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Tornado zerstörte US-Kleinstadt: Joplin - wie das Ende der Welt

Zehn Kilometer lang und 1000 Meter breit ist die Tornadoschneise, die die US-Kleinstadt Joplin quasi ausgelöscht hat. Viele Bewohner haben wie durch ein Wunder überlebt.

Von Niels Kruse

Es sieht aus, wie ein Kriegsgebiet". "So ein Ausmaß an Zerstörung habe ich noch nie gesehen." "Die ganze 20. Straße ist verwüstet. Der größte Supermarkt - kaputt, ebenso ein großes Wohnhaus und Kirchen." Die ersten Reaktionen der Augenzeugen aus Joplin, Missouri, klingen erschreckend. Schon seit Monaten toben über den USA Wirbelstürme, doch so schlimm wie den 50.000-Seelen-Ort in Mittleren Westen hat es bislang keine Gegend getroffen. Ein gigantischer Tornado hat geschätzte 75 Prozent der Kleinstadt dem Erdboden gleich gemacht. Offizielle Opferzahlen gibt es noch nicht, zuletzt war die Rede von 89 bestätigten Todesfällen.

Die Lokalzeitung "The Joplin Globe" zitiert einen Meteorologen mit den Worten: "Es war ein rechtsdrehender und damit besonders zerstörerischer Tornado". Einen Durchmesser von bis zu 1,2 Kilometer soll der Monstertwister gehabt haben, als er eine gewaltige Schneise der Verwüstung schlug. Erste Luftbilder zeigen, dass sie etwa zehn Kilometer lang und einen Kilometer breit ist. Die Stadträtin Melodee Colbert-Kean sagte, im Süden und Osten des Ortes herrsche völlige Zerstörung.

Seit Mitte April sind Teile der USA von einer ungewöhnlichen Tornadoserie betroffen. Begonnen hatte sie am 16. des Monats, als innerhalb von nur drei Tagen in 13 Bundesstaaten - vom Mittleren Westen bis in den Südosten - 243 Wirbelstürme gezählt wurden. Fast 50 Menschen kamen dadurch ums Leben. Ein Sturmsystem dieses Ausmaßes über einen so kurzen Zeitraum habe es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in den USA noch nie gegeben, sagte ein Meteorologe damals. Nur elf Tage später starben mehr als 340 Menschen bei einer neuen Serie von 150 Wirbelstürmen im Süden der Vereinigten Staaten. Nun traf es Joplin.

"Woran auch immer Sie denken, es wurde platt gemacht"

Justin Schlesselman, Wal-Mart-Mitarbeiter, war gerade an der Rückseite des Supermarkts, als er das Getöse des heraufziehenden Sturms hörte. Das Dach fing an zu wackeln, dann gab es ein riesiges Krachen und die Decke stürzte ein. Der Securitymann bekam Trümmerteile ab und ging kurz K.o.. "Die Leute sind ausgerastet und schrien um Hilfe", sagte er dem "Joplin Globe". "Es waren bestimmt 150 Menschen im Laden. Ich weiß nicht, wie viele es rausgeschafft haben."

"Geschäfte, Wohnkomplexe, Häuser, Autos, Bäume, Schulen, woran auch immer Sie denken, es wurde platt gemacht", sagte Melodee Colbert-Kean der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ein Krankenhaus wurde getroffen. "Das Dach ist weg", sagte die Sprecherin einer benachbarten Klinik. Mehrere Patienten seien verletzt worden, mindestens 100 mussten in Sicherheit gebracht werden. Angeblich soll es dort auch kurzzeitig gebrannt haben.

Feuerwehrleute mussten sich selbst befreien

Mehrere Familien hatten während des Tornados Zuflucht im Kühlraum eines Steak-Restaurants gesucht. "Ich bin nur dankbar, dass wir überlebt haben", sagte eine Frau, die mit Ehemann und Kindern in der Kälte und Dunkelheit der Kammer ausgeharrt hatte. Die Leiterin einer Konzerthalle beschrieb, wie Hunderte Menschen dort auf der Suche nach einer Unterkunft und medizinischer Hilfe zusammenkamen. Ein weiteres Problem für Opfer und Helfer war der Ausfall der Strom- und Telefonnetze, der die Rettungsarbeiten erschwert.

Wegen des Stromausfalls ist es den Experten auch noch nicht möglich, die genaue Stärke des Tornados zu berechnen. Dazu müsse erst Kontakt mit der Wetterstation von Joplin aufgenommen werden, so Bill Davis, Meteorologe aus Springfield, Missouri. Er schätzt allerdings, dass der Wirbelsturm auf einer Skala zwischen 1 und 10, irgendwo zwischen 8 und 9 liegen werde. Weil der Wirbelsturm von Regen und Hagel verhüllt war, konnte seine Zerstörungskraft zudem nicht rechtzeitig vorhergesagt werden.

Mike Bettes ist einer der Meteorologen eines Wettersenders, die den ungeheuren Tornado verfolgt hatten. Er sagte laut "New York Times", dass auch Feuerwehrleute verschüttet wurden und sich erst selber aus den Trümmern retten mussten. Er und seine Kollegen, die für die Show “The Great Tornado Hunt” Wirbelstürme filmen, erreichten Joplin zehn Minuten nachdem der Twister den Ort verwüstet hatte. Noch Stunden später sei die Situation in dem Ort sehr ruhig gewesen. "Und dunkel. Das einzige Licht das wir sahen, stammte von den Krankenwagen."

Gefahr durch Tornados bleibt weiter bestehen

Der Tornado legte nicht nur teilweise die Stromversorgung und das Telefonnetz lahm, er beschädigte auch die Kanalisation und löste Brände aus. Auf Fotos des Katastrophengebietes waren von Häusern aufsteigende schwarze Rauchwolken zu sehen. Das Wrack eines Rettungshubschraubers lag inmitten der Trümmer der St. John-Klinik. In Joplin sei nichts mehr wiederzuerkennen, sagte der 23-jährige Jeff Law laut "Springfield News-Leader". "Das ist wie das Ende der Welt."

Der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, rief wegen der Katastrophe den Notstand aus und forderte die Nationalgarde zur Bewältigung der Katastrophe an. Zugleich warnte er vor weiteren schweren Stürmen. "Sie haben enorme Schäden in Missouri angerichtet und sie stellen weiter ein bedeutendes Risiko für Leben und Besitz dar", so Nixon. US-Präsident Barack Obama sprach den Katastrophenopfern sein Mitgefühl aus und würdigte die Arbeit derer, die "in dieser sehr schweren Zeit" ihren Freunden und Nachbarn helfen. Seine Regierung stehe bereit, den Betroffenen zu helfen.

mit Agenturen
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