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Wigald Boning "Irre - eine Wasserleitung!"


Die meisten kennen Wigald Boning als schrägen Komiker. Doch seit er die Bundeswehr in Afghanistan besucht hat, setzt sich Boning massiv für dieses Land ein. Im stern.de-Interview spricht der TV-Entertainer über seine Erkenntnis, dass die Welt ungerecht ist - und über den Luxus einer Wasserleitung.

Es war nur eine harmlose Teilnahme bei einer Promi-Rateshow. Doch für Wigald Boning hatte dies große Folgen: Zusammen mit Barbara Eligmann erspielte der TV-Entertainer bei Jörg Pilawa 150.000 Euro und spendete sie dem Verein Lachen Helfen e.V., der mit dem Geld den Aufbau von zwei Schulen und zwei Krankenhäusern in Afghanistan finanzierte. Kurz darauf lud ihn die Bundeswehr ein, sich vor Ort anzusehen, wie das von ihm gespendete Geld eingesetzt wurde. Boning nahm die Einladung an - und erlebte eine Reise in eine andere Welt.

Herr Boning, wir kannten Sie bisher als Komiker, Moderator und Blödelbarden. Sind Sie jetzt auf einmal ein guter Mensch geworden?

Ich wurde angefragt, mit Barbara Eligmann beim Starquiz von Jörg Pilawa mitzumachen und für einen guten Zweck zu spielen. Da habe ich gleich zugesagt. Dann haben wir 150.000 Euro gewonnen und diese an "Lachen Helfen e.V.", eine Privatinitiative deutscher Soldaten zur Hilfe für Kinder in Kriegs- und Krisengebieten, gespendet. Sollte ich also ein "guter Mensch" geworden sein, so hat das äußerst profane Hintergründe.

Sie haben sich vorher noch gar nicht mit Afghanistan beschäftigt?

Ich lese zwar die Zeitungen, hatte aber keine tiefer gehenden Kenntnisse. Dann rief die Bundeswehr an und lud mich zur Einweihung von den zwei Schulen und den zwei Krankenhäusern ein, die mit unserer Spende finanziert wurden. Da habe ich sofort zugesagt.

Es ist aber schon ein Unterschied, ob man einen Quiz-Gewinn einfach spendet oder sich die Hilfe vor Ort anguckt.

Ja, allerdings. Die Woche in Afghanistan war ein permanenter Overflow an neuen Eindrücken. Und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen habe ich die Bundeswehr von einer völlig anderen Seite kennengelernt. Als Zivildienstleistender in den 80er Jahren waren die Soldaten die, die am Wochenende die Züge blockierten. In Afghanistan war ich gezwungen, all meine Vorurteile innerhalb kürzester Zeit über Bord zu werfen. Zum anderen hat sich natürlich mein Afghanistan-Bild geändert. Der Norden, wo die Bundeswehr unterwegs ist, ist die ärmste Region im viertärmsten Land der Welt, die Lebenserwartung beträgt durchschnittlich 42 Jahre. Dies sind recht abstrakte Ziffern, wenn man es nicht mit eigenen Augen sieht. Am ehesten kann man sich vorstellen, man nimmt eine Zeitmaschine und reist ins Mittelalter. Das Moderne ist dann ein Rolex-Imitat am Arm des Dorfältesten und Gummistiefel, die er an den Füßen hat.

Wie funktioniert ein Land, in dem 83 Prozent der Menschen nicht lesen können?

Das ist alles kurz vor knapp. Als wir da waren, hieß es, wenn es in der nächsten Woche nicht regnet, gibt es hier existenzielle Probleme, beispielsweise das Überleben der eigenen Kinder. Wir sind in einen sehr abgelegenen Ort gefahren, um anzuschauen, wie der Schulbetrieb hier aussieht. Da sind völlig abgewrackte, zerrissene Zelte, bestehend aus Zementsäcken oder Getreidesackplanen, die man zusammengenäht hat. In so einem Zelt gehen ein paar Hundert Kinder zur Schule. An dem Tag habe ich mich sehr lange mit dem Dorfältesten unterhalten. Und der hat gar nicht gejammert, sondern meinte: "Wir sind seit 500 Jahren hier, wir kommen klar. Wir haben Wasser und Gemüse und Schafe und damit kommen wir hin." Als ich dann wieder in Deutschland war, hatte ich einige Tage ernsthafte Probleme, den Lebensstil, den man hier pflegt, zu akzeptieren, ohne in Depressionen zu verfallen oder aggressiv zu werden. Es war eine Lehrstunde. Ich habe gesehen, dass die Welt ausgesprochen ungleich, wenn nicht sogar ungerecht aufgebaut ist.

