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Überflutungen: Venedig: Regionalrat stimmt gegen Klimaschutz – Minuten später steht der Sitzungssaal unter Wasser

Venedig wird derzeit vom schlimmsten Hochwasser seit mehr als 50 Jahren heimgesucht. Gleichzeitig stimmt der Regionalrat in einer Sitzung gegen mehr Klimaschutz. Nur Minuten später dringen die Fluten in den Sitzungssaal ein.

Es ist an Ironie fast nicht zu überbieten: Nur Minuten, nachdem der Regionalrat in Venedig gegen Maßnahmen für mehr Klimaschutz gestimmt hat, werden die zuständigen Beamten mit den unmittelbaren Folgen extremer Wetterphänomene konfrontiert: Der gesamte Sitzungssaal im Palazzo Ferro Fini, wo der Rat tagt, läuft voller Wasser.

Der Abgeordnete Andrea Zanoni machte am späten Mittwochabend Fotos der Situation und postete sie auf Facebook. Darauf ist zu sehen, wie mehrere Räume in dem Verwaltungsgebäude am Canal Grande kniehoch unter Wasser stehen. Venedig wurde an diesem Abend nach stundenlangem Regen und heftigem Wind komplett überschwemmt.

LA LEGA DI ZAIA VOTA CONTRO I NOSTRI EMENDAMENTI SUL CONTRASTO AI CAMBIAMENTI CLIMATICI E DOPO DUE MINUTI L’AULA...

Gepostet von Andrea Zanoni am Mittwoch, 13. November 2019

Maßnahmen für mehr Klimaschutz wurden abgelehnt

Zuvor hatten die Mitglieder des Rates über den Haushalt für 2020 abgestimmt. Zanonis Partei, "Italia dei Valori" (dt. etwa "Italien der Werte"), hatte nach seinen Angaben auf Facebook an diesem Abend diverse Änderungsanträge für den Haushaltsentwurf eingebracht. Doch die Abgeordneten der rechtskonservativen Koalition aus "Lega", "Fratelli D'Italia" und "Forza Italia" stimmten gegen die Vorschläge der "Valori". Dazu zählten zum Beispiel mehr Mittel zur Bekämpfung von Plastikmüll, der Umstieg auf erneuerbare Energien und die Abschaffung alter Öfen. 

Ratspräsident Roberto Ciambetti von der "Lega" postete ebenfalls Aufnahmen aus dem Palazzo Ferro Fini. Darauf ist zu sehen, wie sich das sprudelnde Wasser seinen Weg durch das Gebäude bahnt. 

Noch nie in der Geschichte des Regionalrats von Venetien sei der Palazzo Ferro Fini unter Wasser gestanden, schrieb Zanoni auf Facebook weiter. In seinen Augen ist das Hochwasser eine direkte Folge des Klimawandels, der seine Stadt besonders bedrohe.

"Katastrophe" für Venedig

Dass die "Lega" zusammen mit anderen Parteien ausgerechnet jetzt gegen mehr Klimaschutz gestimmt habe, bezeichnete er als "Ironie des Schicksals". Zanoni ging aber noch weiter: "Wenn die Wähler von Venetien weiterhin die Augen verschließen, wird die 'Lega' uns alle unter Wasser ziehen", so der Politiker auf Facebook.

In einem zusätzlich geposteten Video aus dem Inneren des Verwaltungsgebäudes schilderte Zanoni die Szenen, die sich während des Hochwassers abspielten. Das Ganze sei eine "Katastrophe" für seine Stadt. Er und andere hätten sich auf Treppen geflüchtet, um nicht nass zu werden, sagte er darin unter anderem. 

"Lega"-Politiker Ciambetti wehrte sich gegen die Vorwürfe. Dem US-Sender CNN sagte er, der Regionalrat habe in den zurückliegenden drei Jahren unter seiner Führung 965 Millionen Euro in Maßnahmen gegen Luftverschmutzung gesteckt habe, was sich ja auch positiv auf den Klimawandel auswirke.

Schlimmstes Hochwasser in Venedig seit mehr als 50 Jahren

Venedig kämpft seit Tagen immer wieder mit Hochwasser. Mitte der Woche stieg der Pegel auf 1,87 Meter über dem Meeresspiegel – höher stand das Wasser nur einmal, nämlich 1966 (1,94 Meter). Mehr als 90 Prozent der Stadt waren überflutet.

Nachdem das Wasser anschließend wieder zurückging, stieg es am Freitag erneut auf über 1,50 Meter an. Es regnete lange; starker Wind drückte die Fluten zurück in die Stadt und Bürgermeister Luigi Brugnaro sprach von einem "weiteren Tag des Alarms".

Schuld am verheerenden Hochwasser ist in Brugnaros Augen hauptsächlich der Klimawandel. Aber auch das immer noch nicht in Betrieb genommene Flutschutzsystem "Mose" dürfte eine Rolle spielen. Seit Jahren wird um das Bollwerk gestritten. Bürokratie, Korruption und Skandale verzögern den Bau. Die ausfahrbaren Barrieren sollen nun 2021 fertig sein. Doch selbst wenn es irgendwann funktionieren sollte: Kritiker bezweifeln, dass es der Stadt überhaupt von Nutzen sein wird.

Quellen: CNN, Andrea Zanoni auf FacebookRoberto Ciambetti auf Facebook, DPA