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Die Katastrophe in Bad Reichenhall: "Es hat nur zwei Sekunden gedauert"

Das Dach der Eissporthalle stürzt ein, mindestens elf Menschen sterben - innerhalb kürzester Zeit hat sich das verschneite Idyll von Bad Reichenhall in einen Alptraum verwandelt.

Florian Güßgen berichtet aus Bad Reichenhall

Es ist erstaunlich still in Bad Reichenhall, etwa 19 Stunden nach dem Unglück, fast ruhig. Ein Idyll im Schnee, zwischen Watzmann, Predigtstuhl und Staufenberg. Die Münchener Allee, die hinunter zum Schwimmbad und zur Eissporthalle führt, ist abgesperrt. Wie winterliche Spaziergänger laufen Einheimische und Touristen, warm eingepackt, die Straße vom Ortskern hinunter, hin zu jenem Ort, der dieses Idyll am Montagnachmittag binnen Sekunden in einen tödlichen Alptraum verwandelt hat.

"Es hat nur zwei Sekunden gedauert"

"Es hat nur zwei Sekunden gedauert", sagt Dragotin Tomas. "Es gab einen gewaltigen Knall. Und dann ist das Dach einfach zusammengebrochen." Der 65-jährige Dragotin und seine Frau Vera haben ihre Erdgeschoss-Wohnung direkt hinter der Eissporthalle, in einem jener hellen Neubau-Silos hier an der Münchener Allee. Von ihrem Wohnzimmer aus sah Vera, direkt durch das Glas der Terrassentür, die Katastrophe. Es habe eine riesige Wolke gegeben, aus Schnee und Staub, berichtet sie.

Dann sei es ruhig gewesen. Für einen langen Moment, bevor die Helfer eintrafen. Die Helfer vom THW, von der Feuerwehr, die Soldaten. Sie habe gesehen, wie einer der Männer ein totes Mädchen von der Unglücksstelle weggetragen habe. Die 59-Jährige fängt an zu weinen. Sie habe Enkel, sagt sie. Die hätten auch dabei sein können.

"Ich habe in dieser Halle das Schlittschuhlaufen gelernt"

Die Reste der Halle sehen gespenstisch aus: eine Wand wird von Kränen gehalten, die wie Masten in den Himmel ragen, dahinter erheben sich die Berge. Der Schnee fällt nicht mehr in schweren, nassen Flocken vom Himmel, so wie gestern. Er tanzt durch die Luft.

Auch ein junger Briefträger ist zu der Unglücksstelle gekommen. Sein Fahrrad hat er vor den Absperrungen der Polizei abgestellt. Ungläubig starrt er auf das Unglücksszenario. "Ich konnte mir das nicht vorstellen", sagt er, "dass so etwas hier passiert, hier in Reichenhall". Auch er hat kleine Kinder. Die seien gerne in das Schwimmbad gegangen, weil das so günstig sei. Auch gestern hatte die Familie darüber nachgedacht, dann aber doch anders entschieden. "Ich habe in dieser Halle das Schlittschuhlaufen gelernt", sagt er, "und jetzt das." Schon lange sei bekannt gewesen, dass das Dach der Eislaufhalle geleckt habe. Da habe es reingeregnet. Auch erzählten einige, der Abriss des Bauwerks aus den siebziger Jahren sei ein Politikum. "Aber was soll's", sagt er, "genau vorhersagen, wann so ein Katastrophe eintritt, kann man wohl nicht." Schuldzuweisungen will er jetzt keine machen.

Auch drei Mädchen gehören zu den Schaulustigen. Die 13-Jährige Sarah, die 15-Jährige Christine und deren 11-jährige Schwester Daniela. Sie hätten schulfrei, erzählen sie. Nein, sie seien in den letzten Tagen nicht beim Eislaufen gewesen, aber sie hätten Angst, dass Schulfreundinnen unter den Opfer seien. Hinter den Mädchen, vor dem Eingang zu der Halle, steht eine Gruppe grün-uniformierter Soldaten mit Spaten. Sie rennen nicht, sie stehen, denn offenbar gibt es an diesem Mittag Statikprobleme, eine Hallenwand droht einzustürzen, die Retter sind selbst gefährdet, die Arbeit muss gestoppt werden.

"Ich dachte, es wäre Schnee vom Dach des Supermarktes"

"Ich dachte, es wäre Schnee, der vom Dach des Edeka-Marktes heruntergefallen sei", sagt Bärbel Berger, die von ihrer Terrasse die Südostseite der Halle und damit das ganze Ausmaß der Zerstörung im Blick hat. "Diese Halle", so die 66-jährige, "war der Inhalt von Reichenhall". Hier habe es Faschingsbälle gegeben, in der Schwimmhalle seien die Schulklassen gewesen. "Das ist jetzt alles weg." Gleich neben Bergers Haus, ebenfalls an der Südseite der Halle, ist ein kleiner Schneeberg, auf dem die Fernsehteams ihre Kameras aufgestellt haben.

Elf Tote seien jetzt bestätigt, heißt es. Und vier Körper habe man noch in den Trümmern ausgemacht. Und Stoiber sei da gewesen. Und Ramsauer. Und Glos. Und am Nachmittag gebe es wieder eine Pressekonferenz. Im Landratsamt, die Salzburger Straße hinunter. Noch geht es vor allem darum zu helfen, zu retten, zu trauern. Im Landratsamt referieren die Helfer den Sachstand bei der Suche nach Vermissten. Demnächst wird hier gefragt werden, wer für das Unglück in dieser Berg-Idylle die Verantwortung trägt.