In Afghanistan sind Sie völlig unbekannt. Wie haben die Menschen Sie empfangen? Waren Sie der Onkel mit dem Geld in der Tasche?

Die Menschen in den Dörfern haben selten Europäer gesehen, die nicht Uniform tragen. Dadurch war ich schon mal ein Blickfang. Ich habe zudem versucht, die Landessprache Dari zu sprechen. Das kam gut an. Ausgesprochen beschämend war, als der Dorfälteste zu mir kam und sagte: "Und wenn Sie irgendwann mal in Ihrem Leben irgendein Problem haben sollten, kommen Sie zu mir und ich werde Ihnen mit allem, was mir zur Verfügung steht, helfen." Das sagt jemand, der noch nicht einmal genug Wasser zum Überleben hat. Dabei ist das gar nicht mein Geld, ich habe doch nur gemeinsam mit Barbara Eligmann bei Jörg Pilawa ein paar Fragen beantwortet.

Dieser Besuch war also nicht der Abschluss eines Engagements, sondern könnte der Beginn sein für eine längerfristige Hilfe?

Ich weiß noch nicht genau, wie ich da vorgehen werde. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, Dörfern Schulen zu spenden, wenn vor Ort keine Lehrer zur Verfügung stehen. Gedanken mache ich mir schon, selbst wenn das alles Tropfen auf den heißen Stein sind. Allein schon der Einsatz der Bundeswehr: Das sind beispielsweise 300 in Leute in Feyzabad für ein Gebiet so groß wie Niedersachsen. Tatsache ist allerdings: Es gibt überhaupt keine Alternative zu dem, was die Isaf in Afghanistan unternimmt.

Das heißt aber auch, dass Militärpräsenz auf Jahre, wenn nicht über Jahrzehnte notwendig sein wird.

So ist es. Momentan wird das Mandat immer um ein Jahr verlängert. Aber Jahrzehnte sind eher die Zeiträume, in denen man denken muss. Es gab 30 Jahre Krieg, 30 Jahre keinen Schulunterricht, das ist eine vormoderne Gesellschaft im Mittelalter. Viele Lebenslügen der Politik sind mir aufgefallen. Zum Beispiel die Vorstellung, dass man mit einem Schlag die Gleichberechtigung der Frau durchsetzen kann. Das geht einfach nicht so schnell. Das hat in Europa auch Jahrhunderte gedauert. Ich habe keine Frau ohne Burka gesehen, die Frauen haben etwas dagegen, sie auszuziehen. Es geht jetzt darum, Sicherheit zu schaffen. Dann kommen Schulbildung und medizinische Versorgung. Das ist schon eine derartige Sisyphusaufgabe für Jahre.

Wenn man das alles gesehen hat und zurück nach Deutschland kommt und dort das häufige Lamentieren über die Zustände im Land hört: Verliert man da manchmal ein bisschen die Geduld?

Nein. Die ersten Tage bekam ich aber tatsächlich Aggressionsschübe. Wenn man das Elend in Afghanistan gesehen hat, fällt zunächst einmal auf, dass die Menschen hier Strom und fließend Wasser haben und nicht verhungern. Das ist ein großer Unterschied. Jede Lebenswelt hat andere Bedingungen und hier wird Armut anders definiert.

Gab es nach Ihrer Heimreise den Punkt, an dem Sie gesagt haben, ich kann jetzt keine Witze reißen, nach dem, was ich gesehen habe?

Ich bin ja zum Glück nicht der große Witzereißer. Bei "Clever" geht es um wissenschaftliche Phänomene, die ich auf meine natürliche Art erkläre. Und bei "Genial Daneben" bin ich auch nicht der große Schenkelklopfer. Die Zeiten des Blödelbardens liegen schon zwölf Jahre zurück. Aber in der Tat: In den ersten Tagen habe ich mich schon gefragt, ob es nicht sinnvollere Möglichkeiten gibt, mich einzubringen.

Würden Sie sagen, dass Sie durch den Afghanistan-Besuch ein anderer Mensch geworden sind?

Ein anderer Mensch wäre zu hoch gegriffen. Es war jedenfalls äußerst lehrreich. Ich habe viel über mich selber nachgedacht. Ich trinke beispielsweise seit Jahren Leitungswasser und hielt mich in diesem Punkt immer für einen Asketen. Das hat sich radikal geändert. In Afghanistan gibt es keine Wasserleitungen, da laufen die Leute fünf Stunden den Berg hinunter, um sich eine völlig kontaminierte Brühe zu holen, die sie dann trinken und daran erkranken. Da merkt man, wie luxuriös ein Wasserhahn ist. Das klingt so moralinsauer, aber es ist tatsächlich so: Es ist ein Luxus, wie wir hier leben. Irre - eine Wasserleitung!

Interview: Carsten Heidböhmer

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