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Interview

Kriminalbiologe Mark Benecke: Eigentlich nichts Neues über Hitler - "aber forschen und neugierig sein, ist immer cool"

Dass französische Forscher ihre Erkenntnisse über Adolf Hitler als Neuigkeit verkauften, stört Mark Benecke nicht. Im Interview mit dem stern berichtet er, wie er schon vor 15 Jahren Fragemente von Gebiss und Schädel des "Führers" untersuchte.

Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat schon vor 15 Jahren Schädelfragmente von Adolf Hitler untersucht. Er ist sich sicher: Hitler ist tot "oder läuft ohne Kiefer in Argentinien rum".

Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat schon vor 15 Jahren Schädelfragmente von Adolf Hitler untersucht. Er ist sich sicher: Hitler ist tot "oder läuft ohne Kiefer in Argentinien rum".

Getty Images / Picture Alliance

Vollmundig verkündete der französische Forensiker und Pathologe Philippe Charlier vor einigen Tagen das Ende aller Verschwörungstheorien um Adolf Hitler. Seine Untersuchungen der in der Moskauer Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB gelagerten Schädel- und Gebissreste des "Führers" belegten, dass die Fragmente eindeutig von Hitler stammen, heißt es in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "European Journal of Internal Medicine". Die Wissenschaftlergruppe um Charlier betonte, erstmals seit Ende des Kriegs seien die Überreste des Diktators untersucht worden.

Inhaltlich berichtete Charlier nichts Falsches, aber in Wahrheit eigentlich auch so gut wie nichts Neues. Fragen an den deutschen Kriminalbiologen , der schon vor etlichen Jahren im FSB-Archiv in Moskau war, die Hitler-Überreste untersucht hat und zu nahezu identischen Ergebnissen gekommen ist. Auch er war nicht der erste und nicht der einzige Vorgänger der Gruppe um Charlier.

Herr Dr. Benecke, Sie waren selbst vor Jahren schon in und konnten Hitlers Gebiss und Schädelfragmente untersuchen. Erklären Sie uns, warum französische Wissenschaftler nun behaupten, die Knochen erstmals seit Kriegsende untersucht zu haben? Konkurrenz unter Wissenschaftlern?

Naja, meine Untersuchung ist ja nun schon 15 Jahre her, die des Kollegen Michel Perrier noch etwas länger. Vielleicht sind es jüngere Kollegen gewesen? Oder sie gucken kein National Geographic TV? Da läuft weltweit seit 2003 der einstündige Bericht zu meinem Moskau-Trip. Kann ja gut sein, ich hatte auch noch nie einen Fernseher (kein Witz!). Und mein Buch dazu ("Dunkelkammer des Bösen") müssen sie auch nicht kennen, ich kenne auch nicht jedes Buch. Alles wirklich gut: Es ist prima, dass die Kollegen geforscht haben, denn forschen und neugierig sein, ist immer cool und fördernswert. Ich werde sie morgen mal anrufen und dann trinken wir hoffentlich bald 'nen Kaffee zusammen und erzählen uns unsere Abenteuer.

Haben Ihre französischen Kollegen denn irgendetwas Neues herausgefunden?

Auf die Sache mit den Fleischfasern wäre ich nicht gekommen. (An den untersuchten Zähnen fand die französische Forschergruppe keine Fleischfasern, was dazu passt, dass Hitler angeblich Vegetarier war, Anm. d. Red.) Es hatten ja viele Menschen die Zähne in der Hand und - zumindest, als ich im war - hat außer mir niemand Handschuhe benutzt. Die Mikrospuren sind also eine Sache für sich.

Sie waren vor rund 15 Jahren für eine Dokumentation mit einem Filmteam im Archiv des FSB in Moskau, um die Hitler-Überreste zu untersuchen. Da haben Sie skurrile Verhältnisse vorgefunden. Können Sie das kurz beschreiben?

Es war sehr friedlich, ziemlich behördenmäßig, wie in einem vergessenen Archiv-Keller einer alten Uni. Im Untersuchungsraum hingen Faltposter von süßen Tieren, es gab massenhaft Papier-Akten, Foto-Alben, die blutige Armstütze von Hitlers Sofa aus dem Führerbunker. Ich mochte den etwas abgewetzten und freundlichen Charme dort - wie in meinem ersten Labor in der -Abteilung des Institutes, in dem ich mein erstes Genetik-Praktikum und meine Doktor-Arbeit gemacht habe.

Ist es angesichts der (damaligen) Verhältnisse im FSB-Archiv überhaupt sicher, dass es sich um Teile des Schädels von Adolf Hitler handelt?

Beim Schädel bin ich mittelsicher, bei den Zähnen ganz sicher. Ich habe später noch Originale der Röntgenbilder von 1944 erhalten, als Hitler noch lebte, das passt wunderschön zu den Aufzeichnungen seines Zahnarztes, dessen übrigens jüdischen Assistenten, dem, was ich dokumentiert habe und den Vergleichen von Michel Perrier mit Leni-Riefenstahl-Filmen.

Der US-Anthropologe Nick Bellantoni, der die Knochen ebenfalls schon vor Jahren untersuchen konnte, kam damals mit der These raus, der fragliche Schädel stamme von einer Frau? Was ist denn davon zu halten?

Ich tippe auf DNA der Bibliothekarin, denn sie hat das Schädelfragment ja sicher oft angefasst. Das hat mit den Zähnen nix zu tun, die lagern woanders und sind von Hitler. Eva Hitlers Zähne liegen übrigens auch im FSB.

Fazit also: Wir können davon ausgehen, dass es stimmt? Hitler hat sich Ende des Krieges umgebracht, wurde verbrannt und verscharrt, die Leiche von den Russen ausgegraben und seine letzten Überreste befinden sich nun in Moskau – Ende der Geschichte?

Oder er läuft ohne Kiefer in Argentinien rum. Man weiß so wenig ...

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