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Trauer und Wut: "Täter hat dieses Gebiet bewusst ausgesucht" – wie der Anschlag die Menschen in Hanau erschüttert

Es ist Wut, die Bundesinnenminister Horst Seehofer bei seinem Besuch in Hanau entgegenschlägt. Am Rande des Gedenkens schildert ein Trauernder dem stern, wie ihn der Anschlag verunsichert.

Von Isabel Stettin und Frank Brunner, Hanau

Eine junge Muslima spricht über den Anschlag in Hanau

"Was macht ihr Politiker denn?“, schreit ein Mann, als Horst Seehofer an den Tatort kommt. "Was tut ihr dagegen? Alles nur Lügen! Außer zu reden macht ihr nichts." Er wendet sich an die Reporter um ihn herum. Er lebe seit vierzig Jahren in Deutschland. Nun ist er schüttert, "weil Menschen sterben, nur wegen Hass".

Vor der abgesperrten Shisha-Bar "Midnight" am Heumarkt in Hanau sammeln sich am Nachmittag viele kurdisch- und türkischstämmige Bürger. Darunter mischen sich Journalisten, Kamerateams. Viele Jugendliche stehen am Tatort. Menschen legen Blumen nieder, entzünden Kerzen gegenüber vom Tatort.

Trauer in Hanau

Trauernde legten in der Hanauer Innenstadt Blumen nieder und entzündeten Kerzen

DPA

"Täter hat dieses Gebiet bewusst ausgesucht"

Metin Kan, 42 Jahre alt, ist in Deutschland geboren und in Hanau aufgewachsen. Sein Bild will er nicht im Internet sehen. Er und viele seiner Angehörigen leben unweit vom Tatort. Klein-Istanbul wird das Viertel genannt, es gibt viele Dönerbuden, Spielhallen, Wettbüros. "Der Täter hat dieses Gebiet bewusst ausgesucht, weil hier viele Ausländer sind, da bin ich mir sicher", sagt Metin Kan. Er ist zusammen mit Cousins und seiner 16-jährigen Tochter zum Tatort gekommen. Kan ist ein Freund von Sedat C., dem Besitzer der Bar "Midnight", wo gegen 22 Uhr Tobias R. vier Menschen getötet hat.

Hanau: So reagieren Politiker auf die Gewalttat – "Der offenbar rassistische Terror erschüttert mich"

Sedat C. selbst wurde von einem Kopfschuss getroffen. Er kam aus Hatai in der Türkei, wohnte in Dietzenbach, keine 20 Kilometer vom Tatort entfernt. "Jetzt ist er tot." Vor gut zwei Jahren hatte er den Laden eröffnet, erzählt Metin Kan fassungslos. "Er war ein guter Kumpel, wir haben zusammengearbeitet."

Nebenan, im Wettbüro, hatte Kan, der am Frankfurter Flughafen tätig ist, einen Nebenjob an der Theke. "Mein Sohn hat mich gestern Nacht angerufen und mir erzählt, dass es eine Schießerei gab, dass mein Chef unter den Opfern sein soll. Ich hatte gerade Feierabend." Die halbe Nacht hat er mit Verwandten und Freunden telefoniert, Angehörigen geschrieben, um die er sich sorgte. Seine Tochter war im Auto unterwegs. Als Kan gehört hatte, dass der Täter noch unterwegs war, war er unter Schock. "Kommt nach Hause", sagte er zu seinen Kindern. "Da ist ein Attentäter unterwegs."

Wie viele der Trauernden, die am Heumarkt zusammengekommen sind, bezweifelt er, dass nur ein Täter hinter dem Anschlag steht. "Ich kann das nicht glauben." Kan will Videos von Überwachungskameras eines Freundes gesehen haben, Aufnahmen des Todesschützen, die ihn vor der "Midnight"-Bar zeigen. "Ich frage mich, warum dieser Mann erst so spät gefasst wurde warum er so lange nicht frei herumlief."

"Bevor die Politiker nun labern, brauchen wir Hintergründe", sagt er. "Ich fühle mich nicht als Ausländer", sagt Kan. "Ich fühle mich Deutsch." Doch nun kommen Gedanken an den NSU auf.

Seine Tochter steht neben ihm, sie fühle sich "voll integriert". Sie glaubt: "Jetzt wird versucht, das Ganze herunterzuspielen, weil es nur eine Person gewesen sein soll", sagt sie.

Die Bundesanwaltschaft geht derzeit davon aus, das R. alleine gehandelt hat – aber natürlich wollen die Ermittler auch das Umfeld des mutmaßlichen Schützen durchleuchten. Wo sich Tobias R. seine menschenverachtende Ideologie zusammensuchte, wie er sich daraus sein Weltbild zusammenzimmerte und von wem er sich möglicherweise inspirieren ließ, ist noch vollkommen unklar. Das gesellschaftliche Klima dürfte ihm jedenfalls in die Karten gespielt haben. (Lesen Sie mehr dazu hier im stern.)

Folgt auf Hanau mehr als "reden"?

Die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland prangert Versäumnisse des Staates im Kampf gegen rechte Gewalt an. “Wütend sind wir, weil die politischen Verantwortlichen in diesem Land sich rechten Netzwerken und Rechtsterrorismus in diesem Land nicht entschieden entgegenstellen“, betont der Dachverband. Mehrere Opfer von Hanau sollen kurdischer Abstammung sein.

Innenminister Horst Seehofer und seine Kollegen in den Bundesländern versprachen indes, alles für den Schutz aller in Deutschland lebenden Menschen zu tun. Den Gegnern der rechtsstaatlichen Ordnung müsse die Stirn geboten werden, sagte der CSU-Politiker am Nachmittag. "Heute werden Menschen umgebracht. Später, am Hanauer Heumarkt trifft ihn die Wut: "Und es wird wieder nichts passieren, außer dass alle reden", ruft ihm der Mann entgegen.

wue