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Rockerclub: Im Reich der Türken-Rocker: Wie gefährlich sind die "Osmanen Germania"?

Im ganzen Land sind türkische Rockergruppen, wie die "Osmanen Germania" entstanden – heimatverbunden, gewalttätig und mit besten Kontakten nach Ankara. Dies ist die verhängnisvolle Geschichte eines ihrer Chefs

Von Jonas Breng und Barbara Opitz

Osmanen Germania – Die Rocker propagieren Stolz und Loyalität,

Im Juni 2016 treten die Osmanen Germania bei einer Demonstration gegen die Armenien-Resolution des Bundestags als eine Art Schutztruppe auf. Der Mann in Rot: Hamit Paksoy

Der deutsche Staat besucht Hamit Paksoy zur Mittagszeit. Es ist ein stiller Februartag in Wuppertal, nur vom Bolzplatz um die Ecke dringt das Scheppern der Metallzäune durch die Opphofer Straße, vorbei an Bülents Kiosk und dem türkischen Supermarkt gegenüber. Der deutsche Staat klopft nicht an, sondern schlägt die Tür ein. Hamit Paksoy kommt aus dem Badezimmer, er trägt nur ein Handtuch um die Hüften, als die Beamten des SEK in die Wohnung stürmen. "Auf den Boden! Auf den Boden!", schreien sie. Ein maskierter und schwer bewaffneter Polizist drückt Paksoys Frau mit dem Knie auf die Fliesen.

Die Polizisten wissen, auf wen sie treffen. Man hat sie, so heißt es später, auf den Einsatz präzise vorbereitet. Hamit Paksoy, 43, türkischer Rockerpräsident von Wuppertal, sei kein besonnener Mann, hat man sie gewarnt. Und er trage immer gleich zwei Schusswaffen bei sich.

"Hinrichtung"

Es gibt verschiedene Versionen davon, was in den nächsten Sekunden dieses 9. Februar 2018 passiert. In der Version der Polizei heißt es, dass Paksoy einen Gegenstand in der Hand hält, der sich später als ein Handy herausstellen wird. Und dass zur gleichen Zeit eine Blendgranate explodiert, was klingt wie ein Schuss. Der Beamte, der Paksoy gegenübersteht, drückt den Abzug. In einer anderen Version, die Paksoys Frau einer türkischen Zeitung erzählen wird, gleicht der Einsatz einer "Hinrichtung". Fest steht, dass um 12.16 Uhr eine Neun-Millimeter-Kugel Paksoy trifft. Sie durchschlägt erst seinen Arm, den er abwehrend vor den Körper hält, und durchbohrt dann die Brust.

Es ist das Ende einer kurzen Karriere. Und der Beginn einer neuen Zeit. Vier Wochen später stürmen 1000 Beamte 60 Wohnungen, Klubhäuser und Lagerräume in ganz Deutschland. Im Visier: die "Osmanen Germania", ein türkischer Rockerklub, der sich binnen kurzer Zeit zum Sammelbecken für Nationalisten, Religiöse, Abgehängte und Kriminelle entwickelt hat. Sie geben vor, ein "Boxklub" zu sein. Oft aber werden auch hochkriminelle Geschäfte abgewickelt – Drogendeals, Menschenhandel, versuchter Mord.

Es ist bereits die zweite Großrazzia gegen die Osmanen. Der deutsche Staat will im Frühjahr 2018 das zurück, was ihm zuvor entglitten ist: die Kontrolle.

Eine der Klubregeln der Osmanen lautet: Sprich niemals mit der Presse oder der Polizei

Eine der Klubregeln der Osmanen lautet: Sprich niemals mit der Presse oder der Polizei

Wie aus dem Nichts waren die Türken in Lederkutten aufgetaucht. Sie formierten sich in verschiedenen Gruppen, "Osmanen Germania", "Turan", "Turkos", "Osmanen Muhacir". Wenn man so will, sind es türkische Heimatvereine in Rockergewand: Migranten der dritten Generation, deren Sehnsucht nach dem Vaterland größer zu sein scheint als die ihrer Väter.

Die Osmanen Germania wachsen am schnellsten. 2015 gegründet, explodiert ihre Mitgliederzahl innerhalb kürzester Zeit. Rund 40 lokale Gruppen, "Chapter", können sie aufbauen, 14 allein in Nordrhein-Westfalen.

