Medienkritik "Man schämt sich für die Zunft"


Bad Reichenhall gleicht einem Medienlager: überall Mikrofone, Satellitenschüsseln, Kameras. Das "Reichenhaller Tagblatt" hat sich die Berichterstatter und ihre Berichte genau angesehen - und erhebt nun schwere Vorwürfe.
Von Florian Güßgen, Bad Reichenhall

Es ist meist eine kurze Agentur-Meldung, die einen beschaulichen Ort binnen Stunden in ein Medienzentrum verwandelt: "Eissporthalle in Bad Reichenhall eingestürzt" tickerte AP am Montag um 16.38 Uhr. Kurze Zeit später waren sie alle da - die Kameras, die Mikrofone, die Ü-Wagen mit ihre Satelliten-Schüsseln, die Journalisten. Der Eifer der auswärtigen Kollegen ging der Redaktion der Lokalzeitung, des "Reichenhaller Tagblatts" jedoch zu weit. Am Mittwoch veröffentlichte das Blatt mehrere kritische Artikel: Journalisten hätten Polizisten beschimpft, Bürger bedrängt, und - vor allem - vorschnell vermeintlich Schuldige gebrandmarkt. Tagblatt-Redaktionsleiterin Sabine Zehringer schreibt: "Derweil ein Teil der Medien an gesicherter Information interessiert ist, geht es anderen nur um die Suche nach einem Sündenbock." Dies sei falsch verstandener Journalismus, kritisiert Zehringer: "Und plötzlich schämt man sich für seine Zunft, die einem das Wort im Munde verdreht", schreibt sie.

Eine "bodenständige Heimatzeitung"

Das "Reichenhaller Tagblatt" ist eine kleine Zeitung, die Redaktion zählt rund zehn Mitarbeiter, man hält sich für "bodenständig". Unter der Woche werden 11.000 Exemplaren verkauft, am Wochenende sind es 2.000 mehr. Seit Montag jedoch steht die Berufswelt der Redakteure Kopf: Binnen Stunden wurden sie von Beobachtern zu Experten, von Fragern zu Befragten - schließlich gelten sie als Spezialisten in Sachen Eishalle. Dass sie nun zur Kollegenschelte ansetzen, mag ihrer Unbeholfenheit gegenüber dem Medienhype entspringen, vielleicht spielen auch Lokalpatriotismus oder politische Loyalitäten eine Rolle. Dennoch weist die Kritik auf wichtige Fragen hin, die nicht nur die Katastrophen-Berichterstattung betreffen: Wo liegen die Grenzen der Recherche? Welche Methoden sind erlaubt? Wann lassen sich welche Schlüsse ziehen?

Schlamperei? Ignoranz? Unfähigkeit?

Die Kritik des "Tagblatts" bezieht sich zum Beispiel auf die Münchner "Abendzeitung". Schon am Dienstagmorgen titelte das Boulevardblatt mit den vermeintlichen Ursachen des Unglücks: "Schlamperei. Ignoranz. Unfähigkeit. Schwere Vorwürfe gegen Betreiber" lautete die Headline. "Das war das erste, was uns schockiert hat", sagte Zehringer stern.de am Mittwoch. Nein, sie wolle weder den Bürgermeister noch andere in Schutz nehmen, Wolfgang Heitmeier stehe in der Verantwortung. Es gehe ihr auch nicht darum, dass nicht recherchiert werden solle. Im Gegenteil. Aber das dürfe nicht zu vorschnellen Schlüssen führen. So bedeute etwa die Tatsache, dass der Stadtrat eine Sanierung von Eislauf- und Schwimmhalle beschlossen habe nicht automatisch, dass nach damaligem Wissensstand die Sicherheit in der Eislaufhalle gefährdet gewesen sei. Allein aufgrund dieses Sachverhalts lasse sich nicht von Versäumnissen und "Schlamperei" sprechen, zumal die Sanierungspläne eher auf die Schwimm- als auf die Eislaufhalle abzielten.

Stoiber hinterher gestolpert

Aber das "Tagblatt" kritisiert nicht nur den Inhalt der Berichterstattung, sondern auch die Methoden der Kollegen. "Journalisten, die dem besten Schnappschuss mit Dr. Edmund Stoiber vor dem Trümmerhaufen hinterherstolpern und Polizisten beschimpfen, nur weil sie ihrer Arbeit nachgehen und den Unglücksort absichern, haben ihre Pflichten zu informieren falsch verstanden", so die Autorin Sabine Inneberger. Redaktionsleiterin Zehringer verweist auch auf die aggressiven Recherchemethoden der Kollegen: "Wir haben erlebt, wie Menschen in ihrer Trauer von Medien bedrängt werden. Für Reichenhall ist das eine Riesen-Tragödie. Viele Menschen wissen hier gar nicht, wie Medien heute funktionieren."


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