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"Kommt aus guter Familie": Richter nimmt mutmaßlichen Vergewaltiger, 16, in Schutz – mit verstörender Begründung

Ein Prozess um eine mutmaßliche Vergewaltigung sorgt für Entsetzen in den USA. Angeklagt ist ein 16-Jähriger, der eine Gleichaltrige zum Sex gezwungen haben soll. Der Richter fordert, nachsichtig mit ihm zu sein – man zerstöre sonst sein Leben.

Ein Richterhammer

Ein Richterhammer (Symbolbild)

DPA

Der Fall sorgt für Entsetzen in den USA: Ein 16 Jahre alter Junge soll eine Gleichaltrige auf einer Hausparty in eine dunkle Ecke gebracht, sie ausgezogen, geschlagen und vergewaltigt haben. Dabei filmte der Jugendliche, den das Gericht nur als "G.M.C." bezeichnet, wie er sich an dem Mädchen verging.

Das zumindest behauptete die Staatsanwaltschaft, die den Jungen vor Gericht gestellt hatte. Der zuständige Richter sah das etwas anders und wies darauf hin, dass der 16-Jährige ja "aus gutem Hause" komme und das Opfer auch Schuld an der Sache trage. 

Sie zogen Mary aus und schlugen ihr auf den Hintern

Die mutmaßliche Tat soll sich bereits 2016 zugetragen haben: G.M.C. war laut der Anklageschrift zusammen mit rund 30 anderen, ebenfalls jugendlichen Gästen auf einer Hausparty im US-Bundesstaat New Jersey eingeladen. Ein gleichaltriges Mädchen, vom Gericht aus Rücksicht auf ihre Persönlichkeitsrechte als "Mary" bezeichnet, war ebenfalls dort. Beide sollen viel Alkohol getrunken haben. 

Im Laufe des Abends kam es dann laut Anklageschrift zunächst zu "heftigem Petting", bevor G.M.C. und Mary zusammen in eine abgetrennte, dunkle Ecke gingen. Das Mädchen sei dabei "sichtlich betrunken" gewesen, so die Anklage. Ihre Aussprache sei undeutlich gewesen, sie sei gestolpert. Das hielt den 16-Jährigen offenbar nicht davon ab, sich an ihr zu vergehen. Zusammen mit weiteren Jugendlichen soll er Mary ausgezogen und ihr ein Duftspray auf den entblößten Hintern gesprüht haben. Anschließend schlugen sie abwechselnd mit solch einer Härte auf die Pobacken des Mädchens ein, dass man noch am nächsten Tag Handabdrücke erkennen konnte, heißt es in den Gerichtsdokumenten weiter.

Angeklagter brüstet sich mit "Vergewaltigung"

Daraufhin soll G.M.C. das Mädchen vergewaltigt haben. Dabei filmte er sich offenbar selbst. Das Video soll er anschließend an mehrere Bekannte geschickt haben – zusammen mit einem Kommentar: "Wenn dein erstes Mal eine Vergewaltigung war."

Einige der Beteiligten machten sich laut der Gerichtsdokumente schließlich Sorgen um das Mädchen, das von G.M.C. einfach zurückgelassen worden war und sahen nach ihr. Mary habe zu diesem Zeitpunkt auf dem Boden gelegen und sich übergeben. Die Jugendlichen alarmierten daraufhin die Mutter eines Freundes, die das Mädchen nach Hause brachte. Am nächsten Tag habe sich Mary, die offenbar Erinnerungslücken hatte, ihrer Mutter anvertraut und ihre Angst geschildert, "dass auf der Party sexuelle Dinge passiert sind." Sie habe sich nicht erklären können, wieso ihre Kleidung zerrissen sei und sie blaue Flecken habe.

Das Mädchen meldete sich erst ein Jahr später bei der Polizei, da G.M.C. trotz Aufforderung nicht aufgehört habe, das Video weiterzuverbreiten.