Die nationalistischen Osmanen Germania verehren den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine AKP. Die faschistischen "Turan" hingegen träumen von einem Großtürkischen Reich, das von Japan bis Norwegen gehen soll, ihr Ziel ist die "Vereinigung der Turanischen Rasse". Erstmals traten die Turan bei einer Demonstration in Duisburg 2016 auf. Männer in schwarzem Leder brüllten "Turan!" und formten die Finger zum Wolfsgruß, einer Art Hitlergruß auf Türkisch. Seither werden sie vom Verfassungsschutz beobachtet.

Angst vor Assimilation

In den vergangenen Monaten sprach der stern mit Aussteigern und Mitgliedern der Osmanen Germania und der Turan. Die Treffen fanden an mehreren Orten im Ruhrgebiet statt. Weil die Männer um ihr Leben fürchten, können ihre echten Namen nicht genannt werden.

Die Gespräche zeigten: Der Erfolg dieser Gruppen ist auch Ausweis einer gescheiterten Integration. Ihre Mitglieder verbindet die Mentalität der Großväter – oder zumindest die Vorstellung davon. Ehre, Stolz, Loyalität. Die Angst vor "Assimilation", vor der Erdogan die deutschen Türken warnt. Das Empfinden, hier nicht angekommen zu sein. Der Zorn auf den "Westen", von dem sie sich nicht ernst genommen fühlen – was dem politischen Kalkül Ankaras in die Hände spielt: Abhörprotokolle deutscher Sicherheitsbehörden zeigen, dass die neuen Rocker enge Verbindungen zur türkischen Regierung halten und den Kampf gegen Erdogans Feinde in Deutschland weiterführen sollen.

Die Geschichte von Hamit Paksoy, dem Osmanen-Präsidenten von Wuppertal, erzählt von alldem. Es ist eine Geschichte über Politik, Kriminalität und Geheimdienste. Sie handelt von türkischer Wut und Machogehabe, von der Gier nach Geld und Anerkennung. Und von Männern, die in ihrem Drang nach Macht immer mehr außer Kontrolle geraten.

Jugendfreunde: Präsident Erdogan mit Metin Külünk, der den Kontakt zu den Osmanen hielt

Jugendfreunde: Präsident Erdogan mit Metin Külünk, der den Kontakt zu den Osmanen hielt

Ilhami Özden kannte Hamit Paksoy schon lange. Seitdem der als 20-Jähriger zu Özden in den Boxklub marschiert war und getönt hatte: "Ich will kämpfen!" Özden sitzt in der Ditib-Moschee von Wuppertal, im Hintergrund laufen die türkischen Nachrichten, Erdogan in Nahaufnahme. Davor sitzen alte Männer und nippen Tee aus dünnwandigen Gläsern. Özden ist ein kleiner, drahtiger Mann mit Glatze, den seine Fäuste häufiger gerettet haben als seine Worte. Er hat viele Jungs wie Hamit trainiert. Jungs, deren Polizeiakten so dick waren wie Boxhandschuhe.

Deshalb war Özden überrascht, dass Paksoys Tod selbst in der Türkei so hohe Wellen schlug. Die regierungsnahe Zeitung "Sabah" titelte: "Polizisten richten unbewaffneten Türken hin." In der Moschee, sagt Özden, hätten alle von nichts anderem geredet. Türkische Zeitungen beschrieben Paksoy als einen Vorzeigetürken. Als Familienvater, der gerade auf dem Weg in die Moschee gewesen sei, als er von einem "Deutschen erschossen wurde". Selbst die Vertreterin des türkischen Konsulats war wegen der Sache Paksoy in der Stadt.

Elite der Straße

Dabei, sagt Özden, habe er Hamit Paksoy nie in der Moschee beten sehen. "Hamit war ein Gangster." Einmal seien vier Türken aus Holland in Ilhami Özdens Studio aufgetaucht und hätten nach Hamit gesucht. "Die wollten den umlegen, weil er sie verarscht hat", sagt Özden. Das sei auch ein Grund gewesen, warum Hamit sich vor gut zwei Jahren den Rockern angeschlossen hatte. Er habe "einen Rücken" gebraucht.

