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Unwetter auf Madeira: "Es ist wie in einem Horrorfilm"

Dutzende Tote und mehr als 100 Verletzte - das ist die erste Bilanz der Unwetterkatastrophe auf Madeira. Die Blumeninsel, die "Perle des Atlantiks", versinkt in Schlamm und Geröll.

Sturzbäche in den Straßen, niedergerissene Brücken, schlammgeflutete Häuser, entwurzelte Bäume: Die portugiesische Ferieninsel Madeira bietet ein Bild der Verwüstung. Nach stundenlangem Regen, angepeitscht von heftigen Sturmböen, gab es für die Fluten kein Halten mehr: Die Wassermassen überschwemmten Teile der Inselhauptstadt Funchal und sorgten weit über die Hauptstadtregion hinaus für Erdrutsche. Dutzende Menschen kamen dabei auf der "Perle des Atlantiks" ums Leben.

Straßen verwandeln sich in Flüsse

"Das war schrecklich und äußerst beängstigend", sagt Neusa Abreu in der Inselhauptstadt Funchal. "Die Straßen hatten sich regelrecht in Flüsse verwandelt. Wir sahen sogar eine Leiche vorbeitreiben." Allein in der Hauptstadt der rund 500 Kilometer vor der Westküste Afrikas gelegenen "Blumeninsel" zählte die Feuerwehr bislang 17 Leichen gezählt. Insgesamt starben auf der auch bei deutschen Touristen sehr beliebten Urlaubsinsel mindestens 40 Menschen. Und: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir weitere Leichen finden", sagt Funchals Bürgermeister Miguel Albuquerque.

Im niedriger gelegenen Teil von Funchal, direkt am Ufer des Atlantiks, wurden wegen Einsturzgefahr mehrere Häuser evakuiert. "Unser Hotel wurde geräumt, es liegt nahe am Fluss und uns wurde gesagt, es bestehe die Gefahr, dass der Boden nachgibt", sagt der 27-jährige Franzose Aymeric Payan, der in einem Hotel im Zentrum der Stadt als Bäcker arbeitet. Ganze Straßen wurden einfach weggespült. "Hier war einmal ein Kreisverkehr", sagt Payan fassunglos. In manchen Häusern steht der feuchte Schlamm bis in den ersten Stock. Die Feuerwehr errichtet Absperrungen in den Straßen und versucht, das Wasser so ins Meer abzuleiten.

"Wie in einem Horrorfilm"

"Überall Wasser, Schlamm und Schotter. Es ist wie in einem Horrorfilm", berichtet ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP aus Funchal. "Die Straßen sind von Gesteinsbrocken blockiert, Brücken eingestürzt, viele Häuser zerstört."

Auf eine solche Tragödie war niemand vorbereitet. Allein in einer Stunde fielen 52 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel. "So etwas konnten wir nicht vorhersehen, das war unglaublich", so die Sprecherin des Meteorologischen Instituts. Bewohner klagten unterdessen, dass die Behörden in den ersten Stunden kaum Hilfe geleistet hätten. "Wir sind doch ein Land der dritten Welt", schimpft Rentner Silva. Von schlimmen Tragödien ist die wegen der prächtigen Pflanzenwelt als "Blumeninsel" bekannte Madeira bislang ebenso weitgehend verschont geblieben wie von anderen Übeln wie Kriminalität. 1993 starben bei Unwettern acht Menschen, 1929 gab es 32 Tote. Reiseveranstalter preisen die Insel als "Friedensoase".

In der Nacht zum Samstag hatte sich der Dauerregen auf der Atlantikinsel zu sintflutartigen Wolkenbrüchen entwickelt. Bewohner erzählen von Niederschlägen mit tropischer Gewalt. Hinzu kamen Sturmböen mit Geschwindigkeiten von mehr als hundert Stundenkilometern. "Das Meer ist ganz braun und es schlagen enorme Wellen hoch", berichtet Margarida Freitas Vieira.

Verwaltungsmitarbeiter zu Aufräumarbeiten verpflichtet

Als sich das Wetter dann endlich beruhigt, rücken Baufirmen an. Sie übernehmen die groben Arbeiten. Und die Behörden haben Verwaltungsmitarbeiter zu Aufräumarbeiten zwangsverpflichtet. Aber vor allem versuchen die Bewohner, sich so gut wie möglich selbst zu helfen und zu retten, was zu retten ist. Es herrschen chaotische Zustände auf der Insel, die wegen ihres milden Klimas und der malerischen Landschaft beliebt ist. Jedes Jahr kommen 850.000 ausländische Besucher, die meisten aus Großbritannien und Deutschland. Bei dem Unwetter soll kein ausländischer Tourist zu Schaden gekommen sein.

Die Zentralregierung in Lissabon kündigte umgehend Hilfe an. Ministerpräsident José Sócrates spricht den geschockten Menschen auf Madeira Mut zu. Er reiste auf die 900 Kilometer von Lissabon entfernte Insel, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen und Unterstützung anzubieten. Und auch einer der berühmtesten Söhne Madeiras, Fußballkünstler Cristiano Ronaldo, zeigt seine Anteilnahme. "Im Rahmen seiner Möglichkeiten" wolle er bei der Bewältigung der Katastrophe helfen, versprach der 1985 in Funchal geborene Ausnahmefußballer. "Dies ist eine nie dagewesene Tragödie."

Gregorio Cunha/AFP / AFP