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"Geo"-Reporter über Riesending-Höhle "Wer Fehler macht, stürzt in die Finsternis"


"Geo"-Reporter Lars Abromeit wagte vor Jahren eine Expedition in die Riesending-Höhle - mit dem jetzt verunglückten Forscher. Im stern-Interview erzählt er vom riskanten Abstieg in die Tiefe.

Vier Tage schon ist der Höhlenforscher Johann Westhauser in der tiefsten Höhle Deutschlands gefangen: dem Riesending, einem gigantischen Gangsystem in den Berchtesgadener Alpen. Ein Steinschlag am Kopf verletzte den 52-Jährigen, der in etwa 1000 Metern Tiefe auf seine Rettung wartet. Eine der größten und schwierigsten Rettungsaktionen für die Bergwacht ist angelaufen.

"Geo"-Reporter Lars Abromeit kann aus eigener Erfahrung berichten, wie sich der Abstieg in die Unterwelt anfühlt: 2010 unternahm er mit Höhlenforschern – darunter auch der nun verunglückte Johann Westhauser – eine Tour in die Schluchten des Riesending. 350 Meter tief ging es für den heute 39-Jährigen, der für das Magazin "Geo" als Reporter und Expeditionsredakteur immer wieder gemeinsam mit Forschern entlegene Weltgegenden besucht. Doch das Riesending war auch für ihn eine Herausforderung, der Aufstieg nerven- und kräftezehrend. "Ich muss meine Panik in Schach halten", schreibt er in der Reportage über seinen Abstieg in die Unterwelt, die 2010 in "Geo" erschienen ist. Dabei war Abromeit bei seiner Tour durch die Schluchten "nur" bis "Lagerplatz eins" vorgedrungen. Insgesamt gibt es davon sechs, an dem fünften Camp liegt der verunglückte Forscher.

Im stern -Interview erzählt "Geo"-Reporter Abromeit vom gefährlichen Auf- und Abstieg und berichtet von der Faszination der größtenteils noch unbekannten Unterwelt.

Sie waren mit Johann Westhauser, dem verletzten Forscher, gemeinsam auf Expedition. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Nachricht von dem Unglück hörten?
Das ist tragisch. Ich habe Johann als einen sehr vorsichtigen, erfahrenen, starken Höhlenforscher kennengelernt. Als wir aus dem Riesending herauskamen, war er derjenige, der alle Karabiner sauber gemacht hat, damit sie beim nächsten Mal wieder verlässlich funktionieren. Wenn einer von uns ein Problem hatte, wenn etwa das Seil zu schwer war, hat er es geschultert. Ich würde davon ausgehen, dass Johann keinen Fehler gemacht hat. Er selbst hat mal gesagt, dass in der Tiefe nichts passieren darf. Aber ein Steinschlag ist unberechenbar.

Verfolgen Sie die Rettung?
Soweit es geht. Momentan ist der Nachrichtenfluss nahezu unüberschaubar. Ich habe den Jungs von der Truppe, mit denen ich damals in der Tiefe war, geschrieben und gefragt, was wir tun können. Aber die haben jetzt bestimmt andere Dinge im Kopf. Sie werden damit beschäftigt sein, die Logistik zu koordinieren und die Retter in die Schlucht zu schleusen. Sie kennen die Höhle am besten und wissen genau, was zu tun ist. Das alleine ist eine Mammut-Aufgabe. Ich selbst würde Johann natürlich auch gerne helfen. Aber ich habe deutlich zu wenig Erfahrung, um vor Ort sinnvoll einsetzbar zu sein. Daher bange ich mit und hoffe, dass er möglichst schnell heil herauskommt.

Sie haben vor etlichen Jahren mit anderen Forschern eine Expedition in das Riesending gewagt. Wie muss man sich den Abstieg in die Höhle vorstellen?
Der "Lagerplatz eins", zu dem wir damals vorgedrungen sind, liegt 350 Meter tief unter der Oberfläche, in einer Nische. Dort sind Vorräte und Schlafsäcke deponiert. Um zu ihm gelangen, muss man sich weit abseilen und durch einige enge Stellen zwängen. Wer sich hineinwagt, muss sicher im Umgang mit Seilen sein und darf keine Angst vor der Tiefe haben. Auf dem Weg darf kein Fehler passieren, man hängt oft alleine an einem Seil. Das war eine Herausforderung - extrem aufregend, aber auch spannend.

Was bringt Menschen dazu, sich in solche Gefahren zu begeben?
Ich glaube, es ist die Aussicht, in unserer scheinbar so bekannten Welt noch direkt vor der Haustür Neuland zu entdecken. Gebiete, in denen kein Mensch je gewesen ist. Das treibt die Forscher an. Viele von ihnen haben ganz normale Jobs und auch Familie - doch die Faszination der Tiefe, die Neugier treibt sie immer wieder in die Berge. Die Höhlenforschung ist eine Art Raumfahrt für den kleinen Mann. Es ist ein Wesenszug des Menschen, wissbegierig zu sein. Sich zu fragen: Was liegt hinter der nächsten Ecke? Hinter dem Horizont? Der Raum dafür wird kleiner, aber in der Unterwelt gibt es noch viel Unbekanntes - fantastische Welten, reich verzierte Hallen, große Labyrinthe.

Was reizt Wissenschaftler an der Höhle?
Das Riesending ist die tiefste und längste Höhle Deutschlands. Sie wurde erst im Jahr 2002 entdeckt, und bis jetzt ist nur ein Bruchteil des vermutlichen Gesamtsystems erkundet. Für einen Höhlenforscher, dem es darum geht, Neuland zu entdecken, ist das ein Volltreffer, ein Lebenswerk. Wissenschaftler können sicher noch viele Jahre daran forschen.

Warum haben Sie den Abstieg gewagt?
Ich habe für "Geo" schon viele Expeditionen in entlegene Weltgegenden unternommen. Ich bin in Ozeanen getaucht, habe Wüsten durchquert und Regenwälder besucht. In Deutschland auf Entdeckungstour zu gehen, in eine so nahe gelegene fremde Welt vorzudringen, das fand ich extrem spannend. Bei unserer Expedition in das Riesending haben wir ein von "Geo" gefördertes Funksystem namens "Cavelink" installiert. Damit kann man in Notfällen einen Hilferuf aus der Tiefe an die Oberfläche senden und SMS verschicken und empfangen. Denn in der Höhle funktionieren weder Handy noch GPS-Geräte. Das System ist jetzt extrem wichtig und wir bei "Geo" freuen uns, dass wir die Rettungsaktion damit nun indirekt unterstützen können.

Sie beschreiben das Riesending in ihrer Reportage selbst als "Monster". Mit mehr als 1000 Metern ist es die tiefste Höhle, die jemals in Deutschland gefunden wurde. Wie fühlt es sich an, so tief im Erdinneren eingeschlossen zu sein?
Es ist wie auf einem fremden Planeten. Eine unheimliche Stille umgibt einen, lediglich ein Wasserrieseln ist ab und zu hörbar. Es ist kalt und dunkel, nur die eigene Stirnlampe erhellt die Schächte. Ohne Uhr verlöre man rasch das Zeitgefühl. Obwohl man von der Luftlinie her nicht weit von der Oberfläche entfernt ist, ist der Weg nach draußen weit und beschwerlich. Niemand kann unmittelbar helfen. Da ich drei erfahrene und ruhige Begleiter hatte, fühlte ich mich zwar sicher. Aber an den Seilen hängt man eben doch lange allein. Jeder Handgriff muss drei- oder viermal überprüft werden. Wer Fehler macht, stürzt in die Finsternis.

Gab es eine brenzlige Situation?
Ja. Einer aus unserem Team trat einen Felsbrocken los. Über mir hörte ich Schreie: "Achtung, Stein!" Da kam der Felsbrocken auch schon herunter, groß wie ein Bierkasten. Ein Geschoss, das in die Tiefe donnerte, das in der Dunkelheit erst in letzter Sekunde zu erkennen war und zum Glück an uns vorbeiflog.

Wird man auf solche Situationen und Unfälle im Vorfeld vorbereitet?
Jeder im Team achtet natürlich auf sich und auf die anderen und überprüft etwa, ob alle Steine fest sind. Es gibt allerdings Gefahren in der Tiefe, die kann man nicht komplett ausschließen. Dazu zählen auch herabfallende Gesteinsbrocken.

Welche Vorbereitungen muss man treffen, bevor man hinabsteigen darf?
Man muss wissen, wie man sich bewegen kann, man muss sicher im Umgang mit den Seilen sein. Die Techniken hatte ich bereits in früheren Höhlenexpeditionen erlernt. Wer sich in die Schächte wagt, sollte auch keine Höhen- oder Platzangst haben und mit den extremen Bedingungen - der Dunkelheit und der Kälte - zurechtkommen.

Warum ist die Rettung so schwierig?
Das Riesending ist in der Tiefe sehr verzweigt und sehr steil. Es gibt Stellen, die können Kletterer schon unverletzt nur schwer überwinden. Engstellen, die nur passierbar sind, wenn man sich akrobatisch verdreht. Jemanden dort hindurchzuschleusen, der sich nicht aus eigener Kraft bewegen kann, ist extrem schwierig. Zudem liegt der Verletzte in etwa 1000 Meter Tiefe. Es ist eine Herausforderung, dort überhaupt hinzugelangen. Zudem dürfte es schwierig gewesen sein, einen Arzt zu finden, der dazu in der Lage ist, damit der Verunglückte vor Ort versorgt werden kann. Der Weg zurück dauert ebenfalls einige Tage.

Wie läuft der Aufstieg ab?
Die Schächte des Riesendings sind senkrecht und nass vom Wasser. An vielen kann man nicht hochklettern, da fehlt der Halt. Um herauszukommen, muss man an den Seilen aufsteigen - mit Klemmhaken, die als Steighilfen an den Seilen angebracht werden. An den Seilen kann allerdings immer nur einer hängen, damit sie nicht zu schwer belastet werden. An den Umsteigstellen muss man von einem Seil zum anderen wechseln – nahezu in Dunkelheit, frei schwebend, nur im Dämmerlicht der eigenen Stirnlampe. So bewegt man sich normalerweise von Lager zu Lager, insgesamt gibt es fünf dieser Camps. Ich nehme an, dass sie diesmal aber versuchen, so schnell wie möglich voranzukommen und dabei auch Camps überspringen. Wenn Johann sich aus eigener Kraft bewegen könnte, wäre das extrem hilfreich. Ansonsten wäre es denkbar, ihn mithilfe von Flaschenzügen oder Seilwinden über die senkrechten Steilwände zu bringen.

Würden Sie – gerade nach dem aktuellen Unglück – noch einmal in das Riesending hinuntersteigen?
Beim letzten Aufstieg war ich zwar froh, als ich wieder Sonnenlicht gesehen habe. Wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich aber wieder in diese oder eine andere Höhle klettern. Die Höhlenforschung übt auch auf mich einen großen Reiz aus, die Unterwelt ist einfach extrem faszinierend. Von einem der letzten Abstiege in das Riesending haben mir die Forscher aus dem Untergrund eine SMS geschickt: "Haben jetzt weiteres Neuland vermessen. Gesamtlänge jetzt: 12.800 Meter. Steigen morgen auf." Da wäre ich gerne dabei gewesen.

Interview: Lea Wolz

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