu 30 Tagen im Jahr rechnen, an denen das Thermometer über 30 Grad steigen dürfte.

Auch mit deutlich mehr Starkniederschlägen, vor allem im Winter, müssen die Bewohner vieler Regionen rechnen. Insbesondere in den Küstengebieten könnte sich die Zahl der starken Niederschläge, bei denen mehr als 15 Liter pro Quadratmeter in 24 Stunden fallen, verdoppeln, so die Fachleute. Die Zahl der Winterstürme mit Windgeschwindigkeiten bis zu 110 km/h werde sich voraussichtlich ebenfalls verdoppeln. Ende des Jahrhunderts werde man möglicherweise alle fünf Jahre mit Stürmen mit bis zu 125 km/h rechnen müssen.

Eigeninitiative ist notwendig

Zum Katastrophenschutz sei zuerst eine Überarbeitung des zentralen Warnsystems in Deutschland notwendig. BBK-Präsident Unger sagt, dass dieses derzeit auf die Landesverteidigung ausgerichtet sei und umgestaltet werden müsse, etwa um Warnungen vor regionalen Unwettern senden zu können. Außerdem forderte Unger ein stärkeres Engagement und mehr Selbsthilfe der Bürger. "Man kann nicht erwarten, dass die Feuerwehr immer sofort vor Ort ist", sagte er. Dazu wies das Technische Hilfswerk (THW) auf die Nachwuchsprobleme bei Feuerwehren hin: "Wegen des Bevölkerungswandels fehlt es vielerorts an jungen Sanitätern und Feuerwehrkräften", sagte Gerd Friesam, Vizepräsident des THW.

Schließlich müssten mehr Kommunen Klimaschutzmaßnahmen ergreifen. Diese hätten auch ökonomische Vorteile, betonte Kora Kristof vom Umweltbundesamt: "Dachbegrünungen halten Regenwasser zurück. Dadurch können Abwassersysteme anders dimensioniert werden". Auch lohne sich die Verwendung von hitzebeständigem Asphalt. "Für einen Euro Mehrkosten spart die Kommune langfristig sieben Euro.", rechnete Kristof vor. Aktuell seien aber viele Kommunen nicht ausreichend informiert, wie sie sich auf den Klimawandel vorbereiten könnten.

juho/AFP/DPA / DPA