Anfang März 2016. Lindau am Bodensee, ein abgedunkelter Saal, Zigarettendunst. Hamit Paksoy wird bei einem großen Treffen der Osmanen als der neue Präsident von Wuppertal vorgestellt. Er steht auf einer Empore, gleich neben dem Frankfurter "World-Präsidenten" Mehmet Bagci, Mitte 40, Chef aller Osmanen. Paksoy zeigt seinen bulligen Oberkörper, trägt das Haar kurz rasiert, die rechte Hand hält er aufs Herz. "Blut und Ehre, Osmanen Germania!", brüllen die Männer. Mehrere Hundert Mitglieder sind angereist, ihre Lederkutten spannen über aufgepumpten Muskeln, darauf das Logo: ein vermummtes Gesicht in Türkisch-Rot. Die meisten sind Türsteher, Zuhälter, Drogendealer. Sie küssen sich, nennen sich "Bruder". Viele sind miteinander aufgewachsen, sind verwandt oder kennen sich aus den Häuserblocks in Frankfurt oder dem Ruhrgebiet.

Ein ehemaliger Osmane, der sich "Django" nennt, war in Lindau mit dabei. Er sitzt in einem McDonald's irgendwo im Ruhrgebiet, es ist spät, ein milder Frühlingsabend, Django trägt Sonnenbrille. Er sagt, er sei am Ende einer der engsten Vertrauten von Hamit Paksoy gewesen. Heute hat er Angst – vor den Osmanen, vor allem aber vor der "deutschen Polizei".

Die Ditib-Moschee in Wuppertal. Hamit Paksoy war öfter hier zum Tee. Allerdings selten zum Beten

Die Ditib-Moschee in Wuppertal. Hamit Paksoy war öfter hier zum Tee. Allerdings selten zum Beten

Lindau sei eines der größten Treffen der Osmanen gewesen und eine Art "Rausch", sagt Django. Überall hatten die Osmanen damals neue Chapter gegründet, auch in Österreich und der Schweiz. Nach dem "Meeting" wurde im Saal noch ein Video gedreht. Es gibt Aufnahmen von dem Dreh, Rapper Remzi schreit ins Mikrofon: "Osmanen Germania, die Elite der Straße!" Die Männer erheben grölend die Fäuste.

Django sagt, es sei die Mischung gewesen. Rocker sein, "mit Kutte und allem". Stark sein. Eine Bruderschaft, "aber eben auf Türkisch". Da sei eine große Wut gewesen, auch auf die Deutschen, "wegen der ganzen Erdogan-Bashings".

Es ist die Zeit, in der Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten im Fernsehen einen "Ziegenficker" nennt. Viele Deutschtürken sind empört. Das Gedicht empfinden sie als Kriegserklärung auch an sie selbst. In ganz Deutschland gehen Türken auf die Straße. Auch weil es in der fernen Heimat Anschläge gegeben hat und Erdogan die Kurden dafür verantwortlich macht. In Berlin, Köln und Hamburg kommt es auf "Friedensmärschen" gegen die "Terroristen" zu Schlägereien zwischen Türken und Kurden. Erdogans Kampf hat die deutschen Straßen erreicht. Für die Osmanen Germania beginnt die große Zeit.

Rettungswagen mit Blaulicht

Sie treten mittlerweile als "Sicherheitskräfte" für die türkischen Demonstranten auf, um sie vor den Kurden zu "schützen". Türkische Verbände haben sie eigens dafür engagiert. Denn selbst in der Türkei sind die boxenden Rocker inzwischen bekannt. Von "3500" jungen Türken, die "Jugendliche von der Straße holen" und Erdogans Politik auch in Deutschland unterstützten, schrieb die Zeitung "Sabah". Vor allem der Name "Osmanen" hat in der Heimat Eindruck gemacht.

In Stuttgart kommt es am 10. April 2016, nur ein paar Wochen nach dem Treffen von Lindau, zu den bis dahin schwersten Auseinandersetzungen. Die Osmanen haben während der Demo ihre Kutten angezogen, das wiederum hat die "Bahoz" provoziert, eine kurdische Rockergruppe, die sich als Antwort auf die Türkenrocker formiert hat. Bei wüsten Schlägereien werden 50 Polizisten verletzt. Der Osmanen-Anführer von Stuttgart ordnet noch am späten Abend an, von nun an in Gruppen durch die Stadt zu marschieren. So viele Osmanen wie möglich! Gesicht zeigen und klarstellen: Stuttgart wird kurdenfrei!