Richter Troiano: "Vergewaltigung" nur bei Einsatz von Waffen

Als es schließlich zur Anklage kam, stritt der 16-Jährige alles ab und behauptete, die übrigen Beteiligten hätten gelogen. Der Vorsitzende Richter James Troiano musste entscheiden, ob der Fall nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen sei. Letzteres ist in New Jersey laut US-Medien dann möglich, wenn angeklagten Jugendlichen besonders schwere Verbrechen zur Last gelegt werden. Aufgrund der Schwere der vorgeworfenen Taten schien das bei G.M.C naheliegend. Doch Troiano nahm den Jungen laut der Gerichtsdokumente sofort in Schutz. 

Perfider Clip aus Ungarn: Wie die Polizei Vergewaltigungsopfer zu Tätern macht

Für ihn gebe es durchaus einen "Unterschied zwischen einem sexuellen Übergriff und einer Vergewaltigung", sagte Troiano. "Traditionell" läge eine Vergewaltigung nur dann vor, wenn der oder die Täter eine Waffe einsetzen würden, um ihr Opfer vor der Straftat in eine Ecke oder in ein abgelegenes Gebäude zu drängen, und das Opfer dabei geschlagen und bedroht würde." Da dies in dem vorliegenden Fall nicht der Fall wäre, sei G.M.C.s Fall nicht nach Erwachsenenrecht zu beurteilen.

"Der Junge kommt aus einer guten Familie"

Genau das hatte die Staatsanwaltschaft zuvor gefordert. Die Tat sei "durchdacht und räuberisch gewesen", hieß es in der Anklage. Das könne er jedoch nicht erkennen, so Troiano. "Berechnung oder Grausamkeit" seitens des 16-Jährigen sei ebenfalls nicht feststellbar. Stattdessen käme "dieser junge Mann aus einer guten Familie, die ihn auf eine exzellente Schule geschickt haben, wo er gute Leistungen ablieferte", sagte der Richter. 

Er fügte noch hinzu, dass der Angeklagte "nicht nur ein ganz klarer Kandidat fürs College" sei, sondern sogar "für ein gutes College." Seine Noten seien "sehr gut". Deswegen sei ein solches Verfahren kontraproduktiv und schlecht für die Zukunft des 16-Jährigen, so Troiano. Gleichzeitig attackierte er die Staatsanwaltschaft, dass sie Mary und ihre Mutter nicht vernünftig aufgeklärt hätten, welche negativen Konsequenzen ihre Vorwürfe auf das Leben des Jungen haben könnten. 

Außerdem sei fraglich, ob nicht auch das Mädchen eine Teilschuld treffe. Sie sei schließlich mit dem 16-Jährigen mitgegangen, "Hand in Hand", wie er gehört habe, sagte Troiano. Er nenne Mary daher ganz bewusst ein "vermeintliches" Opfer. Da keine Videoaufnahmen mehr existierten und das Mädchen erst so spät zur Polizei gegangen sei, seien die Vorwürfe schwer nachzuweisen

Aus den genannten Gründen sei G.M.C. nicht nach Erwachsenen-, sondern nach Jugendstrafrecht zu beurteilen, schloss Troiano. Einem Bericht der "Times" zufolge entscheidet bei Prozessen nach Jugendstrafrecht keine Jury. Außerdem finden sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und die Urteile fallen meist milder aus.

Richter Troiano ist bereits im Ruhestand

Die Argumentation des Richters sorgte in den USA für Entsetzen. Ein Berufungsgericht hat die Entscheidung Troianos nun kassiert und den Fall an das zuständige Gericht im Monmouth County zurückgewiesen.

Troiano ist laut "New York Times" bereits im Ruhestand. Er werde aber gelegentlich noch als Vertretung an das Gericht beordert. Die aktuelle Wendung in dem Fall von G.M.C. wollte er laut CNN nicht kommentieren. Der zuständige Staatsanwalt sagt dem Sender, man werde nun - genau wie bei anderen Verfahren - die nächsten Schritte planen. Das beinhalte auch "Diskussionen mit dem Opfer und dessen Familie."

Quellen: New York Times, GerichtsdokumenteCNN