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Volksbank Lauenburg: Plünderer im eigenen Haus

Es ist ein Wirtschaftskrimi, der in der deutschen Kriminalgeschichte seines gleichen sucht: Der Ex-Chef einer Volksbankfiliale und ein Kommunalpolitiker sollen die Bank regelrecht ausgeraubt haben. Im Prozess geht es um faule Millionenkredite und Verbindungen zur organisierten Kriminalität.

Von Kerstin Schneider

Die Wahrheitsfindung ist bisweilen ein mühseliges Geschäft. Draußen prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben des Saals 163 im Landgericht Lübeck. Der Wind reißt die Blätter von der Kastanie, die vor dem schmucklosen Kastenbau aus den 70er Jahren dem Unwetter trotzt. Im Gerichtssaal rauscht die Heizung auf Hochtouren. Die Große Strafkammer hat an diesem grauen Novembermorgen einen Wirtschaftskrimi zu verhandeln, der in der deutschen Kriminalgeschichte wohl seines gleichen sucht.

Auf der Anklagebank sitzt Johannes Carsten Heitmann, früher Chef der Volksbank in Lauenburg. Er trägt einen dunklen Anzug ohne Krawatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, gemeinsam mit seinem ebenfalls angeklagten Komplizen, dem ehemaligen Rechtsanwalt und SPD-Kommunalpolitiker Hauke Hillmer, die Volksbank Lauenburg regelrecht ausgeplündert zu haben. Hillmer saß im Aufsichtsrat der Bank. Die beiden Männer sollen das kleine Geldinstitut an der Elbe mit faulen Millionenkrediten fast in den Ruin getrieben haben.

Etwa 60 Millionen Euro musste der so genannte Feuerwehrfond, also die Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken, in die Volksbank pumpen, um das Geldinstitut vor der Pleite zu retten. Die Bankenaufsicht erstattete Strafanzeige, drohte, die Volksbank Lauenburg zu schließen. Ein Teil des Geldes versickerte laut Anklage in einem komplizierten Firmengeflecht, an dem Heitmann und Hillmer beteiligt waren. Heitmann selbst soll sich laut Anklage etwa 70.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Plünderer in Nadelstreifen

In diesem Prozess steht also ein Bankchef vor Gericht, der seine eigene Bank ausgeraubt haben soll, und zwar nicht mit vorgehaltener Waffe, sondern mit Hilfe eines willfährigen Aufsichtsrates, der alle Kredite absegnete, die der Chef ihm vorlegte. Dabei soll Heitmann laut Anklage unter anderem Blankokredite an Strohmänner vergeben haben. Heitmann und Hillmer bestreiten die Vorwürfe. Zwei weitere Mitglieder des Aufsichtsrates sind jedoch in einem ersten Prozess bereits zu Bewährungsstrafen verurteilt worden.

Inzwischen hat auch die Staatsanwaltschaft Hamburg in Sachen Volksbank Lauenburg Anklage gegen Bashkim und Burim Osmani erhoben. Die beiden Albaner, die der Bundesnachrichtendienst in einem vertraulichen Papier einmal in die Nähe der organisierten Kriminalität rückte, sollen Bankchef Heitmann dazu gebracht haben, über Strohmänner rund 36 Millionen Euro an Krediten locker zu machen, ohne dafür die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheiten zu verlangen. Inzwischen ist Haftbefehl gegen die Brüder ergangen. Während Burim Osmani derzeit in Nürnberg in U-Haft sitzt, wurde Bashkim Osmani vor einigen Wochen in Begleitung des Filmstars Til Schweiger vor seiner gelb getünchten Villa in der istrischen Stadt Rovinj an der Adria gesichtet. Die Gebrüder bestreiten vehement, mit organisierter Kriminalität zu tun zu haben. Auch in Sachen Volksbank Lauenburg fühlen sie sich unschuldig.