In einer dieser Nächte wird Hamit Paksoy, der "Neue", für die Osmanen zum Helden. Es ist der 22. April, als ihm und seinen Männern ein 26-jähriger Bahoz über den Weg läuft. Die Männer ziehen Messer und Macheten. Als Passanten später die Polizei rufen, ist der junge Kurde fast tot, mit Blaulicht fährt ihn ein Rettungswagen in ein Klinikum in Ludwigsburg.

Der deutsche Staat will die Kontrolle zurück, deshalb zeigt die Polizei Präsenz, hier bei einem Osmanen-Treffen in Neuss

Der deutsche Staat will die Kontrolle zurück, deshalb zeigt die Polizei Präsenz, hier bei einem Osmanen-Treffen in Neuss

Noch in derselben Nacht brüstet sich Hamit Paksoy vor den Frankfurter Chefs, die Sache zu erledigen, bevor der Kurde aussagen kann. So berichten es zwei voneinander unabhängige Zeugen. Gegen 1.30 Uhr setzt sich Paksoy demnach mit einem seiner Leute ins Auto und fährt zum Krankenhaus, um den Bahoz-Jungen zu töten. Dort stehen auf dem Parkplatz Männer mit Baseballschlägern, es ist dunkel, Paksoy hält sie für Osmanen und ruft: "Gehört ihr zu uns?" Da stürmen die Männer schon auf ihn los – es sind Bahoz. Ein Baseballschläger trifft Paksoy am Kopf. Er geht zu Boden, mit einem Filetiermesser stechen sie auf ihn ein, durchtrennen eine Rippe.

Es war die erste Probe des Wuppertaler Präsidenten. Und möglicherweise sein erster, wenn auch gescheiterter Mordanschlag. Noch lange danach, sagt Django, habe Paksoy davon geschwärmt, wie der "World-Präsident" Mehmet Bagci persönlich an seinem Krankenbett gestanden habe – mit Tränen in den Augen, so habe Paksoy es gern erzählt, weil er sein Leben "im Kampf gegen die Kurden" aufs Spiel gesetzt habe.

AKP-Abgeordneter

In einem Prozess, in dem die Bahoz-Männer wegen des brutalen Überfalls auf Hamit Paksoy verurteilt wurden, kam dessen eigener mutmaßlicher Mordplan nicht zur Sprache. Allerdings legt ein von deutschen Ermittlern abgehörtes Telefonat nahe, dass die Angaben Djangos und die des zweiten Zeugen stimmen können.

Schon länger werden zu dieser Zeit die Chefs der Osmanen von den Behörden abgehört. In einem Telefonat, das nur ein paar Tage nach dem Vorfall vor dem Ludwigsburger Krankenhaus mitgeschnitten wurde, sagt Osmanen-Chef Bagci, die Osmanen würden jetzt das "PKK-Ding", die Kurdensache in Stuttgart, regeln. "Wir sind bereit, für unsere Sache zu sterben und zu töten."

Die Polizei hört ebenfalls, wie Bagci in dem Telefonat mit "sehr guten Kontakten" zum türkischen Geheimdienst prahlt. Er erwarte Unterstützung aus der Heimat, die "unserer Geschäftsleute" und die "des Staates".

Die Ermittler gehen inzwischen von einem türkischen Netzwerk auf deutschem Boden aus. Lobbygruppen der AKP, der Geheimdienst und die Ditib-Moscheen arbeiten demnach gemeinsam gegen die "Feinde" der Türkei. Auch die Rocker sollen dabei eine Rolle spielen: die Osmanen Germania als ausführende Kraft.

Immer wieder taucht in den abgehörten Gesprächen auch der Name Metin Külünk auf. Külünk ist Abgeordneter der AKP, ein Mann mit kurzem grauem Haar und Koboldgesicht. Er ist ein Jugendfreund Erdogans. Noch vor zwei Jahren lief gegen Külünk ein Verfahren wegen Mafiakontakten.

In Deutschland treffen die Osmanen Metin Külünk erstmals Anfang April 2016, einige Wochen vor den Ausschreitungen in Stuttgart. Die Rocker fungieren an diesem Tag als persönlicher Sicherheitsdienst Külünks bei einem Kongress der UETD in Köln. Sie gilt als Lobbypartei der AKP in Deutschland. Es gibt ein Foto von jenem Tag: Külünk, leger in dunklem Pullover, flankiert von Präsident Mehmet Bagci und seinem Vize. Daneben steht Hamit Paksoy, mit wichtiger Miene, in schwarzem Anzug und Krawatte.

