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stern-Kolumne Winnemuth In Marotten gefangen oder: der Alltags-Voodoo


Manche ziehen die linke Socke immer zuerst an, andere tragen den Schlüssel immer in der rechten Tasche. Gegen solche Macken hilft: Konfrontation.
Von Meike Winnemuth

Es würde die Nacht der Entscheidung werden, das Mutigste, was ich je getan habe. Meike oder Memme, morgen früh würde ich es wissen. Ich zog den Schlafanzug an, holte tief Luft, öffnete die Türen meines Kleiderschranks, legte mich ins Bett und bekreuzigte mich. Es ist nämlich so (und ich bin nicht stolz darauf): Ich ertrage es nicht, bei geöffneten Schranktüren zu schlafen. Die Schiebetüren müssen fest geschlossen sein, nicht den winzigsten Spalt links oder rechts darf es geben. Ich kann noch so knallmüde sein, der letzte Blick gilt dem Schrank: Gibt es eine Lücke, schäle ich mich wieder aus dem Bett und mache ihn zu. Anders geht es nicht. Ü-ber-haupt nicht.

Nach neuesten medizinischen Erkenntnissen besteht jeder Mensch zu 70 Prozent aus Wasser und zu 30 Prozent aus Macken. Macken beginnen als völlig harmlose Vorlieben, werden dann liebevoll zu Routinen und Gewohnheiten hochgepäppelt und wachsen sich im schlimmsten Fall zu veritablen Zwangshandlungen aus. Ich kenne Leute, die im Parkhaus unbedingt rückwärts einparken müssen, weil sie ganz dringend vorwärts aus der Lücke herausfahren müssen, anders ertragen sie es nicht. 

Oder Leute, die ihre Zeitung nur in einer ganz bestimmten Reihenfolge und natürlich völlig unangetastet von irgendwelchen Vorlesern zu sich nehmen können. Nicht wenige meiner Freunde schwören, sie müssten ersticken, wenn sie nicht bei offenem Fenster schlafen. Und ich kenne Stiftfetischisten, das glauben Sie nicht: Tintenroller nur in Marineblau, in der Stärke 0,38 mm und mit der Kappe nach oben im Stifthalter – oder die können kein Wort schreiben, auch wenn sie ausschließlich am Laptop arbeiten.

In Marotten gefangen

So ein Alltags-Voodoo ist gesellschaftlich voll und ganz akzeptiert. Ist ja auch nicht schlimm, nicht lebensbedrohend. Interessant ist nur, in welchem Ausmaß Leute von ihren Marotten gefangen sind, von ihnen genervt sind, aber sie in Wirklichkeit auch ein bisschen lieb haben, vermutlich in der Erkenntnis, dass erst die Macke den Menschen macht. 

Doch irgendwann kommt der Punkt, wo es reicht. Ich hatte diesen Punkt letzte Woche: Ich bin so sehr fixiert darauf, meinen Wohnungsschlüssel immer in die rechte Jackentasche zu stecken, dass ich, als er sich dort nicht fand, meinen Nachbarn Olli rausklingelte und mich in einer halsbrecheri-schen Fassadenkletteraktion von seinem Balkon auf meinen hangelte. Den Schlüssel fand ich auf der anderen Seite – nicht im Schloss, sondern in meiner Handtasche. Wo er nie ist, ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dort nachzuschauen.

Es hilft nur die Holzhammermethode!

Seitdem habe ich mir geschworen, mich nach und nach von meinen blödesten Marotten zu befreien. Deshalb diese Nacht: der Kleiderschrank. In solchen Fällen hilft nur die Holzhammermethode – Konfrontationstherapie. Genau das tun, was einem am meisten widerstrebt. Schranktüren bis zum Anschlag auf. Licht aus. In der Dunkelheit den gähnenden Abgrund hinter den Türen spüren. Einatmen, ausatmen. Dem Impuls widerstehen, die verdammten Türen zu schließen. Sich von links nach rechts wälzen.

Doch wieder aufstehen, einen Whisky holen. Blick zum Schrank. Verdammt. Am nächsten Morgen bin ich erst durch meinen Hund wach geworden, der maulend zwischen Bett und immer noch geöffnetem Schrank saß. Ich habe so tief geschlafen wie schon lange nicht mehr. Okay. Nächster Schritt: zwischen all die Tintenroller in Marineblau/Stärke 0,38 mm einen in Schwarz/Stärke 0,5 mm stellen. Umgedreht. Wahnsinn!

Die Kolumne...

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Dieser Text wurde im Heft Nr. 39 veröffentlicht.


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