Rückzahlung "unerheblich"

Es ist der 14. Verhandlungstag vor dem Landgericht Lübeck. Um kurz nach neun Uhr stellt Hillmers Anwalt den ersten Beweisantrag. Der Verteidiger referiert die Vermögensverhältnisse des Ex-Anwalts, will darauf hinaus, dass die Kredite, die Hillmer von der Volksbank bekommen hat, zurückgezahlt worden wären. Hillmer spielt nervös mit dem blauen Kugelschreiber in seiner Hand. Auch er trägt einen dunklen Anzug ohne Krawatte. Die Untersuchungshaft hat ihm tiefe Furchen ins Gesicht geschnitten. Er ist abgemagert. Erst vor wenigen Monaten wurde Hillmer wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hat seine Zulassung als Anwalt zurückgegeben, kam damit der Anwaltskammer zuvor. Hillmer droht wie Heitmann eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren.

Der Staatsanwalt beantragt, den Beweisantrag des Verteidigers zurückzuweisen. "Die behaupteten Tatsachen" seien für die Entscheidung des Gerichts "bedeutungslos", schmettert er. Geduldig erklärt er dem Anwalt, wann nach den Buchstaben des Gesetzes eine Untreue vorliegt. Ob Hillmer Geld genug hatte, um die Kredite zurückzuzahlen, sei nicht die Frage. Es gehe vielmehr darum, dass die Sicherheiten, die nach dem Kreditwesengesetz (KWG) vorgeschrieben seien, nicht beigebracht wurden. Das allein erfülle den Tatbestand der Untreue.

Die drei Richter und zwei Schöffen ziehen sich zur Beratung zurück, um über den Beweisantrag zu entscheiden.

Eine dreiviertel Stunde Pause. Gebe es einen Preis für die heimeligste Gerichtskantine, er ginge wahrscheinlich nach Lübeck. Die Kantine liegt im siebten Stock über den Dächern der Stadt. Eine Fensterfront beschert den Besuchern den wohl besten Blick auf die sieben Türme Lübecks. Zwischen den Fenstern hängen Kerzen an der Wand. Es gibt "Kaffee satt" für 1,50 Euro.

Um 10.15 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Die Richter verkünden ihren Beschluss. Sie folgen dem Staatsanwalt. Der Beweisantrag wird zurückgewiesen, weil die behaupteten Tatsachen für das Urteil "bedeutungslos" seien. "Davon hätte ich gerne eine Kopie", bellt einer der vier Anwälte, die Hillmer und Heitmann verteidigen. Wieder wird die Verhandlung unterbrochen. Eine Justizangestellte eilt zum Kopierer. Eine halbe Stunde hat sie Zeit. "Man kann seinen Vormittag auch angenehmer verbringen", sagt Hillmer, kurz bevor er von den Justizwachtmeistern wieder nach draußen in die Zelle geführt wird.

Als die Verhandlung gegen elf Uhr fortgesetzt wird, stellt Hillmers Anwalt den nächsten Beweisantrag. Wieder geht es darum, dass gewährte Kredite hätten zurückgezahlt werden können. Wieder beantragt der Staatsanwalt, den Beweisantrag zurückzuweisen, weil das für die Entscheidung des Gerichts "bedeutungslos" sei. Wieder zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. 15 Minuten lang.

Der Mann am Geldhahn

Zuschauer, Angeklagte, die Verteidiger und die beiden Staatsanwälte, dürfen im Saal bleiben. Heitmann winkt die blonde Justizwachtmeisterin zu sich heran, wie ein Chef, der seine Angestellte herbeizitiert. Er will offenbar auf die Toilette.

Der biedere Banker lernte die Osmani-Brüder über Hillmer kennen. Vor allem mit Bashkim Osmani verstand sich Heitmann auf Anhieb. Der eloquente Albaner hatte wie Heitmann einen Faible für Fußball, war sogar Teilhaber einer Firma, die Bundesligaspieler vermittelte. Heitmann und Osmani trafen sich oft beim HSV. Der zugeknöpfte Banker bot seinem neuen Freund schnell das "Du" an. "Heidi" nannte Bashkim Osmani den Filialleiter, den nur enge Freunde mit seinem Spitznamen rufen durften.

