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Missbrauchsgutachten Wenn ein ehemaliger Papst plötzlich als Lügner dasteht

Durch ein Gutachten schwer belastet: der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Durch ein Gutachten schwer belastet: der emeritierte Papst Benedikt XVI.
© Andrew Medichini/AP / DPA
Eine Münchner Anwaltskanzlei hat zahlreiche hochrangige Funktionäre der katholischen Kirche in einem Gutachten über sexuellen Missbrauch schwer belastet. Darunter ist auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. Er steht als Lügner da.

Womöglich hatte ja doch der ein oder andere in der katholischen Kirche noch darauf gehofft, dass das Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl (WSW) zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München-Freising nicht ganz so verheerend ausfallen würde. Nach der zweistündigen Vorstellung müssen sie konstatieren: Es hat alle Befürchtungen übertroffen. Die zwei Stunden im Haus der Bayerischen Wirtschaft entwickelten sich zur wohl schwärzesten Stunde der katholischen Kirche. An deren Ende ein emeritierter Papst als Lügner dasteht.

Die Zahlen: Untersucht wurden Vorfälle von 1945 bis 2019. Insgesamt ergaben sich dabei für das Münchner Erzbistum bei 235 von 261 untersuchten Mitarbeitern der Kirche Hinweise auf sexuell missbräuchliche Verhaltensweisen. Davon waren 173 Priester. Die Studie geht von 497 Opfern aus. "Wir sprechen hier jedoch nur von dem Hellfeld", sagte Rechtsanwalt Martin Pusch bei der Vorstellung der 1600 Seiten umfassenden Studie. Die Dunkelziffer der Betroffenen sei deutlich größer.

Doch mehr noch als diese "Bilanz des Schreckens", wie sie Rechtsanwalt Ulrich Wastl nannte, verstörte der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema. "Zu beleuchten ist das erschreckende Phänomen der Vertuschung", sagte Gutachterin Marion Westphal. Und empfahl der Kirche Beichte und Reue: "Es geht hier auch und insbesondere um individuelle Schuld", so Westphal.

Bilanz des Schreckens

Und die, daran lässt das Gutachten kaum Zweifel, hat insbesondere auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. auf sich geladen. Zwischen 1977 und 1982 war Kardinal Josef Ratzinger Erzbischof von München und Freising. Zu dieser Zeit habe Ratzinger in vier Fällen nichts gegen Kleriker unternommen, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden waren. In zwei der Fälle sei es um Kleriker gegangen, denen mehrere begangene und auch von staatlichen Gerichten attestierte Missbrauchstaten vorzuwerfen seien. Beide Priester seien in der Seelsorge tätig geblieben, kirchenrechtlich sei nichts unternommen worden. Ein Interesse an den Missbrauchsopfern sei bei Ratzinger "nicht erkennbar" gewesen.

Die Gutachter sind mittlerweile auch überzeugt, dass Ratzinger Kenntnis von der Vorgeschichte des Priesters Peter H. hatte, der 1980 aus dem Bistum Essen nach München kam. H. war als Pädophiler verurteilt und beging später im Erzbistum München weitere Missbrauchstaten. Ratzinger habe in einer Stellungnahme schlicht bestritten, bei der Ordinariatssitzung im Januar 1980, in der die Einsetzung H.s beschlossen wurde, dabei gewesen zu sein.

"Wir halten die Aussage des Papsts Benedikt, er sei in dieser Sitzung nicht anwesend gewesen, für wenig glaubwürdig", sagte Rechtsanwalt Ulrich Wastl. Und verwies dabei auf das Protokoll der Sitzung. Ratzinger sei anders als in solchen Fällen nicht als abwesend geführt worden. Außerdem fänden sich in dem Protokoll Aussagen des damaligen Kardinals zu anderen Themen – er sprach demnach in der Sitzung auch selbst.

"Benedikt hat heute sein Lebensbild zerstört"

So sieht das also aus, wenn live im Fernsehen angedeutet wird, dass ein emeritierter Papst gelogen hat. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht dann auch in dem Gutachten "ein persönliches Waterloo" für das Lebenswerk von Papst Benedikt XVI. "Erschreckend ist das Lügen, das Unwahrheitsagen von Joseph Ratzinger", sagte Schüller im Bayerischen Rundfunk. "Er hat heute sein eigenes Lebensbild zerstört."

Kein gutes Bild gibt auch der amtierende Erzbischof Reinhard Marx ab. Er blieb der Vorstellung des Gutachtens fern, obwohl er ausdrücklich persönlich eingeladen worden war. Dabei war es sein Verdienst, dass die Aufklärung der Verbrechen gegen den Widerstand des Kirchenapparats überhaupt in Gang gesetzt wurde. Allerdings fanden die Gutachter auch in seiner Amtsführung ein Fehlverhalten bei zwei Verdachtsfällen, die Marx nicht an die Glaubenskongreation in Rom weitergeleitet habe.

Das Gutachten stellt der katholischen Diözese insgesamt ein verheerendes Zeugnis aus. Auch in jüngster Zeit habe kein "Paradigmenwechsel" mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Rechtsanwalt Martin Pusch. Stattdessen herrsche ein "generelles Geheimhaltungsinteresse" und der "Wunsch, die Institution Kirche zu schützen".

mit Material von AFP/DPA

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