New Orleans Bürgermeister verfügt vollständige Zwangsräumung


Die überfluteten Straßen von New Orleans verwandeln die Stadt in ein Seuchenbecken - im Wasser wurden Kolibakterien entdeckt. Der Bürgermeister hat nun die Zwangsevakuierung angeordnet.

Der Bürgermeister von New Orleans Ray Nagin hat am Dienstag die zwangsweise Evakuierung seiner durch Hurrikan "Katrina" fast zerstörten Stadt verfügt. Damit sollen auch die Menschen aus der Stadt gebracht werden, "die sich auf Privatgrundstücken aufhalten oder den Wunsch äußern, dort zu bleiben", hieß es in der Verfügung, die Ray Nagin unterzeichnete. Trotz mehrerer Aufforderungen zur Räumung waren nach Schätzungen 10.000 Menschen in New Orleans geblieben. Unterdessen wächst die Angst vor Seuchen in der Stadt.

Im Sportstadion Astrodome sind einige hundert Flutopfer an einer Magen-Darm-Infektion erkrankt. Im verdreckten Flutwasser in den Straßen von New Orleans wurden nach einem Bericht des Senders CNN E- Koli-Bakterien entdeckt.

Wasser und Menschen raus aus der Stadt

Das amerikanische Verteidigungsministerium schickte 5.000 Fallschirmjäger nach New Orleans, die die Suche nach versteckten Einwohnern verstärken sollen. Die Arbeiten zur Trockenlegung von New Orleans kommen nur langsam voran. Bis Dienstag waren erst drei von 148 Pumpanlagen in Betrieb, um die Wassermassen aus der Stadt in den angrenzenden See Pontchartrain zu leiten. Experten einer Pioniereinheit der Armee schätzten, dass die Arbeiten bis zu drei Monate dauern könnten. "Wir müssen das Wasser aus der Stadt heraus bekommen, oder der Alptraum wird andauern", sagte der Umweltminister von Louisiana, Mike McDaniel.

Auch am achten Tag nach der Katastrophe gab es keinen Aufschluss über die Opferzahlen. In der Lagerhalle der Kleinstadt Saint Gabriel in Louisiana wurde eine riesige Leichenhalle eingerichtet, die bis zu 5000 Tote aufnehmen kann. Ein Team aus 100 Mitarbeitern soll in Schichten rund um die Uhr die Toten identifizieren.

Offiziell liegen die Totenzahlen noch bei wenigen hundert, aber die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, äußerte erneut die Befürchtung, dass sie in die Tausende gehen wird.

Bakteriell verseuchtes Wasser

"Es ist absolut ungesund, sich in der Nähe dieses Wassers aufzuhalten", sagte ein Mitarbeiter des Bürgermeisters dem Sender CNN. Kolibakterien (Escherichia coli) sind normalerweise harmlose Keime des Dickdarms. Mit Kolibakterien verschmutztes Trinkwasser kann aber lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen. Tausende Einwohner haben sich aber nach Angaben der städtischen Behörden bisher geweigert, die Stadt zu verlassen.

Mittleweile sind Polizisten, Feuerwehr, Nationalgardisten und Armeeangehörige "angehalten und autorisiert, die Entfernung aller Personen aus der Stadt zu erzwingen", teilte das Büro des Bürgermeisters mit. "Katrina" habe katastrophale Schäden verursacht. Jeder, der nicht als Helfer im Einsatz sei, behindere nur die Aufräumarbeiten.

Polizisten und Soldaten wurden ermächtigt, die letzten Bewohner notfalls mit Gewalt abzuführen. Der Polizei-Hauptmann Marlon Defillo sagte, die Anwendung von Gewalt komme nur als allerletztes Mittel in Frage.

Bush wird immer hilfsbereiter

US-Präsident George W. Bush will die staatliche Hilfe für die Opfer massiv ausweiten. Der Präsident wolle schon am Mittwoch im Kongress zwischen 40 und 50 Milliarden Dollar Hilfe beantragen, sagte der demokratische Minderheitenführer im Senat, Harry Reid, nach einem Treffen mit Bush im Weißen Haus. Der Kongress hatte Ende vergangener Woche 10,5 Milliarden Dollar als Soforthilfe bewilligt. Reid rechnet damit, dass die Gesamtkosten für die Opferhilfe und die Beseitigung der Schäden bis zu 150 Milliarden Dollar betragen.

Bush sprach sich nach der andauernder Kritik an der langsamen Washingtoner Reaktion auf die Katastrophe am Dienstag erstmals selbst für eine Untersuchung zur Aufdeckung möglicher Pannen und Versäumnisse aus. Zunächst gehe es aber darum, den Menschen zu helfen.

Die Menschen am Golf von Mexiko seien von zwei Katastrophen heimgesucht worden, sagte die Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. "Zuerst kam der Hurrikan und dann das Versagen der Bundesregierung in einer Zeit der großen Not." Pelosi kritisierte die Ankündigung Bushs, dass er persönlich die Untersuchung zu schuldhaften Versäumnissen angesichts der Naturkatastrophe leiten werde. "Er braucht nur in den Spiegel zu schauen", sagte die Politikerin.

Fachgruppen des Technischen Hilfswerkes (THW), darunter drei Teams aus Baden-Württemberg, befinden sich auf dem Weg in das Katastrophengebiet New Orleans. Dabei handelt es sich um 90 ehrenamtliche Mitarbeiter aus dem süddeutschen Raum. Dies bestätigte der baden- württembergische THW-Sprecher Ingo Thiersche.

Unterdessen gingen in New Orleans am Abend die ersten Lichter wieder an. Das Stromnetz liegt zwar weiter lahm, doch gelang es einigen Hotels, Generatoren anzuwerfen, die etwa die Leuchtreklamen auf den Dächern wieder erstrahlen ließen. In den überfluteten Straßen sank der Wasserspiegel merklich.

DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker