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Rechte Gewalt Schüsse in Hanau – tödliches Ende einer Nachtschicht

Gedenken Hanau München
Gedenken an die Bluttaten von Hanau in München
© Peter Kneffel / DPA
Ein Rechtsradikaler tötet in Hanau zehn Menschen. Die Opfer lebten und arbeiteten seit vielen Jahren in Deutschland. Einer von ihnen war der 36-Jährige Gökhan Gültekin – er hatte Schicht im Späti. Ein Ortstermin.
Von Frank Brunner, Hanau

Als der deutsche Bundesinnenminister schon lange verschwunden ist, steht Baran Celik noch immer vor der Bar, in der am Abend zuvor Menschen starben. Celik ist 27 Jahre alt, ein Maschinenbauingenieur. Er wurde in Hanau geboren, seine Familie stammt aus einem kurdischen Dorf in der Osttürkei. Ein schmaler Mann mit dunklen Haaren und wachen Augen, um die sich dunkle Ringe gelegt haben. Celik sagt: "Ich besuche regelmäßig die Midnight-Bar, alle meine Freunde kommen regelmäßig hier her." Am Mittwoch waren er und seine Clique anderswo unterwegs. Glücklicherweise.

Seehofer, umzingelt von unzähligen Kameras.

Die Gegend um den Hanauer Heumarkt wird von den Einheimischen "Klein-Istanbul" genannt, wegen der vielen kleinen Geschäfte von Einwanderern. Am Donnerstagnachmittag kurz nach 14.30 Uhr verwandelt sich "Klein-Istanbul" in eine Hochsicherheitszone. Schwerbewaffnete Polizisten sichern die Straßenkreuzung, Personenschützer bilden eine Gasse vom Eingang der nahgelegenen Apotheke bis zur Midnight-Bar. Ein Dutzend schwarzer Limousinen fährt vor. Aus einer steigt Seehofer, sofort umzingelt von unzähligen Kameras.

Walter Wüllenweber

Baran Celik beobachtet die Szenerie vom Rande des Platzes aus. Still sieht er, wie Seehofer mit seiner Entourage vor der Bar eintrifft, um Blumen niederzulegen. Begleitet wird der Bundesinnenminister vom hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. Seehofer und Bouffier wirken sichtlich betroffen. Sie sprechen mit Angehörigen der Ermordeten und in die zahlreichen Mikrofone, bevor sie nach einer halben Stunde wieder verschwinden. Als die Politiker längst wieder in ihren Wagen sitzen, beginnt Celik zu reden. "Mein Großonkel ist nur wenige Kilometer hier entfernt gestorben", sagt er. "Er war ein herzensguter Mensch."

Gültekin hatte Nachtschicht im Späti

Gökhan Gültekin, der Cousin von Celiks Vater, hatte Nachtschicht im Spätverkauf an diesem Mittwochabend. Seit vielen Jahren arbeitet er hier. Der Späti grenzt an die Shisha-Bar, die der Täter als Ziel seines fremdenfeindlichen Anschlags wählte. Mit einem Kopfschuss sei Gültekin getötet worden, sagt Baran Celik leise. 1979 kam Celiks Großvater nach Deutschland, einige Jahre später sein Vater. "Fast alle Kurden aus unserem Dorf leben in Hanau."

Es sind vor allem Migranten, die sich am Tag nach den Morden am Heumarkt versammeln. Etwa 100 Menschen. Die meisten schweigen oder unterhalten sich gedämpft. Sie bringen Kerzen, legen Blumen nieder, möchten nicht allein sein in ihrer Trauer. Viele von ihnen wollen nicht glauben, dass ein Einzeltäter für die furchtbare Tat verantwortlich ist. "Was tut ihr denn für uns?", ruft ein Mann in Seehofers Richtung. Doch es bleibt bei einem Zornausbruch. Schnell legt sich wieder eine eigentümliche Ruhe über den Heumarkt, unterbrochen nur vom leisen Klicken der Fotoapparate dutzender Journalisten.

"Kommen Sie vorbei"

Baran Celik muss los. Er will die Gedenkveranstaltung am Marktplatz besuchen. Danach trifft sich seine Familie in einem Vereinshaus am Rande von Hanau. Baran Celik sagt: "Wenn Sie wissen wollen, wie es uns jetzt geht – dann kommen Sie vorbei."


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