"Kurdenangelegenheit"

Am 1. Juni 2016, kurz bevor der Bundestag das Massaker an den Armeniern zu einem Genozid erklären wird, treffen sie wieder auf Külünk. Hamit Paksoy und etwa 40 weitere Osmanen fahren mit zwei Reisebussen nach Berlin, um den Protest der Türken gegen die Resolution zu "sichern". Mit zwei großen Türkeifahnen posieren sie für ein Selfie, Paksoy brüllt: "Türkiye!"

Gegen 14.30 Uhr, die Demonstration ist in vollem Gang, beobachten LKA-Beamte, wie AKP-Mann Metin Külünk in der Nähe des Brandenburger Tors zwei Umschläge an den Osmanen-Präsidenten Bagci übergibt.

Darin seien 25.000 Euro gewesen, sagt ein Aussteiger. "Nicht für Waffen", davon hätten sie genug gehabt. Der Mann meint, das Geld sei von den Osmanen als "Anerkennung" empfunden worden. Und als Motivation, in der "Kurden-Angelegenheit" weiterzumachen. Külünk habe, so die Ermittler, zudem in einem Telefonat einem Mannheimer UETD-Mann die Anweisung gegeben, den Feinden der Türkei "mit Stöcken auf den Kopf" zu schlagen. Django bestätigt, das sei die Ansage gewesen, "draufhalten, alles filmen, die Beweise dann nach Ankara schicken". Die "Kurdenangelegenheit" zu regeln war nun ein direkter Auftrag aus der Türkei.

Dabei waren zwei Jahre zuvor in Deutschland Kurden und Türken in den Rockerklubs noch "Brüder". Begonnen hatte alles bei den Hells Angels. Ein türkisches Mitglied, Aygün Mucuk, hatte die erste "Untergruppe" für Migranten gegründet. Türken, Kurden, Albaner, Italiener, "alle zusammen". Migranten unter sich, "dieselbe Denke, dasselbe Vokabular".

Auch Mehmet Bagci, der spätere Osmanen-Chef, und sein Cousin waren Mitglieder. Erdogan suchte zu dieser Zeit immer mehr den Konflikt mit dem Westen. Bagci war ein glühender Fan. Er wollte nun auch bei den Rockern die rote Fahne mit dem Halbmond schwingen. Türke sein! Auf späteren Osmanen-Meetings beginnt Bagci jeden Satz mit "Wir Türken", obwohl er einer der wenigen Osmanen ist, die einen deutschen Pass besitzen.

Das Problem sei, sagt Django, "dass wir auch für die Deutschen immer die Türken geblieben sind". Dabei seien sie in Wahrheit keine Türken mehr. "Wir leben in einer eigenen Welt." Django nennt sie "Kanakendeutschland".

Als Bagci, sein Cousin und einige andere Männer die Osmanen Germania gründeten, gingen die Kurden auf die Barrikaden, sie wollten auch politisch sein. So seien die Bahoz entstanden. Nicht zuletzt wegen der Kurden wuchs wiederum in Ankara der Wunsch, eine "paramilitärische Truppe im Ausland" zu haben, behauptet Django. Die Osmanen hätten "Potenzial" gehabt – wären nicht zu viele Männer wie Hamit Paksoy dabei gewesen. "Immer mit dem Kopf durch die Wand", keine Selbstbeherrschung. "Hamits Problem war sein Charakter."

Ungeduld und zu wenig Disziplin

Ein paar Wochen nach der Berliner Demo, Anfang August 2016, explodiert in Saarbrücken eine Handgranate in einer kurdischen Shisha-Bar. Bahoz haben zuvor einen Osmanen verprügelt. Die Frankfurter Chefs ordneten daraufhin an, Hamit Paksoy solle entscheiden, wie die Sache zu regeln sei. "Hamit war überfordert, völlig von der Rolle", sagt ein Informant, der damals dabei war. Er habe einfach entschieden, "dass die Männer eine Handgranate auf das Wohnhaus werfen", in dem sich die Bar befindet. Nur durch Zufall wird kein Anwohner verletzt.

