HOME

Minusrekorde im Dezember: Es ist doch einfach nur ein fieser Winter

Es hilft nichts, aber man muss die Kommunen, die Flughäfen und auch die Bahn in Schutz nehmen: Niemand kann von ihnen ernsthaft erwarten, auf diesen Rekordwinter perfekt vorbereitet zu sein.

Ein Besinnungsaufsatz von Niels Kruse

Der Schnee liegt noch 20 Zentimeter hoch, da warnt der ADAC schon vor einem neuen Schlaglochrekord. Es werden noch einige frostige Tage und eisige Nächte ins Land ziehen, bis das ganze Erbe des zweiten fiesen Winters in Folge sichtbar wird. Bis dahin aber braucht das Volk einen Zornableiter. Früher waren die Götter Schuld am Wetter: bei den Germanen Thor, bei den Griechen Zeus, bei den Römern Jupiter. Im säkularisiertem 21. Jahrhundert dagegen kriegen die Kommunen den Ärger ab, wenn sich der Schnee auf den Straßen türmt und sich Blitzeis auf die Autobahnen wagt. Oder die Flughafenbetreiber. Oder die Bahn. Bald bekommen auch noch die Streugut-Hersteller ihr Fett weg, weil denen die Rohstoffe ausgehen.

Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Harry Voigtsberger (SPD) fordert angesichts leerer Streusalzlager eine "nationale Streusalzreserve" anzulegen. Netter Vorschlag. Allein: Ein Großteil der Kommunen hat aus dem Streusalz-Notstand des vergangenen Winters gelernt und sich ordentlich eingedeckt. Dass das Taumittel dennoch knapp wird, hat auch damit zu tun, dass die Lager auf durchschnittliche Winter ausgerichtet sind, und nicht auf einen Dezember mit Rekordminustemperaturen. Zudem lässt sich Streusalz auch nicht beliebig lange lagern, weil es nach einiger Zeit verklumpt.

Eingefrorene Weichen mit bloßen Händen enteist

Früher warb die Deutsche Bahn mit dem Slogan "Alle reden über das Wetter - nur wir nicht". Denn wenn gar nichts mehr ging - auf die Bahn war Verlass. Das ist allerdings auch schon mehr als 30 Jahre her und damals trieben noch Dampf- oder Dieselloks die Züge an. Die fuhren auch, wenn draußen Gefriertruhentemperaturen herrschten. In diesen guten, alten Zeiten haben Lokführer manchmal noch persönlich eingefrorene Weichen mit Hammer und Händen enteist. Heute dagegen hängen die Triebwagen an empfindlichen Oberleitungen, und um die Weichen kümmert sich die Elektronik.

Und es ist auch nicht so, dass schneeverwöhnte Länder unbedingt besser mit eisigen Temperaturen umgehen können. In Schweden zum Bespiel wurden vor einigen Wochen gleich 100 von 350 Bahnverbindungen eingestellt, Schneeverwehungen waren der Grund. Oder Russland: Tagelang ging am Moskauer Flughafen gar nichts, weil Eisregen sämtliche Flüge unmöglich machte und dann noch der Strom ausfiel. Auch die Ostküste der USA wird seit Menschengedenken von einem eisigen Winter in die Mangel genommen - und trotzdem versinkt der Landstrich regelmäßig im Chaos. Erst am Mittwoch waren die Passagiere einer Lufthansa-Maschine ganze sechs Stunden in einem Flugzeug auf dem Rollfeld des John-F.-Kennedy-Airports eingesperrt.

Ein Geschrei, dass sich keiner ausmalen will

Die ganze Meckerei hilft nichts: Schuld am Winter 2010 ist schlicht das Wetter. Genauer: Temperaturen, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen sind. Meterologen sagen, dass die Jahre 2000 bis 2009 die wärmste Dekade seit ungefähr 130 Jahren war, das Jahr 2010 dagegen ähnlich unterdurchschnittlich kalt wie zuletzt das Jahr 1996. Man kann der Bahn viel vorwerfen - Missmanagement, Kaputtsparerei und Kommunikationsunwillen - aber nicht, dass sie schlecht auf extreme Minusgrade vorbereitet ist, die ohnehin nur alle 15, 20 Jahre vorkommen. Das gleiche gilt für Flughäfen. Und das Geschrei von Bürgern klammer Kommunen, die Kindergärten schließen, weil das ganze Geld in Form von Streusalz vor sich hin gammelt, möchte man sich auch nicht ausmalen.

Themen in diesem Artikel