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Er überlebte 438 Tage auf See : Was macht eigentlich ... José Salvador Alvarenga?

José Salvador Alvarenga kam in Seenot durch einen Sturm beim Fischen, driftete ab und überlebte 438 Tage lang auf dem Pazifik.

Überlebender Schiffbrüchiger José Salvador Alvarenga  fotografiert in der Naehe von Malibu Beach, Kalifornien, November 2015

Wir erwischen Sie in Utah. Was machen Sie dort?

Ich gebe Survival-Training.

Wollen Mormonen wissen, wie man ein Jahr lang allein auf dem Meer überlebt?

Nicht unbedingt auf dem Meer. Sie wollen wissen, wie man in Extremsituationen allein in der Natur überlebt. In Utah, so habe ich erfahren, verirren sich viele in Schluchten und Wüsten.

Ist Survival auf dem Ozean nicht etwas ganz anderes als in der Wüste?

Klar gibt es Unterschiede. Ich habe überlebt, indem ich Quallen und kleine Haie gefangen habe. Aber auch an Land muss man sich am Sternenbild orientieren, Vögel per Hand fangen und eventuell seine eigenen Fußnägel verspeisen.

Wie fängt man Vögel mit der Hand?

Man bleibt völlig regungslos. Nähert sich ganz langsam von hinten. Dann packt man sie an den Füßen. Vor allem lernen die Teilnehmer meines Trainings aber, wie man im Angesicht des Todes mental überlebt.

Dabei sind Sie selbst fast verrückt geworden auf Ihrer Odyssee.

Darum geht es. Wie behalte ich den Verstand in scheinbar ausweglosen Situationen? Niemals aufgeben. Selbstgespräche führen. Beten. Aus Knochen etwas basteln. Sich Tiere als Gefährten halten. Sterne zählen. Aus weichem Holz einen Brei machen. Mein Kompagnon an Bord – Córdoba – ist verrückt geworden und hat sich aufgegeben. Er starb schon nach einigen Wochen.

Wie geht es Ihnen, gut drei Jahre nach dieser sagenhaften Irrfahrt, 438 Tage allein in einem acht Meter langen Boot?

Etwas besser. Ich war in Therapie. Als ich zuletzt mit Ihnen sprach, hatte ich noch Halluzinationen. Das ist zurückgegangen. Albträume aber habe ich noch immer, fast jede Nacht. Ich wache schweißgebadet auf und denke, ich treibe auf dem Pazifik, Tausende Kilometer entfernt vom Land.

Zurück in dem Sturm?

Das auch. Wir wurden ja von den Wellen meterweit hochgerissen und klatschten wieder hin. Tagelang. Mussten ständig Wasser schippen, um nicht unterzugehen. Aber genauso schlimm war diese Ruhe auf dem weiten Pazifik. Die Sonne knallte unerbittlich von oben, kein Land war in Sicht, und wenn mal ein Schiff am Horizont auftauchte, fuhr es weiter, ohne mich in meinem kleinen Boot zu sehen. Das taucht in meinen Albträumen immer wieder auf.

Sind Sie heute ein anderer Mensch?

Absolut. Ich halte jeden Tag in Ehren, den ich auf der Welt bin. Ich trinke nicht mehr, mache keine wilden Partys, springe nicht mehr von einer Frau zur nächsten. Ich habe in einer Kirche sogar eine Predigt gehalten.

Wie ist das Leben daheim in El Salvador?

Gefährlich. Ich wohne mit meiner Tochter und meinen Eltern in Garita Palmera. Mein Land hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Kriminelle Banden töten schon für ein paar Dollar. Sie jagen alle, von denen sie annehmen, dass sie Geld haben.

Also auch Sie.

Alle denken, dass ich durch den Verkauf der Buchrechte reich wurde, aber das ist nicht der Fall. Córdobas Familie wollte Geld, eine Million Dollar, völlig verrückt. Sie warfen mir Kannibalismus vor. Auch der Anwalt und der Agent wollen Geld. Und der Hollywoodfilm ist noch nicht mal gemacht.

Wann ist es so weit?

Ach je, Hollywood! Das dauert manchmal zehn Jahre, hat man mir gesagt. Aber im nächsten Jahr ist hoffentlich Drehbeginn.

Fahren Sie noch raus zum Fischen?

Nein, noch nicht ein einziges Mal. Alles – nur das nicht.

Überlebender Schiffbrüchiger José Salvador Alvarenga  fotografiert in der Naehe von Malibu Beach, Kalifornien, November 2015