Hamit Paksoy beginnt immer mehr die Kontrolle zu verlieren. Er kifft bei den Meetings des Wuppertaler Chapters, er trinkt im "Bella Vita", einer italienischen Spelunke, bis in den Morgen Bier – in seiner Kutte. Bei Altrockern wie den Hells Angels oder den Bandidos müssen Anwärter monatelang Toiletten putzen, bevor sie dazugehören. Paksoy hingegen hat sich den Präsidententitel bei den Osmanen für 500 Euro gekauft. Den Osmanen ging es vor allem um Wachstum. Je mehr Chapter, desto besser. "Das war generell das Problem", sagt Django. "Die Ungeduld und zu wenig Disziplin. Wir Türken sind für solche Klubs nicht gemacht."

Immer öfter schläft Hamit Paksoy jetzt auch bei einem der Mädchen, die für ihn anschaffen gehen. Seiner Frau, die zu Hause mit den drei Kindern wartet, kauft er zur Beruhigung Pelze. Paksoys Drogengeschäfte, die er nun auch in Hessen und im Saarland betreibt, laufen durch den Klub besser denn je. In Gummersbach werden später 1,8 Tonnen Rohmaterial für die Herstellung der synthetischen Droge DMT sichergestellt. So viel wie wohl nie zuvor. In einem aktuellen Verfahren behauptet ein Zeuge, sie gehörten Hamit Paksoy.

Es ist der 3. September 2016, nur ein paar Wochen nach der Explosion in der Shisha-Bar, als die Situation weiter eskaliert. Schon länger gibt es Streit zwischen Hamit Paksoy und seinem Vize. Vor allem, weil Paksoy die Hells Angels provozierte und es dadurch in Wuppertal eine Menge Ärger gab. Die Chefs in Frankfurt planen deshalb, Wuppertal aufzuteilen, wenn die beiden Kontrahenten die Sache nicht unter sich regeln. Das Wuppertaler Chapter entscheidet, den Streit im Ring zu klären. Ilhami Özden stellt dafür sein Boxgym zur Verfügung. Doch Paksoy taucht nicht auf.

Ein paar Tage später bekommt der Vize einen Anruf. Hamit Paksoy hat einen seiner Anhänger abgefangen. "Zeig, dass du Eier hast, und hol ihn ab!", schreit einer von Paksoys Männern ins Handy.

"Bad Standing" bei den Osmanen Germania

Ein schwarzer Golf lotst den Vize und seinen Begleiter später im Zickzack zum Treffpunkt. Auf einem Bahngelände stoppt der Wagen. Da springen Vermummte aus dem Gebüsch, einer ist mit einer Machete bewaffnet. Zehn Männer dreschen auf den Vize ein. Paksoy sitzt ein wenig abseits in einem weißen Geländewagen. In der Rechten hält er eine Wodkaflasche, in der Linken das Handy, mit dem er alles filmt.

Das Video, das Paksoy an diesem frühen Morgen aufnimmt, wird später der Wuppertaler Staatsanwaltschaft zugespielt. Wodurch alles seinen Lauf nimmt: Verhöre, ein Verfahren wegen versuchten Mordes, die Zusammenarbeit mit der Polizei. Das "Bad Standing" bei den Osmanen. Der Schuss.

Ein Mordanschlag auf einen der eigenen Männer, und das ohne Absprache mit den Chefs: In einem "deutschen" Rockerklub hätte so ein Alleingang den sofortigen Rausschmiss bedeutet, sagt ein Ex-Osmane, der früher bei den Hells Angels war. Die Chefs in Frankfurt aber entscheiden, dass Hamit Paksoy lediglich ein Blutgeld an den Klub zu zahlen habe, 300.000 Euro. Es gehe am Ende eben auch bei den Türken nicht um "Stolz", "Ehre" und um "Zusammenhalt", sagt Django. "Sondern um Koks, Nutten und para (türk. Geld, d. Red.).

Einen Monat nach der Attacke auf den Wuppertaler Vize melden die Nachrichten eine spektakuläre Hinrichtung. Vier Schüsse treffen den Chef des Migranten-Chapters der Hells Angels, Aygün Mucuk, in den Rücken, weitere in Brust, Hals und Gesicht. Der Mord bleibt unaufgeklärt. Mehrere Informanten aus der Szene behaupten aber, die Täter seien Osmanen. Es sei um Geschäfte gegangen – und auch um eine späte Strafe dafür, dass Mucuk die Gründung der Bahoz erlaubt hatte. Django sagt, da seien alle Hemmungen gefallen: Türken schießen jetzt auf Türken.