Heitmann besuchte Osmani sogar auf dessen Landsitz auf Mallorca. Später wunderten sich Nachbarn über die Nobelkarossen, die auf dem Parkplatz hinter der Volksbank Lauenburg oft zu sehen waren: ein dunkler Maserati und ein Porsche Cayenne. Die Autos der Gebrüder Osmani.

Ob Heitmann inzwischen ahnt, dass die Brüder Osmani, wie die Staatsanwaltschaft glaubt, nur so einen gesucht hatten wie ihn: Einen, der den Geldhahn auf- und zudrehen konnte, wann immer sie es wollten? Die Justizwachtmeisterin führt Heitmann hinaus. Der Staatsanwalt geht vor der Fensterfront des Saals auf und ab. Plötzlich ertönt eine Klingel. Richter und Schöffen betreten den Saal. Die Beratung ist zu Ende.

Der Vorsitzende Richter verliest seinen Beschluss. Der Beweisantrag wird abgelehnt. Grund: Die "behaupteten Tatsachen" seien für das Urteil "bedeutungslos". Mit anderen Worten: Der Anwalt hätte sich auch diesen Beweisantrag sparen können, weil die darin behaupteten Tatsachen für das Urteil der Richter keinerlei Bedeutung hat.

Gutachter nicht nötig

Kaum hat das Gericht den Beschluss verkündet, stellt Hillmers Anwalt den nächsten Beweisantrag. Es ist sein gutes Recht. Anwälte können so viele Beweisanträge stellen, wie sie wollen. Der Anwalt hat bei einem Berliner Wirtschaftsprüfer ein Gutachten in Auftrag gegeben über die Frage, ob im Fall Volksbank Lauenburg eine Untreue vorliegt oder nicht.

Der Anwalt liest aus dem sicher sehr teuren Gutachten vor. Der Wirtschaftsprüfer hat durchaus "Formverletzungen bei der Kreditvergabe" festgestellt. Allerdings gibt er den Genossenschaftsverbänden die Schuld, die dem Treiben der Volksbank früher ein Ende hätten setzen müssen. Um dies zu belegen, unternimmt der Gutachter einen Ausflug in die "Bankenkrise der 30er Jahre". Heitmann blickt an die Decke ins kalte Neonlicht. Hillmer massiert mit sich mit beiden Händen die Schläfe. Ein Justizwachtmeister hat die Beine lang ausgestreckt. Er liegt mehr auf seinem Stuhl, als dass er sitzt. Nur der Staatsanwaltschaft lauscht wie ein Wachhund auf dem Sprung. "Ich unterlasse es mal, die ganze Literaturliste vorzulesen", sagt Hillmers Anwalt. Irgendwo auf den Zuschauerrängen, in den hinteren Reihen, löst sich ein erleichtertes Seufzen.

Der Richter nickt und wendet sich dem Staatsanwalt zu. Ob er Zeit brauche, um seine Stellungnahme zu formulieren. Der Staatsanwalt schüttelt den Kopf. Ruhig im Ton, ohne jedes Zeichen von Ungeduld, führt er aus, dass das Gericht den Gutachter des Verteidiger nicht braucht, weil es selbst in der Lage sei, die Rechtsfrage zu klären, wann der Straftatbestand einer Untreue erfüllt sei. Wieder wird die Verhandlung unterbrochen, damit das Gericht über den Beweisantrag entscheiden kann. In der Gerichtskantine duftet Holsteiner Kartoffelsuppe mit Rauchfleisch. Es hat aufgehört zu regnen.

Als die Verhandlung gegen 14 Uhr fortgesetzt wird, braucht der Vorsitzende Richter keine 30 Sekunden, um seinen Beschluss zu verkünden. Der Beweisantrag wird abgewiesen. Das Gericht verfüge selbst über die nötige "Sachkunde", zu entscheiden, wann der Straftatbestand einer Untreue erfüllt und wann nicht. Die Sitzung ist geschlossen. Die Verteidiger haben für die nächste Verhandlung in dieser Woche noch mehr Beweisanträge angekündigt. Es gibt eine lange Liste mit Terminen – bis ins nächste Jahr hinein. Die Wahrheitsfindung ist bisweilen ein mühseliges Geschäft.

  • Kerstin Schneider