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Rettung aus der Riesending-Höhle Endlich oben


Johann Westhauser ist dem bodenlosen Nichts entkommen. Nach zwölf Tagen in der Riesending-Höhle wurde der 52-jährige Forscher ans Tageslicht gebracht. Doch die Rettung ist noch nicht vorbei.
Von Ingrid Eißele, Untersberg

Als Johann Westhauser mit zwei Kollegen die Riesending-Höhle entdeckte, vor zwölf Jahren, an einem Sonntag im Sommer 2002, warfen sie gemeinsam einen Stein in die Tiefe. Höhlenforscher machen das nicht anders als Kinder. Sie zählten die Sekunden, bis sie einen dumpfen Aufschlag hörten. Es waren sechs. Dieser Moment, bekannte Höhlenforscher Ulrich Meyer später in seinem Protokoll der Entdeckung, habe ihn mit Grausen erfüllt.

Das "bodenlose Nichts", das Meyer und seine Kollegen damals empfing, ist der 180 Meter tiefe Schacht, den die Helfer in den vergangenen Stunden mit dem verletzten Johann Westhauser frei schwebend passieren mussten, nur an dünnen Seilen hängend.

Es ist eine Meisterleistung der Logistik, der Technik, aber auch der Angstbewältigung. Denn die Retter in den engen Höhlengängen hatten alle dem bodenlosen Nichts zu kämpfen. Umgeben zu sein von einer zutiefst lebensfeindlichen Umgebung, von Enge, Eiseskälte und absoluter Dunkelheit, das berührt Urängste. Die Aussicht auf Rettung "bewegt in uns allen etwas", bekannte Bergwacht-Sprecher Roland Ampenberger auf der letzten Pressekonferenz vor der Rettung.

Schwarzhaarig rein, grauhaarig raus

Viele Fragen sind bislang noch ungeklärt. Was wird mit dem 52-jährigen Schwaben Westhauser geschehen? In welche Klinik kommt er? Wie folgenreich sind seine Schädelverletzungen und die lange Zeit in der Höhle? Und, viel schwieriger noch: Was macht solch eine extreme Erfahrung mit einem Menschen? "Man geht mit schwarzen Haaren rein und kommt weißhaarig heraus", wissen Höhlengänger. Wird Westhauser danach nie mehr wieder eine Höhle erforschen wollen? Oder – im Gegenteil – sogar bestärkt sein?

Denn inzwischen ist klar, dass die Rettung aus dem "Riesending" mehr ist als ein Katastropheneinsatz. Sie war auch ein internationales soziales Experiment. Die Beteiligten: Mehr als 200 Höhlenretter aus Deutschland, Italien, Österreich, Schweiz, Kroatien. Viele von ihnen sind selbst Höhlenforscher und halfen aus freien Stücken. Insgesamt waren mehr als 700 Helfer im Einsatz. Höhlenrettung sei "in erster Linie Kameradenrettung", sagt Roland Ampenberger. Bei aller Professionalität mussten sie sich in einem gigantischen Gängegewirr zurechtfinden, dessen spezielle Herausforderungen nur die Allerwenigsten kennen. Ein falscher Schritt, "und im nächsten Moment ist Schluss", sagt Höhlenforscher Franz Lindenmayr.

Minister will Höhlen-Eingang verschließen

Ein Hubschrauber flog Westhauser nun in die Klinik. "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut", sagte Einsatzleiter Klemens Reindl von der Bergwacht. Doch der gefährliche Einsatz im Bauch des Untersberg ist damit noch nicht zu Ende. Einige Retter sind noch drin. Wenn die Aktion beendet ist, will Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) deren Eingang verschließen lassen - aus Sorge vor einem gefährlichen Tourismus Neugieriger. "Technisch ist es einfach und rechtlich halte ich es angesichts der extremen Gefahren, die damit verbunden sind, für geboten", sagte Herrmann in Berchtesgaden. Er fürchte, dass mancher, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit auf die Idee komme: "Das muss ich mir jetzt anschauen, was da los war. Das führt dazu, dass Leute in die Höhle einsteigen, die überhaupt nicht die Fähigkeit haben. Dem vorzubeugen halte ich für absolut notwendig."

Mit Agenturen

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