Hamit Paksoys Ende bei den Osmanen beginnt im Juni 2017 mit einem simplen Streit. Er ist auch der Grund, warum kurz darauf die gesamte Führungsriege der Osmanen zu Fall gebracht wird.

Es geht um eine Prostituierte, die Paksoy einem seiner Männer verkauft hat und für die er noch kein Geld gesehen hat. Der Mann will zudem aussteigen. Zu sehr hat inzwischen Paksoys Unberechenbarkeit innerhalb der Gruppe für Unruhe gesorgt.

Vogelfrei

Die Sache geht hoch bis zu den Chefs. Der Aussteiger rastet am Telefon aus und beleidigt einen der Frankfurter Bosse. Der brüllt zurück: "Heute hörst du auf zu atmen!" Danach ruft er Hamit Paksoy an und brüllt weiter: "Wenn du den Typen nicht erledigst, hörst auch du heute auf zu atmen!"

Der Aussteiger aber geht zur Polizei und packt aus – über Waffenverstecke, Drogen- und Frauengeschäfte, Mordaufträge. Paksoy und die Chefs in Frankfurt sind nun endgültig ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

Zwei Monate später wandern Osmanen-Chef Mehmet Bagci und sieben seiner Männer in Untersuchungshaft. Derzeit stehen sie vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht. Es geht um versuchten Mord, versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung, Zuhälterei, Waffendelikte, räuberische Erpressung, Drogengeschäfte.

Bei einer der Hausdurchsuchungen bleibt ein Schriftstück der Polizei liegen – versehen mit einem Vermerk: "Laut dem Zeugen Paksoy". Damit ist den Osmanen klar, dass ihr einstiger Held inzwischen mit der Polizei spricht. Der Rausschmiss aus dem Klub erfolgt umgehend.

Paksoys eigene Männer verhöhnen ihn jetzt als "Mäh", weil er gern Tiersendungen im Fernsehen ansah. Auf Facebook gehen Fotos des ehemaligen Wuppertaler Chefs herum. Darauf prangt in roter Schrift: "Bad Standing". Es heißt so viel wie "vogelfrei".

"Hamit hatte Angst vor der Rache der Osmanen", sagt Django. Er habe sich in die Türkei absetzen wollen, dort auf einem Bauernhof leben. "Das war der Plan." Im Januar 2018 lauern vier Unbekannte in Wuppertal nachts einem Schmuckgroßhändler auf und erbeuten zwei Koffer mit Gold. Der Wert: 1,2 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft bestätigte anfangs auf Nachfrage, dass "es Hinweise auf eine Beteiligung Paksoys" an der Tat gebe. Später stellt sich heraus, dass die Täter Libanesen waren. Der anonyme Hinweis auf Paksoy war eine Racheaktion der Osmanen, die dem Wuppertaler Ex-Chef den Raub in die Schuhe schieben wollten.

Holland und Dänemark

Im Februar 2018 liegt der Staatsanwaltschaft Wuppertal schließlich ein Haftbefehl gegen ihn vor. Der Aussteiger, der mit Paksoy in Streit geraten war, hat nun auch über dessen Mordanschlag auf seinen Vize ausgepackt. Das SEK wird eingeschaltet. Hamit Paksoy soll verhaftet werden. Inzwischen spricht Metin Külünk in den türkischen Medien von den Osmanen als einer "kriminellen Bande".

Aber es gebe Pläne, sagt Django. "Es wird weitergehen." Solange die Türken an der alten Heimat hingen, werde es immer neue Gruppen geben. Überall entstünden gerade welche. Mehmet Bagci hat kürzlich über seinen Anwalt ausrichten lassen, dass seine Männer vorübergehend den "Ball flach" halten sollen. Die Osmanen wollen jetzt von Holland und Dänemark aus die Fäden ziehen, aus alten Fehlern lernen, "auch wegen Ankara". Am Abend vor dem tödlichen Schuss sitzt Paksoy im "Bella Vita". Er trägt einen weißen Pullunder und telefoniert mit einem seiner früheren Männer. Der ist dabei, eine neue Gruppe aufzubauen. Und Paksoy braucht jetzt "einen Rücken".

Gegen sechs Uhr morgens geht Hamit Paksoy nach Hause. Er wird noch ein paar Stunden schlafen. Dann wird er duschen gehen.

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